schweigen und versprechen, vor der Hand zu bleiben, und sich des andern Tages durch sie seinem ältern Bruder Bernhard von Unna, der seinen Sitz zu Plettenburg hatte, vorstellen zu lassen. Es ward späte, Herrmann musste die geliebten Schwestern und die ungeliebte verlassen. Ursula schloss ihn beim Abschied zärtlicher in die arme als anfangs; die Begierde andere zu kränken hatte ihr Herz gegen ihn erweicht, und sie ging in ihrer Milde so weit, dass sie durch ihr Ansehn die Oeffnung des Sprachgitters bewürkte, damit auch Agnes und Petronelle den geliebten Bruder umarmen konnten.
Neuntes Kapitel.
Einige Familiengemälde aus dem haus Unna.
Wie musste Herrmann, dessen Herz sich an den Umgang mit dem edlen Herzog von Oesterreich, an die liebenswürdige Ida, an den redlichen Münster gewöhnt hatte, wie musste ihm zu Mute sein, hier unter seinen Geschwistern Gesinnungen zu finden, wie sie ihm fast noch nie vorgekommen waren. Es ist wahr, er hatte schreckliche Charaktere kennen gelernt, hatte Kunzmann und die gräfin von Cyly handeln sehen, und sich mit Entsetzen von ihnen zurückgewandt. Hier fand er noch bei weitem nicht jenen hohen Grad von Ruchlosigkeit, aber die Gesinnungen dieser niedrigen gemeinen Seelen flössten ihm eine ganz eigene Empfindung ein, einen Eckel: eine Verachtung, deren schmerzhaftes Gefühl er nur durch einen blick auf die liebenswürdigen Nonnen zu Ueberwasser lindern konnte; sie waren der einige Ruhepunkt, bei welchem er gern verweilte, und mehr der Wunsch sie noch einmal zu sehen, als das Versprechen, das er der Aebtissinn zu Marienhagen gegeben hatte, bewog ihn zu bleiben und sich seinen andern Geschwistern vorstellen zu lassen. Er zitterte, noch mehr hässliche Originale in seiner Familie zu finden, und zuletzt an seiner eigenen Herzensgüte zu zweifeln da der Stamm, aus dem er entsprossen war, so wenig taugte.
Der Tag, vor welchem ihn graute, brach an. Er eilte nach Marienhagen, wo er versprochen hatte sich einzufinden, und seine Schwester die Aebtissinn abzuholen. Er fand daselbst die ganze Versammlung seiner Geschwister, bis auf den grossen Mann, welchem er vorgestellt werden sollte. Agnes und Petronelle flogen ihm mit schwesterlicher Zärtlichkeit entgegen. Der phlegmatische Domherr von Münster schüttelte ihm kalterzig die Hand, und die Frau von Senden sollte ihm auf Befehl der heiligen Ursula eine Entschuldigung ihres Vergehens stammeln. Herrmann hatte ihr längst verziehen, und es bereut, dass er einen Augenblick auf die Unglückliche gezürnt hatte. Die tiefe Demütigung auf ihrem Gesicht beschämte ihn, er schloss sie in seine arme und nannte sie Schwester.
Neben ihr stand Ulrich von Senden, ihr Gemahl, eine Figur, wie sie die natur nur selten bildet, das höchste Ideal männlicher Schönheit, mit dem Abdruck einer eben so schönen Seele in seinen sprechenden Zügen; er grüsste den neuen Ankömmling mit Würde, und Herrmann, der wie Jünglinge pflegen, sich leicht von körperlichen Reizen zu Liebe und Freundschaft hinreissen liess, drückte ihn mit Wärme an seine Brust.
Was ist das? sagte Herrmann zu sich selbst, ein solches Gesicht in diesem Cirkel von Altagsmenschen? ein solcher Mann der Gemahl meiner Schwester Katarine?-Er wandte sich zu den beiden Klosterfräuleins um Auskunft über seine Zweifel zu erhalten, sie lächelten, und sagten, er möchte sich bereiten, heute noch eine person in seiner Familie kennen zu lernen, welche seine Erwartung übertreffen würde.
Der Zug nach Plettenburg ging vor sich, der Herr von Senden schien sich so ungern wie Herrmann an denselben anzuschliessen; er hatte einen ernsten Wortwechsel mit der äbtissin über die Feierlichkeit desselben, und gab Winke, dass sich dieselbe nicht zu der Lage des neuen Ankömmlings schicke, doch von diesen Dingen durfte jetzt, seit es der heiligen Ursula beliebte, ihrem Bruder gnädig zu sein, nicht laut gesprochen werden, und das Gerücht von Herrmanns Unglück, das zuvor niemand unvorsichtiger ausgesprengt hatte als sie und die von ihr so sehr gehasste und ihr doch so ähnliche Katarine, sollte jetzt da sie gebot, nun sogleich unterdrückt, aus jedem Gedächtniss verlöscht sein.
Herrmann hatte die Höfe der grössten Fürsten seiner Zeit gesehen, war der Diener eines Kaysers und eines Königs von Ungarn gewesen, hatte sich zu Nürnberg oft in einem ganzen Cirkel von Männern befunden, welche alle es wagen durften die Hand nach der höchsten Krone der Welt auszustrecken, aber nirgend hatte er das Gepränge, und den prahlenden Anschein von Grösse getroffen, als hier auf dem schloss eines gemeinen Edelmanns.
Bernd, bei welchem der Jüngling jetzt eingeführt wurde, musste glauben, die Ehre, das Haupt der jüngern Linie des Hauses von Unna zu sein, sei der Gipfel menschlicher Hoheit, wie hätte er sonst diesen lächerlichen Pomp bei sich einführen, sich so von seinen Dienern und Verwandten huldigen lassen, und auf alles, was ihn umgab, so stolz herablächeln können!
Der Hof zu Plettenburg, wie man hier Bernhards Hauswesen zu nennen pflegte, war in der Tat für einen Herrn von Unna glänzend genug, aber diese Herrlichkeiten, welche Herrmannen, der die Welt gesehen hatte, nicht blenden konnten, trugen in dem Auge des Verständigen ein trauriges Gepräg; dieser Schimmer entsprang von der Aussteuer unglücklicher Schwestern, von der Habe unglücklicher Brüder, die sich selbst aufopferten, oder aufgeopfert wurden, um das angebetete Haupt ihres Hauses wie einen kleinen Fürsten leben zu lassen.
So widrig als Herrmannen das Aeusserliche des Hauses war, das er jetzt betrat, so sehr misfiel ihn der Wirt desselben, ungeachtet er sein Bruder war; auch er schien keine sonderliche Gnade vor Bernden