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, ein Trupp Reuter tat sich aus dem Wald hervor, und sprengte mit verhängtem Zügel aufs Schloss zu. In ihren Blicken sass Entsetzen, und die Worte, welche sie, als sie sich jetzt am Tor von den Pferden schwangen, mit einander wechselten, waren mehr verworrnes Geschrei, als Gespräch zu nennen. Doch war Herrmanns vergittertes Fenster niedrig genug, um ihn einige abgebrochene Laute verstehen zu lassen. Der entsetzliche Fang, rief der eine von den Reutern, den ihm der Eber in die linke Seite gegeben hat, nie sah ich etwas ähnliches. – Ja wohl! schrie der andere, mehr die Wunde von einem breiten Schwerdte, als von dem Hauer einer wilden Bestie! der Ritter von Unna sagte es wohl, als er uns ihm zu hülfe schickte, er muss den Geist der Weissagung haben! –

Und ganz ganz tot?

Ja leider! – Er war doch ein guter Herr! betrübte kein Kind! –

Mich jammerte der brave Kunzmann, der muss ihn recht verteidigt haben! er blutete auch stark!

Stand er nicht wie das lebendige Bild der Verzweiflung neben dem toten und weinte und raufte sein Haar! nie dachte ich, dass er ihn so liebte! –

Er mag ihn ja geliebt haben! rief einer von denen, welche zuerst geredet hatten, und Herrmann schlug sein Fenster zu und sank fast empfindungslos auf den Boden.

So? So triumphirt das Verbrechen, und die Unschuld muss verderben? O ewiger Richter wo ist deine Rache? So rief Herrmann und verfiel in eine Betäubung, aus welcher er erst nach einer Viertelstunde durch das hole Rasseln eines Wagens geweckt wurde. Das Geschrei, das sich erhub, unter welchem er auch die klagende stimme der gräfin zu vernehmen glaubte, sagte ihm, dass man den Leichnam des unglücklichen Grafen von Cyly brächte. Ein kalter Schauer überlief seine Glieder, und er vermochte nicht ans Fenster zu gehen, und das klägliche Schauspiel mit anzusehen.

Es ist schwer zu beschreiben, mit was für Gedanken und Empfindungen Herrmann die Zeit der fürchterlichen Stille, die auf dieses Trauergetös folgte, zubringen mochte. – Es war weit nach Mitternacht, als er aus seinen schrecklichen Träumereien durch ein Geräusch an der Gefängnisstür geweckt wurde.

Die Riegel öfneten sich. Eine weibliche stimme rief, Ritter von Unna, ihr seid frei! –

Ich frei? auf wessen Befehl? –

Durch hülfe eines armen Mädchens, welches Mitleid mit euch hat, und ihre schweren Sünden gern durch eine gute Tat abbüssen wollte. Fliehet! Fliehet! ehe es zu spät wird! –

Ich fliehen! Die Unschuld fliehet nie! –

Gilt eure Unschuld hier etwas? –

Ich muss wenigstens erst Graf Peters Blut rächen, seinen grausamen Mörder entdecken! –

Wird man euch hören? –

Siegmund muss, muss mich hören! Ich will diese Barbara vor seinen Augen entlarven! –

Meine Frau? O ich bitte euch, macht euch nicht unglücklich. –

Deine Frau? Bist du auch eine von ihren Sündengenossinnen?

Ich bin! – ja ich bin! – o ich bitte euch, fliehet! Die gräfin hat jetzt allein auf dem schloss zu gebieten. Der König hat es vor einer Stunde eilig verlassen. Ein reitender Bote von Prag, brachte Nachrichten. – Man spricht von wichtigen Veränderungen. Aber was mache ich, eilet, ehe es zu spät wird! Ich muss den Turm wieder verschliessen, in welchem man gesonnen ist, euch durch Hunger zu tödten. Man wird euch nicht gleich vermissen, weil in den nächsten Wochen niemand diese Schlösser wieder öffnen wird, aber mich wird man vermissen, und ihr macht ein Mädchen, welches es gut mit euch meinet, unglücklich, wenn ihr länger zögert.

Es ist wohl zu glauben, dass Herrmann nach dem, was er hier vernahm, nicht länger zögerte, seiner Retterinn zu folgen. Er drückte ihr dankend die Hand und fragte nach ihrem Namen: sie nannte ihn, und erzählte zum Abschied, – (welche Zofe hört auch in den bedenklichsten Augenblicken auf zu erzählen) – erzählte, dass Ritter Kunzmann seiner Verwundung und des Bittens der gräfin ungeachtet den König hätte begleiten müssen, und dass dieser vermutlich aus einem Ueberbleibsel von Verdacht ihn nicht so gnädig wie vordem angeblickt habe.

Vier und dreissigstes Kapitel.

Herrmann wird mit einer Löwenhaut bekleidet.

Herrmann flohe, flohe mit Vorsichtigkeit, denn er wusste, der Zorn eines rachsüchtigen Weibes verfolgte ihn. Auf seinem Weg, der lang genug dauerte, kamen ihm Zeitungen mancher Art entgegen. – Kaiser Wenzel war so gut als abgesetzt, seine gemahlin, die vortrefliche Sophie, teilte das Elend, in welchem er lebte, grossmütig mit ihm, sie schien ihn jetzt, da er durch Unglück gedemütigt war, erst liebzugewinnen, bemitleidete ihn, rechnete es ihm hoch an, dass er Susannens Stelle nicht durch eine neue verächtliche Mitbuhlerinn ersetzte, und war edelmütig genug, selbst dieses elende geschöpf zu bedauren. Diese unglückliche Kreatur sollte, um ihrem erhabenen Liebhaber ganz ähnlich, eine würdige Gefährtinn seiner Schwelgereien zu werden, die Pokale, welche Wenzels tägliches Contingent waren, eben so herzhaft leeren lernen als er, aber sie war zu schwach, und starb in der Lehre, ohne von dem, welcher sie aufopferte, beklagt zu werden. Alles was Wenzel ihr in die Gruft nachrief, war: Es ist doch nichts mit den Weibern, sie sind zu nichts gut, nicht einmal zum Saufen!

Indessen Wenzel auf ein einsames Schloss verbannt, bloss durch Sophiens