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Stelle stehen, wo er war, und seine Augen verschlangen die schöne Spinnerinn, welche wohl ein bis zweimal den Mund auftat, als wollte sie den Jüngling an die Bitte ihrer Mutter erinnern, aber ihn schnell wieder schloss, als zweifelte sie, ob es ihr in Abwesenheit ihrer Eltern ziemte, mit einem Fremden, mit solch einem Fremden zu sprechen.

Liebe Jungfrauen des achtzehenden Jahrhunderts, es war gar eine seltsame Sache um den jungfräulichen Wohlstand zu Kaiser Wenzels zeiten, und wenn ihr etwa glauben sollet, als sei Schüchternheit auch damals nur die Sitte geringer Mädchen gewesen, so erinnert euch nur, dass Ida wie ein fräulein erzogen war, und sich sehr wohl nach dem, was man sie gelehrt hatte, zu halten wusste. Auch hoffe ich, ihr werdet ihr Betragen nicht Einfalt oder Blödigkeit nennen, wenn ihr zurücksinnt, mit wie viel Freimütigkeit und Anstand sie am Montag nach Allerheiligen erschien, und mit jedem ihrer Worte, jedem ihrer Blicke nicht allein das Herz Sophiens, sondern tausend andere Herzen fesselte. Höret weiter:

Herrmanns Aufführung wird nicht weniger seltsam in euren Augen erscheinen. – Die Spinnerin verlor die Spindel, und der junge Herr, an statt dieselbe aufzuheben um der Atmosphäre des Mädchens näher zu kommen, oder gelegenheit zum Anfang eines Gesprächs zu finden, blieb stehen, und liess es ruhig zu, dass sie selbst sich beugte, um ihr Handwerkszeug von neuem zu fassen.

Ida, welche diesen Fall nicht aus Koketterie veranlasst hatte, glühte vor Beschämung über ihr versehen, und fing an das Rädchen hurtiger zu drehen, um den etwanigen Vorwurf der Unschicklichkeit in dem Herzen des Fremden hinweg zu tilgen.

Es ist schwer zu erraten, ob irgend ein Zufall den Liebenden und die Geliebte näher zusammen gebracht haben würde, da sie diesen so unachtsam vorbeigehen liessen, aber alle Möglichkeit dazu ward in diesem Augenblick durch die Ankunft der Mutter vereitelt.

Und was bringt einen Gesandten des Kaisers in mein schlechtes Haus? fragte die Matrone, indem sie Herrmannen nochmals zum Sitzen nötigte, und sittig vor ihm stehen blieb. – Der Kammerjunker stockte, errötete, welches jetzt bei Kammerjunkern etwas seltnes ist, und fand, dass es nicht ohne Schwierigkeit sei, einen Auftrag, wie der, mit welchem Kaiser Wenzel ihn beehrt hatte, auszurichten. Auch sagt die geschichte nicht, wie er sich endlich dessen entledigte, sondern sie führt uns nur auf die Würkung, die er auf das Gemüt der Münsterin tat. Sie lächelte, und winkte mit einem bedeutenden blick auf Ida; Kind, sagte sie, das bedeutete mir mein Traum, ich fand in Abwesenheit des Vaters Rosen in unserm Garten, Rosen bedeuten Ehre!

Mit diesen Worten war die guterzige Frau nach einen grossen Seulenschranke gegangen, den sie mit Geräusch öffnete, und mit einem Kästchen von schwarzem Ebenholze zurückkehrte. Gut, sagte sie, indem sie sich an Herrmanns Seite setzte und das kleine Behältniss auf dem Tische ausleerte, gut dass mein Mann nicht zu haus ist, und mir die Ehre hinwegnimmt, einem so grossen Herrn zu dienen. Hier, Herr Ritter, nehmt so viel ihr wollt, nehmt alles, nehmt es ungezählt, nur diese Kette und diesen Ring nehme ich hinweg, sie gehören meiner Tochter, und, fuhr sie fort, und grüsst unsern Herrn den Kaiser schönstens von mir, und wir liebten ihn alle, seit er uns eine so gute Kaiserin gegeben hätte. Durch sie, hofften wir, sollte manches besser werden.

Herrmann erstaunte über die Bereitwilligkeit, mit welcher dieser Frau, wie er meinte, ihren ganzen Schatz dem Vergnügen aufopferte, einem Herrn, wie Wenzel, gedient zu haben. Er sah sie an, sprach etwas von sicherer Wiedererstattung, an welcher er doch selbst nicht glaubte, und trat endlich mit dem Auftrag hervor, den ihm der Kaiser vor den alten Münster zur Belohnung (vielleicht zur einigen Erstattung) für das Darlehn gegeben hatte. Wer soll nun, fragte Herrmann, das Recht haben, mit einer goldnen Kette zu prangen, derjenige, dem der Kaiser es zudachte, oder die guterzige Frau, welche so bereitwillig ist ihm zu dienen?

Mein Mann ist so hochmütig nicht, sprach die Münsterinn lächelnd, und ich? freilich mir sollte so ein Vorzug vor meines gleichen ganz wohl tun, aber wenn mich der Kaiser belohnen will, so will ich ihn schon einmal um etwas anders bitten, das er mir nicht abschlagen muss, wenn er dankbar sein will.

Herrmann versicherte, er getraute sich alles für sie beim Kaiser zu erlangen was sie wünschte, und er glaubte ihr die Freiheit zusichern zu können, jeden Schmuck öffentlich tragen zu dürfen, den sie wünschte, ohne dass ihr darum für die Zukunft eine freie Bitte abgeschlagen werden sollte. – Der junge Mensch, der einen teil der Liebe für die Tochter auf die Mutter übertrug, sprach mit einem Feuer, das der klugen Münsterinn ein neues Lächeln abnötigte. Es freut mich, sagte sie, dass ihr so viel bei eurem Herrn geltet, auch danke ich für die erlaubnis die Kostbarkeiten zu tragen, die ich habe; allenfalls kann ich mich auch im haus damit schmücken, wenn mir das Freude macht. Aber wie ist das, hat euch der Kaiser, bei dem ihr so viel zu sagen habt, nie erlaubt mit goldnen Ketten zu prangen? Mich dünkt ich habe euch oft in der Kirche und anderwo gesehen, aber nie mit so etwas um euren Hals; und ihr seid doch ein Edler!