1788_Naubert_078_92.txt

zu finden, er hätte sich tiefer vor ihm beugen müssen, wie vor Kayser Wenzeln und König Siegmunden, wenn er nicht hätte wider den hier eingeführten Wohlstand sündigen wollen; er tat es nicht, begegnete Bernharden bloss mit der achtung, die er einem ältern Bruder schuldig zu sein glaubte, und wurde mit Unwillen angesehen

Herrmann wandte seine Augen bald von dem stolzen Edelmanne hinweg nach einer jungen Dame, welche an seiner Seite sass und die, als die Aebtissinn ihr Herrmanns Namen nannte, sich mit unwiderstehlicher Anmut erhob, ihn schwesterlich zu grüssen. Sie war die gemahlin Bernhards, die Herrmann nicht kennen konnte, weil sie erst nach seiner Flucht aus seinem vaterland in das Haus von Unna gekommen war.

Herrmann blickte sie voll Bewundrung an, nie hatte er nach seiner Ida eine hinreissendere Schönheit gesehen, als Alizen oder wie sie hier die verderbte Mundart nannte, Aleken von Langen. Und diese Holdseligkeit, diese Milde, die in allen ihren Gesichtszügen, in ihrem ganzen Betragen lag, und die mit der Aufgeblasenheit ihres Mannes so sonderbar kontrastirte, dieser schwermütige Zug um die Augen diese rührende Blässe, die ihr schönes Gesicht übergoss und es laut sagte, dass sie nicht glücklich sei, was für Zusätze ihren Anblick unwiderstehlich zu machen.

Aleke ergriff die Hand des bestürzten Herrmanns, und nannte ihn zum zweitenmahl Bruder, tat es mit einem Tone, der das Herz des Jünglings mit einem unnennbaren Gefühl ergriff und ihn zu ihren Füssen stürzte.

Bernhard sah dieses Opfer, das er mehr auf die Rechnung der Frau von Unna als der schönen Alize schrieb, mit Beifall. Er fing an zu glauben, Herrmann sei noch nicht ganz für die Eitelkeit seines volkes vernachlässigt, und bot ihm mit ziemlich guter Art die Hand ihn aufzurichten. Herrmann küsste die Hand seiner reizenden Schwägerinn, nahm Platz auf dem Sessel, den ihm Bernd herablassend darbot, und ward mit einigen fragen beehrt, die er gut genug beantwortete, um nicht von neuem den Stolz seines Bruders zu beleidigen.

Bald darauf geriet der erhabene Herr von Unna in ein Gespräch mit seiner Schwester der Aebtissinn, und Alize winkte die Klosterjungfern von Ueberwasser, ihre Busenfreundinnen herbei, um sie in das Gespräch mit Herrmann zu ziehen.

Nun Bruder, fragte die lächelnde Petronelle, ist unsere Weissagung eingetroffen?

O rief Herrmann, ich bin überrascht, entzückt, glaube Ida zu sehen, und nenne mich glücklich so eine Schwester zu haben!

Alize hatte eine verbindliche Antwort auf der Zunge, aber ein blick, den sie auf Ulrichen von Senden warf, der ihr gegen über an eine Seule gelehnt dastand, und sich ganz in ihrem Anschauen zu verlieren schien, machte, dass sie verstummte und mit glühender Röte übergossen ward.

Herrmann war zu sehr mit andern Dingen beschäftigt um dieses zu bemerken, aber er brauchte nur einen Tag in dem haus seines Bruders zu sein, um ähnliche Erscheinungen zu sehen, die es ihm bewiesen, dass er die geschichte seines Hauses bei weitem noch nicht ganz kannte.

Ulrich von Senden war der Mann, den er sich unter allen am wenigsten enträtseln konnte. Seine Gestalt, seine Miene nahm unwiderstehlich für ihn ein, und sein Betragen, wenigstens gegen Herrmannen, war zurückstossend, er war rauh und kalt, wenn er mit ihm, und sein zärtlicher Freund, sein warmer Lobredner, wenn er von ihm sprach, alle Bemühungen des jungen Ritters ihm das, was er für ihn zu fühlen begunte, mitzuteilen, ihn in einen freundschaftlichen Umgang zu ziehen, waren vergebens, er schien alle gelegenheit zum einsamen Gespräch mit ihm zu fliehen, und lächelte ihm nur dann mit einiger Ruhe und Heiterkeit, wenn er ihn im Kreise aller Anwesenden sah. Eben so seltsam war sein Betragen gegen die Frau von Unna; musste er mit ihr sprechen, so war sein Ton kalt, beinahe verächtlich, und doch hing sein Auge mit unersättlichen Blicken an ihr, so bald er nicht bemerkt zu werden glaubte; er floh ihren Umgang geflissentlich, und konnte sich doch nicht entbrechen nach jeder Bewegung, die sie machte, hinzuschauen, nach jedem ihrer Worte sein Ohr zu neigen.

Dass dieser sonderbare Mann seiner Frau wenig freundliche Blicke verlieh, kam Herrmannen nun eben so ausserordentlich nicht vor, viel ausserordentlicher dünkte es ihm, wie diese Frau, diese Katarine überhaupt, Ulrichs gemahlin werden konnte. – Der Jüngling nahm bei seinen Zweifeln oft seine Zuflucht zu seinen Schwestern den Nonnen, aber diese zuckten die Achseln, und versicherten, dass sie selbst noch lang nicht genug von diesen Dingen unterrichtet wären, um einem Andern Aufklärung hierinn zu geben.

Die Frau von Unna schien eine besondere Vorliebe für ihren neuen Bruder gefasst zu haben, er und seine Schwestern Agnes und Petronelle waren ihre Lieblingsgesellschaft. Nie zog sie ihn mit mehrerm Eifer an sich, als wenn sie bemerkte, dass er wieder einen Anfall auf Ulrichs Herz tat, und dass dieser fast nicht mehr wusste, wie er seine angenommene Kälte gegen ihn behaupten sollte. Was habt ihr doch endlich, sagte sie eines mahls zu ihm an diesen sonderbaren Menschen? ich bitte euch versprecht mir, euch nie in besondere Vertraulichkeit mit ihm einzulassen, er ist ehrlich genug euch von sich zurück zu schrecken, und ich denke, er wird dazu seine Ursachen haben. Herrmann ergriff diese gelegenheit einige fragen über Ulrichen an Alizen zu tun, aber sie beantwortete sie nicht, und suchte mit einem Erröten das Gespräch auf andere Dinge zu bringen.

Zehntes Kapitel.

Herrmann weis nicht, woran er ist