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Meine Leser erinnern sich vielleicht, dass Herrmann in seinem zwölften oder dreizehnten Jahre dem Kloster entfloh, um Kaiser Wenzels Edelknabe zu werden, ein Schritt, der seinen Verwandten, welche meistens aus geistlichen Herrn und Frauen bestanden, nicht gefallen konnte, und der alles Einverständniss zwischen ihnen und dem entflohenen Knaben aufhob.
Herrmann fand sich in seinem nachmaligen stand zu glücklich, ward in der Folge in zu mancherlei begebenheiten verwickelt, als dass er sich viel um seine strengen Zuchtmeister hätte bekümmern sollen. Die Klosterjungfern zu Ueberwasser, seine Schwestern Agnes und Petronelle, guterzige Gespielinnen seiner Kindheit, und von ihm herzlich beklagte Schlachtopfer des Privatnutzens ihrer älteren Geschwister, waren die einigen, mit denen er die ganze Zeit über eine Art von Einverständniss unterhalten hatte.
Die Briefschreiberkunst war damals noch nicht in sonderlichem Flor, und niemand verstand sich weniger darauf, als die Rittersleute, es ist daher wohl zu glauben, dass Herrmann keine weitläuftige Korrespondenz mit seinen Schwestern geführt haben wird, doch meldet die geschichte, dass nicht leicht etwas wichtiges in dem Leben des Jünglings vorfiel, das er nicht den Nonnen zu Ueberwasser durch Botschaft oder Schrift kürzlich gemeldet, kein Glück, es mochte auch noch so klein sein, ihm zustiess, das er nicht mit Agnes und Petronellen geteilt haben sollte.
Ob die Klosterjungfern allemal klug genug waren, mit der Vertraulichkeit ihres Bruders behutsam umzugehen, das will ich nicht entscheiden. Die Freude, auch in der Ferne noch von ihm geliebt, allen seinen andern Verwandten vorgezogen zu werden, machten sie oft geschwätzig, und so geschah es, dass seine ältern Geschwister von den wichtigsten begebenheiten seines Lebens unterrichtet waren, und dass er einige merkwürdige Sendschreiben in seinem Archiv aufzuweisen hatte, welche bald sein Bruder der Domherr zu Münster, bald seine Schwester die Aebtissinn zu Marienhagen an ihn abgelassen hatten, um ihn von dem Urteil zu benachrichtigen, das sie in ihrer weiten Entfernung von den Dingen fällten, die in einer Welt vorgingen, welche sie nicht kannten.
Die Ermahnungen, mit welchen diese Briefe angefüllt waren, hatten nie sonderlichen Beifall, bei dem feurigen Jünglinge gefunden, und er war immer so unartig gewesen, sie unbeantwortet zu lassen, daher er sich vorstellen konnte, dass jetzt alle Ueberreste ehemaliger Liebe in den Herzen seiner ältern Geschwister erstorben sein und der Hass und Groll, zu welchen er durch seine Flucht an Kaiser Wenzels Hof den ersten Grund legte, hoch empor gewachsen sein würde.
Auch waren sie keinesweges die Personen, nach welchen er sich jetzt sehnte, oder die er bei seiner Anwesenheit in seinem vaterland zu sehen wünschte; ein jüngerer Bruder, ehemals so wie er zum Klosterleben bestimmt, und seine Schwestern Agnes und Petronelle, waren die einigen, nach welchen er sich jetzt in der Zeit der Einsamkeit, und der Erwartung des alten Grafen von Unna zuweilen zu sehnen pflegte. Er zog Erkundigung nach diesen dreien ein, und erfuhr, dass Bruder Johann dem Kloster entkommen sei, und sich eine Stelle unter den deutschen Ordensrittern errungen habe, indessen die Nonnen zu Ueberwasser noch immer in ihrem Kloster lebten.
Die Reise nach diesem Kloster war beschlossen. Die Ankunft des Grafen von Unna verzog sich zu lange, Herrmann war zu gewohnt wenigstens eine freundschaftliche Seele zu haben, der er sich mitteilen konnte, als dass er es länger zu Unna, wo er unter lauter Fremden lebte, hätte aushalten können.
Herrmann erhielt Zutritt am Sprachgitter, Agnes und Petronelle waren gegenwärtig, aber sie waren nicht allein. Das Herz ihres Bruders wallte ihnen entgegen, aber die Anwesenheit einer Dritten machte, dass er die Nennung seines Namens und die Ergiessungen dieses brüderlichen Herzens bis auf die Einsamkeit versparte.
Die Fremde, eine person mit einem wenig versprechenden doch Herrmann sehr bekannten Gesicht, verwandte kein Auge von ihm, und schien über der Bemühung, aus seinen Zügen seinen Namen zu erraten, die Unterhaltung mit den Nonnen, welche sie zu besuchen gekommen war, ganz zu vergessen.
Auch Herrmann schwieg, und arbeitete unter der peinlichsten Beklemmung.
Ich bin hier überlei, sagte die Dame endlich zu den Nonnen, indem sie aufstand, ohne Zweifel ist dieser Ritter nicht gekommen, euch bloss anzusehen; oder sind seine Blicke von der Art, dass ihr sie auch ohne Sprache erklären könnt?
Wir kennen ihn nicht, erwiderte Petronelle. Ob wir gleich, fuhr Agnes fort, gewiss alle beide etwas in seinen Zügen finden. – –
Das euch unendlich gefällt! setzte die Dame mit einem höhnischen Blicke hinzu. Nun wahrhaftig, ein sehr offenherziges geständnis für ein paar geistliche Frauen!
Ich rufe euch zum Zeugen Ritter, rief Agnes mit Unwillen, ob ihr uns bekannt seid.
Die Fräuleins von Unna kennen mich also nicht? haben keine Mutmassung? fragte Herrmann in einem zärtlichen Tone.
Nun fort, fort! Kinder! sagte die Dame, welche Herrmannen immer bekannter dünkte, und mit jedem Augenblicke weniger gefiel, Mutmassungen müsst ihr haben! der Ritter gesteht dies ja selbst!
O wenn Mutmassungen, wenn Ahndungen hier etwas gälten! rief Petronelle. Wir hörten so lange nichts von unserm Bruder Herrmann, solltet ihr vielleicht uns Botschaft – –
Von eurem Bruder? schrie die Dame in einem zornigen Tone, seid ihr die einigen Schwestern des kleinen Herrmanns? – Zwar eure andern Geschwister könnten euch vielleicht diese Ehre gern allein gönnen!
Und wer ist dieser kleine Herrmann? fragte der Ritter mit einem unwilligen Blicke auf die Sprecherinn.
O verzeihet ihr! rief die sanfte Agnes, man pflegt oftmahls Personen klein zu nennen