Herrmann hatte die Nacht zur Ausführung seines Entschlusses gewählt, jetzt musste er sich entschliessen, den Morgen zu erwarten weil er hoffen konnte, durch ein gutes Geschenk den Torwächter der Parkmauer eher überwinden, als durch seine Stärke die eiserne Pforte erbrechen zu können. – Er lagerte sich in eine Laube, dergleichen in allen Ecken dieses zauberischen Orts angelegt waren, und war hier Zeuge einer Unterredung, welche uns wichtig genug dünkt, dem Leser in einem besonderen Kapitel vorgelegt zu werden.
Zwei und dreissigstes Kapitel.
Abenteuer in der Laube.
Herrmann ward bald gewahr, dass er sich in der geräumigen Laube nicht allein befand. Seine Sicherheit erforderte, sich verborgen zu halten, und notwendigkeit und Zufall machten ihn zum Lauscher; ein Name, auf welchen er sonst nie Anspruch zu haben wünschte. Wer seine gefährten waren, werden meine Leser aus dem Fragment einer Unterredung sehen, welche Herrmann durch seine Ankunft veranlasste.
Horch! Ein Geräusch!
Nicht doch, gräfin, es war das Rauschen der Blätter! –
Ich wollte nicht, dass uns jemand belauschte? –
Wer wollte denn? Eure beiden Gemahle hat der Wein in festen Schlummer gewiegt –
Spötter! Meine Gemahle! Bist du eifersüchtig Hertingshausen? –
Die Gemahle mögen es auf den Liebhaber sein, und dieser nicht auf jene! –
Und sie könnten es werden! Kunzmann! Kunzmann! ein andermahl vorsichtiger! Diesen Abend vergassest du dich ganz und gar. Sei doch zufrieden, unter vier Augen an der Seite deiner Barbara sitzen zu dürfen; aber in Gegenwart des Königs? in Gegenwart Graf Peters? – Gewiss der Wein musste dich betören!
Hat nichts zu sagen, Siegmund sah und hörte wenig mehr, und der Graf hatte auch seinen guten Rausch? –
Weisst du nicht, dass die Einfältigen im Rausche klug, die Verzagten mutig werden? –
Ja bei Gott, mutig! – Nüchtern hätte er es nicht wagen sollen, mir einen Kuss auf eure Lippe mit einem Hiebe über meine Schultern zu belohnen. –
Pfui, Kunzmann! jetzt besinne ich mich: dieser Schlag haftet noch auf deinen rücken. Steh auf von mir! Ich kann keinen Mann an meiner Seite dulden, den Peter der Einfältige schlug. –
gräfin!
Du bist noch ein purer lautrer Edelknabe! steh auf sag' ich dir! Herrmann hätte keinen Schlag vom Graf Petern – keinen Schlag vom Könige Siegmunden ungerochen erduldet. –
Herrmann? gräfin? macht mich nicht unsinnig! – Der Nichtswürdige! Ihr wisst, was ich einesmahls bemerkte! Nicht wahr, er wäre glücklich bei euch gewesen, wenn er gewollt hätte?
Die Tapfern sind ja allemahl glücklich? –
Zum rasend werden! Herrmann! Herrmann! du musst sterben! Wo bist du? wo soll ich dich finden? –
O ja doch! wer sich nicht fürchtete! Graf Peter wird morgen unter des tapfern Herrmanns Schutz auf die Jagd gehen! habt ihr etwa Lust euch zugleich an beiden zu rächen? – Geht, geht, wir wollen sehen was euch Liebe und Rache eingiebt; aber ich denke wohl, eure hände, eure Kleider werden morgen noch so rein sein wie heute; wer wollte die zarten Pagenhände, die seidnen Hofkleider gern mit Blut besprützen. –
Die Rede der Furie war durch öftere Flüche des aufgebrachten Hertingshausen unterbrochen worden; beim letzten Worte brausste er wie ein Sturmwind zur Laube hinaus, und Barbara schickte ihm ein teuflisches Gelächter nach.
Herrmann war so betäubt, dass er nicht wusste, was er tun sollte; doch hätte ihn der Schluss von Barbaras Rede und Kunzmanns schnelles Hinwegeilen nachgetrieben, wenn er nicht auf einige Augenblicke noch zurückgehalten worden wäre. Er pflegte nie vor seinem Feinde zu fliehen, auch war ihm vor Graf Peters Leben bange, mit welchem er wirklich eine Jagdpartie, auf den nunmehr seiner Flucht geweihten Tag verabredet hatte, und den er mit unter die Unmündigen und Weiber rechnete, die er als Ritter zu schützen verbunden war.
Das was ihn noch auf einige Minuten zurückhielt, war der Eintritt von Barbaras Zofe.
Brecht auf, ihr Liebenden! rief die glattzüngige Dirne, der Tag erwacht! –
Die Losung, erwiderte Barbara, gilt heute nichts, ich bin allein. –
Allein? –
Ich habe Hertingshausen ein wenig aus dem Schlummer geschüttelt. Herrmann und Peter dürfen keinen Tag länger leben; ich habe ihnen den ergrimmten Wolf auf den Hals gehetzt. Ich kenne Kunzmann nicht, oder er tödtet sie, wo er sie findet. –
Aber warum? Gott warum? –
Närrinn! Jeden Tag neue verachtende Blicke von dem einen, und gestern Abend diesen Auftritt mit dem andern? Das fehlte noch, dass Peter der Einfältige Mut bekäme, meine Lieblinge zu schlagen, bald würde die Reihe auch an mir sein. –
gräfin, darf ich noch immer euch nicht blutgierig nennen?
Blutgierig? – Ich erinnere dich zum zweitenmahl an Marien. Lebt sie nicht noch ruhig in ihrem Kloster? verachtete ich es nicht, mein Glück auf ihr Blut zu bauen?
Dass Herrmann diese Worte wohl vernahm und beherzigte, werden wir aus der Folge sehen, uns aber ist es fast unbegreiflich, wie sie bei der Eile, mit welcher er in dem nemlichen Augenblick, da sie gesprochen wurden, die Laube verliess, ihm hörbar sein konnten.
Was war das? schrie die Zofe, welcher Herrmann im Vorbeistreichen einen gewaltigen Stoss gab. Gott! rief Barbara, wenn man uns belauscht hätte! – Gerade da ihr von der königin spracht, erhub es