und eben so soll Herrmann von Unna fallen."
Mein einhändiger Schutzengel verhüllte mir den Mund, der sich nach Endigung dieser Worte zu einem fürchterlichen Geschrei öfnen wollte, auch dünkt mich, er war es, der mich mehr tod als lebendig aus dieser Hölle herauf schleppte, und mich im Fluge nach haus brachte. – Er hatte mich meiner Verkleidung ungeachtet erkannt, er überhäufte mich mit Vorwürfen wegen meines Vorwitzes, entriss mir meine Hülle, die er mit sich nahm, nahm ein Versprechen von mir, das ich so leistete, dass ich es halten konnte, und liess mich an der geschlossenen Pforte des Pallasts des Grafen von Würtemberg stehen. – Was sollte ich tun? fliehen? zu dir fliehen? hier bleiben und die Ankunft meines Vaters und seinen Zorn erwarten? – Schon sah ich in der Ferne beim falben Licht des Mondes ihn und seinen Begleiter zum Vorschein kommen. – Ich erwählte das kürzeste Mittel, ich klopfte an die Tür, man liess mich ein. Kunigunde erstaunte, dass ich ihre Aufmerksamkeit getäuscht, und indessen sie mich schlafend glaubte, – – doch was mache ich, du weisst, Träume gehen nie so ins kleine, auch ist der meinige hier zu Ende, und ich rufe zum zweiten mal: Fliehe Herrmann! fliehe! der heimliche Rächer tritt auf deine Fersen! – Ich sollte dich nicht warnen, aber einen Traum konnte ich dir ja erzählen!
Sechstes Kapitel.
Weitläuftige Folgen eines einzigen
unüberlegten Schrittes.
Herrmann war so glücklich in seinem Herrn einen Freund zu haben. Er hatte sich nicht so bald von dem Entsetzen erholt, das ihm dieser Brief, den er durch einen Unbekannten erhielt, verursachte, als er zu Herzog Albrechten eilte, und ihm denselben vorlegte. Eine lange Beratschlagung erhub sich zwischen beiden, welche sich damit endigte, dass Albrecht den Ausspruch tat, es sei eine Unmöglichkeit sich vor den Unsichtbaren, die ihn verfolgten, anders als durch die Flucht zu retten, und auch dieses könne nur so lang helfen als sein Aufentalt verborgen blieb, oder überlegene Macht ihn schützte. Wir müssen uns trennen, Herrmann, rief er, wir müssen uns trennen; Ida hat recht, dein Fürst ist zu schwach, dich wider den Arm der heimlichen Rächer zu schützen. Fliehen? sprach Herrmann, fliehen? um eines Traums willen? –
Kannst du die Erzählung der gräfin im Ernst für einen Traum halten? Fliehen musst du! Ida gehorchen musst du! aber – wohin? zum König Siegmunden?
Zum Sklaven eines ruchlosen Weibes? schrie Herrmann, der vergass, dass Albrecht der Bräutigam der jungen Elisabet, der Tochter Siegmunds und Mariens war.
Albrecht lächelte, und fragte weiter: Zum Herzog von Sachsen, dem obersten Stuhlherrn aller heimlichen Gerichte? – Er könnte dich am besten schützen, wenn es dir geläng ihm deine Unschuld klar zu machen. –
Herzog Rudolf ist des unglücklichen Herzogs von Braunschweig Freund und Verwandte, ist vielleicht schon zu sehr wider mich eingenommen, um die stimme der Wahrheit zu hören. –
Dein Name lässt mich mutmassen, dass du ein Verwandter des alten Grafen von Unna bist, er ist einer der obersten Vorsteher aller westphälischen Gerichte; sollte er dir seinen Schutz entziehen? –
Es ist ein erklärter Feind unsers Hauses, ich darf mich nicht zu ihm wagen. –
Sahst du ihn je zuvor? versuchtest du, wie er gegen dich gesinnt ist? –
Nein! –
Herrmann, der Graf von Unna, ist ein edler vortreflicher Mann, du musst zu ihm, mich dünkt, du hast ihn nie beleidigt; du kannst auf seinen Schutz rechnen. –
Sein Hass gegen die Herrn von Unna gründet sich auf die Händel der Martinsritter mit dem Grafen von Würtemberg, ich war zu jener Zeit ein achtjähriger Knabe. –
Folge mir, Herrmann! wirf dich in seine arme, er wird dich schützen, wird deine Unschuld ans Licht bringen.
Herrmann gehorchte, und der nächste Tag, oder vielmehr die Schatten der nächsten Nacht sahen ihn die Reise nach Westphalen antreten, ohne dass ihm seine Bemühungen, der gräfin von Würtemberg vorher schriftlich oder mündlich zu danken geglückt wären. Mittlerweile lebte Ida in dem haus ihres Vaters ein trauriges Leben. Kunigunde bewachte sie sorgfältiger als jemals, und die Augen des Grafen von Würtemberg ruhten oft mit einem sonderbaren argwöhnischen Blicke auf ihr. Herrmanns heimliche Entweichung, welche bald ausbrach, und über welche sich niemand bestürzter bezeugte, als Herzog Albrecht, verschlimmerte ihre Lage, sie ward mit verfänglichen fragen gequält, mit halb verständlichen Vorwürfen beunruhigt, und lernte jetzt mehr als zuvor je, es bedauren, dass sie nicht mehr Ida Münsterinn, sondern die gräfin von Würtemberg war. O Münster, wie viel Seufzer flogen deiner stillen bürgerlichen wohnung in Prag zu! wie viel Tränen beklagten, dass du nicht wenigstens gegenwärtig warest, um, wie ehedem, Rat und hülfe in drückenden Verlegenheiten herbeizuschaffen.
Ach er hatte es versprochen, seufzte Ida, hatte es meinem Herrmann versprochen, mich nicht zu verlassen, und Jahre sind vergangen, ohne dass er sich um mich zu bekümmern scheint! – Die gute Ida wusste nicht, dass ehemals Münster, um ihr Leben zu retten, in eine geheime Gesellschaft trat, welche despotisch über ihre Glieder herrschte, und ihnen unumschränkt jeden Ort vorschreiben konnte, wo sie leben, jede Handlung bezeichnen, die sie tun sollten.
Ehemals gehorchte Münster keinen Geboten, als den Geboten der Tugend und seines Herzens, seitdem er den übereilten Schritt tat,