Katarine nun zu verlesen begunnte, kam nicht ein Wort von Verdacht der Untreu vor, sondern alle ihre Beschwerden zielten nur auf Misvergnügen und üble Bewegungen, an welchen die gute Dame wohl durch ihr eigenes schlechtes Herz, davon sie jetzt so deutliche Proben ablegte, schuld sein mochte.
Zwölftes Kapitel.
Ulrich ringt nach Unglück.
Herrmann hatte auf der Reise schon so viel von der Unterhaltung seiner gutmütigen Schwester Katarine genossen, dass er bei seinem kurzen Aufentalt auf dem schloss von Senden wenig mehr davon begehrte, und sich am liebsten mit ihren Kindern unterhielt, die ihm sein ganzes Herz zu stehlen wussten.
Er sprach viel mit ihnen von ihrem Vater Ulrich, und alles was sie sagten, zeigte ihm diesen Mann auf einer so schönen und edlen Seite, dass aller Verdacht, den er wider ihn gefasst hatte, in ihm verschwand, und der Wunsch, ihn zu seinem Freunde machen zu können, der bei seinem ersten Anblick rege war, von neuem in ihm erwachte.
Diese Begierde, Alekens rätselhafte Warnungen aufgeklärt, seine eigne Meinung von ihr und Ulrichen berichtigt zu sehen, gesellte sich zu diesem Wunsche; es war beschlossen, eine geheime Unterredung mit ihm zu suchen, und da er dieselbe immer so geflissentlich zu vermeiden schien, alle Mittel zu brauchen, sich dieselbe zu erringen.
Mein Mann scheint entschlossen zu sein, sagte Katarine, nicht eher zurück zu kommen, bis mir die Einsamkeit seine Gegenwart notwendig macht. Die Wahrheit zu gestehen, so kann ich bei dem Umgange eines liebreichen Bruders einen mürrischen Gemahl wohl entbehren. Er bleibe zu Plettenburg, und unterhalte dort ein gutes Vernehmen zwischen unsern und Bernhards haus; dies kann vielleicht in der Zukunft gute Folgen für uns haben.
Herrmann las einen kurzen Brief von Ulrichen, den ihm Katarine darreichte, und der ihr gebot, die Abreise des Ritters von Unna so gleich nach Plettenburg zu melden, weil er nach derselben keine Stunde länger auf Bernhards schloss verweilen könne.
Herrman setzte den nächsten Tag zum Abschiede an, letzte sich mit seiner Schwester und ihren Kindern, liess ihnen Andenken seiner Freigebigkeit zurück, welche fast sein kleines Vermögen erschöpften, und machte sich auf den Weg nach Unna, auf welchem, wie er wusste, der von Plettenburg zurückkommende Ulrich, ihm begegnen musste.
Er wartete seiner einer ganzen Sommertag lang in den Gebüschen, durch welche er ziehen musste, und sein Aussenbleiben bewies ihm, dass er alle Vorsicht gebrauche, ihm nicht entgegen zu kommen, ihn auf keine Art wieder zu sehen. – Ewiger Gott! rief Herrmann, welches muss die ursache dieses unüberwindlichen Widerwillens sein? Ha! ich las den Hass schon zu Plettenburg zu seinen abgewandten Blicken, hörte ihn in dem kalten gedehnten Ton seiner Worte! Vermochte er mir auch nur einmal frei ins Auge zu sehen? konnte ich ihn bereden mit mir einen einigen gang durch Wies und Wald zu tun? war es nicht, als wenn Feuer in seinem Innersten brannte, wenn ich bei der Tafel neben ihm sass, oder sonst ein Zufall mich an seine Seite brachte? Ha! dahinter ist ein schreckliches geheimnis verborgen, ich muss es erfahren, muss mir die bessere Meinung des edlen erringen, und sollt' es mein Leben kosten. Vielleicht, dass mein Unglück ihn argwöhnisch macht! Vielleicht, dass er meine Unschuld an der schrecklichen Tat, die mir das Gerücht aufdichtet, nicht begreifen kann! Ich muss ihn finden, ihn überzeugen, um seine Lossprechung kämpfen. Der Beifall einer ganzen Welt wär mir nichts, wenn Ulrichs Augen eine Blutschuld an mir zu erblicken glaubten!
Ihr, die ihr einst durch eine unwiderstehliche Macht zu einer verschwisterten Seele hingerissen wurdet, ohne den Zauber, der dieses bewirkte, ganz begreifen zu können; ihr, deren Streben nach der Gunst des Einzigen, den ihr unter tausenden wähltet, in dem Maasse zunahm, zum heissen Durste der leidenschaft wurde, als der Geliebte, der Gesuchte, sich von euch zu entfernen schien, urteilet über Herrmanns Vorliebe für Ulrich von Senden. Wer nie etwas ähnliches erfuhr, vermag nicht hiervon zu sprechen!
Der Abend brach an, Herrmanns Unruhe wuchs. Das lange vergebliche Warten auf den Kommenden hatte sein Verlangen nach ihm zur heissen sehnsucht gemacht; die täuschende Nacht verwirrte seine Ideen, ein Gewühl seltsamer düstrer Ahndungen umgaukelte ihn, sein Herz gebot ihm zu bleiben, und eine leise innere stimme rief ihm zu; fliehe! fliehe! – Warum fliehen? fragte sich Herrmann, und blieb.
Der Mond ging auf, Herrmann war dem von Senden so weit entgegen gegangen, dass er von einem Hügel die Spitzen von Plettenburg erblicken konnte. Die Gegend rund umher war öde, kein Geräusch als das monotonische Sausen des Stroms, der sich nicht weit von da, von einer kleinen Anhöhe hinabstürzte, unterbrach die nächtliche Stille. Es war weit nach Mitternacht, der Mond nahte sich bereits dem Untergange, als der Wartende endlich das enge Tal herauf den Huf von Rossen schallen hörte. Die Reuter kamen näher, Herrmann vernahm von Sendens stimme, der seinen Leuten befahl voraus nach seinem schloss zu reiten und ihm hieher Botschaft zu bringen, ob der Ritter von Unna noch gegenwärtig sei.
Die Reuter entfernten sich, Ulrich lagerte sich unter einen Baum, und schnell trat Herrmann, der in der Nähe lauschte, hervor! – Und warum fliehst du mich? rief er, was hat dir Herrmann von Unna getan, dass du dich scheust, einerlei Luft mit ihm zu atmen? –
Entsetzlich! schrie