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für seinen Herrn zu fallen begunte, so ward der Vorzug, den ein anderer vor ihm erhielt, nicht allzu schmerzhaft von ihm empfunden. Er beneidete Kunzmann sein Glück bei einem Fürsten nicht, den er jetzt, ach wie gern, verlassen hätte. Was soll ich endlich hier in diesem weichlichen müssigen Leben? sagte er zu sich selbst. Ist dies die Art sich empor zu schwingen, sich der Hand einer gräfin von Würtemberg würdig zu machen? O fliehe, fliehe Herrmann! hier verträumst du deine Zeit auf strafbarere Art, als die gewesen sein würde, welche dir Münster in einem so gehässigen Lichte vorstellte!

Dreissigstes Kapitel.

Von König Siegmunds Beständigkeit,

ein kurzes Kapitel.

Alles Ding hat seine Zeit, Liebschaften von dem Gehalt wie die zwischen Siegmund und Helenen sind nie daurend, und wir wären fast geneigt der Dame die Ehre anzutun, und ihr wenig Erfahrung in diesem Stücke zuzutrauen; wie hätte sie sonst hoffen können, ihren Geliebten ewig zu fesseln? einst noch an seiner Seite die Krone zu tragen? – Liebe und Zutrauen auf ihre allmächtigen Reize mussten sie verblenden; sie musste nie etwas von den vorigen Geschichten des flatterhaften Stegmunds gehört haben. Ihre gute Meinung von seiner Treue war gränzenlos, er beherrschte sie ganz, und es kam bald dahin, dass er kein Gefangner mehr, dass er unumschränkter Gebieter auf dem schloss Soclos war.

Dass Siegmund ins Geheim drauf sann sich einer ihm lästig werdenden Buhlerinn, und seiner Einkerkerung auf einmal zu entledigen, das kam ihr nicht in den Sinn, und sie ward wirklich überrascht, schrecklich überrascht, als sie eines Tages den König, völlig zur Abreise gerüstet, in ihr Zimmer treten sah. Sie stutzte, riet auf eine Jagdpartie, und bot sich an, wie gewöhnlich, ihren Geliebten bei derselben zu begleiten. – Nein, sagte Siegmund, meine schöne fürstin, ich muss euch gänzlich verlassen!

Verlassen? haftet nicht mein Leben für eure Freiheit? – und ist nicht das meinige in Gefahr, wenn ich länger hier verweile? Eure rebellischen Söhne sind von der Güte benachrichtigt, mit welcher ich hier behandelt werde; bald werden sie erscheinen, und mich mit Fesseln belegen, welche nicht so leicht sein werden wie die Eurigen. –

Ja wohl leicht! Es kostet euch wenig Mühe sie abzuschütteln! –

Helena! Werde ich hier in den Armen der Liebe den Anfang machen können, mich von neuem auf den Tron zu schwingen, von welchem man mich verdrängt hat? Bedenkt, was ihr fordert, bedenkt das Glück, den Ruhm dessen, den ihr liebt!

Helena fiel in ein tiefes Nachdenken, aus welchem sie mit der Frage erwachte; Ob er, wenn das Glück ihn bei seinen Unternehmungen begünstigte, ihrer noch gedenken, Liebe und geschworne Treue nicht vergessen wollte?

Siegmund, welcher nichts auf die Bündigkeit im Rausch der leidenschaft getaner Schwüre hielt, schlüpfte bei der Erinnerung an dieselben vorbei, aber er versetzte seine Reden mit so viel Süssigkeiten anderer Art, dass die fürstin getäuscht wardund in seine Entfernung willigte. Sie bat nur um einen, dann nur um zwei, um mehrere Tage, sich mit ihrem Geliebten zu letzen, bis der König, aus Besorgniss, man möchte ihm endlich aus lauter Liebe Zeit und Mittel zur Freiheit gänzlich rauben, heimlich davon ging, und Helenen dadurch den Vorteil verschafte, bei ihren Söhnen ausser Verdacht eines Anteils an seiner Flucht zu bleiben.

Ein und dreissigstes Kapitel.

Etwas von Potiphars weib.

Niemand war über die Entfernung aus dem Pallast dieser Circe erfreuter, als Herrmann. Er jauchzte, endlich einmal dem Müssiggang entrissen zu werden, ohne darum seinen Herrn verlassen zu dürfen, den er jetzt für einen Neubekehrten der Tugend zu halten, ihn wieder zu lieben begann. Seine Täuschung dauerte kurze Zeit. Siegmund lenkte seinen Weg nach dem Grafen Cyly, dem Bruder des Gemahls seiner Schwester, und hier warteten seiner begebenheiten, welche das Herz seines treuen Dieners von neuem von ihm wenden mussten.

Immer waren die Cylys treue Anhänger Siegmunds gewesen; der eine ward durch das Band der Verwandschaft an ihn gefesselt, und der andere, eben der Graf Peter Cyly, zu welchem jetzt die Reise ging, ward durch einen Zauber von noch stärkerer Art zu ihm hingerissen. Graf Cyly der Jüngere, sonst auch Peter der Einfältige genannt, verdiente diesen letzten Namen vollkommen, er war ein Kind an Verstand, hatte nichts das ihn auszeichnete als seine schöne gemahlin Barbara, ehemahls erstes Hoffräulein der königin Marie von Ungarn, jetzt, durch König Siegmunds Gnade, die Seinige. Eben diese Barbara war das Mittel ihn in unverletzlicher Treue seines Herrn zu erhalten, von welcher ihn sonst ein jeder, der seine Schwäche zu nützen wusste, hätte losreissen können. Barbara war ihrem Könige von jeher mit besonderer Gewogenheit zugetan, sie behauptete, es sei nur Dankbarkeit, dass er sie mit Peter dem Einfältigen verband, die sie auf jeden Vorteil ihres Wohltäters aufmerksam machte, und ihr Gemahl glaubte dieses aus ganzem Herzen; aber andere Leute hatten andere Gedanken hierüber, und die Folge wird lehren, welche Meinung die richtigste war. – So viel ist gewiss, dass sie Graf Petern, welcher immer einen Antrieb von aussen nötig hatte, wenn er sich regen sollte, in steter Tätigkeit zu Siegmunds Besten erhielt, da wo seine Schläfrigkeit nichts auszurichten vermochte, selbst handelte, und die Hauptursach war, warum sich König Siegmunds Schritte jetzt lieber nach dem schloss ihres Gemahls als nach einem andern Orte