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wechseln, doch hatte sie darum, wie es am Tage lag, ihre Absicht ihn und Ulrichen zu trennen, nicht aufgegeben.

Herrmann blieb entschlossen, seine Schwester Katarine nach ihrem schloss zu begleiten, und Ulrich von Senden ward in dem nehmlichen Augenblick, da dieses öffentlich kund gemacht wurde, eingeladen, noch einige Tage nach Abreise der andern zu Plettenburg zu bleiben.

Ulrichs Gesicht hatte sich bei Herrmanns Erklärung, dass er sein Gast auf seinem schloss sein wolle, mit einer Todenblässe überzogen, und schnell kamen bei der Einladung, die er von Bernden auf Alizens Veranlassung erhielt, Leben und Freude in seine Züge zurück; Herrmann sah zum erstenmahle, dass er die Hand seiner schönen Schwägerinn küsste, und ihr einige verbindliche Worte sagte. Alize errötete und schlug die Augen nieder, indessen Ulrich sie mit einem Blicke ansah, der den höchsten Grad von Dankbarkeit ausdrückte.

Was ist das? sagte Herrmann, der dieses alles bemerkte, zu sich selbst. – Sollte ich mich in Alizen und in diesem Ulrich von Senden geirrt haben ? sollten sie vielleicht nichts von dem allen sein, wofür ich sie hielt. – Ha! ohne Zweifel findet ein geheimes strafbares Verständniss unter beiden statt. Dass sie sich ehemahls liebten, zeugen ihre verstohlnen Blicke, ihr schnelles Erröten, ihre widersprechenden Handlungen; dass diese Liebe noch immer dauert, beweisst ihr jetziges Betragen. – War es darum, gleissnerische Alize, dass du Ulrichen von mir zu entfernen suchtest, damit ich nicht etwa eure strafbare Vertraulichkeit entdecken und die Ehre meines Bruders rächen möchte? – Suchst du ihn jetzt darum bei dir zu behalten, damit du, ohne dich vor den Augen einer vielleicht eifersüchtigen Frau und eines argwöhnischen Bruders zu scheuen, ungestört deiner leidenschaft nachhängen kannst? –

Der Schein war in Herrmanns Augen so gänzlich wider Alizen, dass er sich verwunderte, wie sein Bruder Bernhard so verblendet sein könne, Dinge nicht zu merken, die, wie er meinte, einem Jeden in die Augen fallen mussten, und ein Glück war es für die beiden Beschuldigten, dass Herrmann nicht voreilig genug war, Bernden seine Gedanken mitzuteilen.

Herrmann reiste mit Katarinen und ihren Kindern ab; guterzige liebliche Geschöpfe, mehr Abdrücke ihres liebenswürdigen Vaters als ihrer Mutter. Herrmann beschäftigte sich gern mit ihnen, und erholte sich an ihrem Anblicke, wegen des Verdrusses, den ihm Katarinens lästiges Geschwätze machten.

Er überzeugte sich immer mehr von dem schlechten Herzen dieser Frau, ihre Zunge schonte keines einigen ihrer Verwandten, alle suchte sie bei Herrmannen zu verläumden, selbst die unschuldigen Nonnen, Agnes und Perronelle. – Sie rühmte mit inniger Selbstzufriedenheit den ihr ganz besonders eigenen Scharfblick, das Laster in seinen verborgensten Schlupfwinkeln zu entdecken, und führte einige Beweise von diesem Talent an, welche wirklich einzig in ihrer Art waren. – Sie war eben in ihrem Sündenregister auf die Frau von Unna gekommen, und Herrmann erwartete nun nichts gewisseres als die Bestättigung seiner in den letzten Augenblicken des Aufentalts zu Plettenburg gefassten Meinung, zu hören, Ulrichen der Untreu und Alizen der Verführung angeklagt zu sehen; aber wie erstaunte er, als nichts von dem allen erfolgte, als er ganz das Gegenteil von dem erfahren musste, was er erwartet hatte.

Diese Alize, sagte Katarine, ein armes fräulein aus dem durchächteten haus von Langen, ist recht zum Glück in unsere Familie gekommen, Bernhard würde vielleicht unverheiratet geblieben sein, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie ist ihm mit eiserner Treue ergeben, geht ihm fast nie von der Seite und wird dadurch die Geissel aller Frauen unserer Gegend, denen sie von den Männern unablässig zum Beispiel vorgestellt wird. – Sie ist nicht hässlich wie du gesehen haben wirst, auch fehlt es ihr nicht an Anbetern, und ich habe daher immer geglaubt, sie halte sich insgeheim für ihre äusserliche Strenge schadlos; aber so viele Jahre, in welchen ich sie nun unablässig beobachtete, haben mich endlich überzeugt, dass sie ein geschöpf ohne Geist und Herz ist, welchem diese Art der Tugend nicht schwer fallen kann.

Herrmann sah Katarinen mit starren verwunderungsvollen Augen an, und wusste nicht, wie er eine Frage einleiten sollte, um sich über das verhältnis, das er zwischen Ulrich und Alizen wähnte, zu belehren.

Ist sie eine Freundinn von dir und deinem mann? fragte er endlich mit angenommener Gleichgültigkeit.

Von mir? erwiderte sie, ich glaube ja. Du siehst, ich meine es gut mit ihr, und verdiene also ihre Freundschaft, auch ist sie freundlich und freigebig gegen die Kinder; aber mein Mann ist, wie es scheint, der Gegenstand ihrer tiefsten Verachtung, wenigstens weis ich, dass sie nie ein freundliches Wort gewechselt haben als heute. Du hast ihre Einladung gehört, ich erstaunte und freute mich, dass sie Ulrich mit Höflichkeit aufnahm; denn die Wahrheit zu gestehen, er macht so wenig aus ihr, als sie aus ihm, er geht ihr überall aus dem Wege, und wie ich glaube, ist er in all den Jahren unsers Ehestandes nicht dreimahl auf Plettenburg gewesen. – Herrmann konnte sich nicht entalten, den Kopf zu schütteln, und suchte durch eine Menge künstlicher fragen noch einen Anschein von dem, was er dachte, herauszubringen, aber er erlangte nichts weiter, als zu seinem grossen Vergnügen, die überzeugung, dass er sich in seinem Urteil von Ulrich und Alizen geirrt habe. Wie hätten sie eine bessere Zeuginn ihrer Unschuld haben können als Katarine.

Selbst in dem Klaglibell wider den Herrn von Senden, welches