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zu fragen, ob er die Aufwartung seiner gefangenen Diener verlange, und ihm auf die Bejahung dieselben ihrer Fesseln entladen zuzuschicken.

Siegmunds Zustand war leidlich, und er wurde noch erträglicher als Nikolaus und Andreas ihr Schloss verliessen, weil Reichsgeschäfte sie in die Hauptstadt forderten, und ihrer Mutter die Aufsicht über ihren erhabenen Gefangenen übertrugen.

Es ist unmöglich, dass ich bei dieser Stelle der geschichte, so wie bei andern vorbeischlüpfen kann, ich muss meinen Lesern einige Worte von dieser Helena Gara, der witwe des Nikolaus, den Siegmund ehemahls ermorden liess, der Stiefmutter des Feldherrn Nikolaus und des Stattalter Andreas sagen. Sie war eine junge schöne person von fünf und zwanzig Jahren, welche zu wenig Kummer über den Verlust ihres bejahrten Gemahls gefühlt hatte, um einen dauernden Hass wider seinen Mörder zu fassen. Sie sprach nur von Rache und Blut, so lange es ihre Söhne hörten, schmiegte sich nur in ihre Anschläge, weil sie musste, und sah Siegmunds Gefangenschaft auf dem schloss Soclos aus Ursachen gern, welche mit den Anschlägen seiner Feinde nichts gemein hatten.

Helena war ein Weib, wie es in den damahligen zeiten viel gab, ein Wesen aus Ueppigkeit und Herrschsucht zusammen gesetzt. Siegmund war ungeachtet seiner Jahre einer der schönsten Prinzen der damaligen Zeit, er war, seine Widersacher mochten ihn nun nennen wie sie wollten, war ein König; so lange Wenzel lebte, der Bruder eines Kaisers, und starb dieser, oder verlor er den Tron, sein wahrscheinlicher Nachfolger; was für Betrachtungen für die Dame des Schlosses! Hatte sie auch noch eine Wahl? konnte sie noch zweifelhaft sein, ob sie den ungerechten weitaussehenden Anschlägen ihrer Söhne beitreten, oder sich eines unschuldigen Prinzen annehmen wollte, der ihr das, was sie für ihn tun konnte, auf doppelte Art zu vergelten vermochte?

Helena sah sich schon im Geist als Siegmunds Geliebte, als seine gemahlin, als die Besitzerinn des höchsten Trons der Welt, und die ersten Schritte, die Erfüllung ihrer Wünsche einzuleiten, wurden eilig getan. Sie genoss des unumschränkten Zutrauens ihrer Söhne, sie wusste, dass sie durch das Geschäft, den jungen Ladislaw, auf Siegmunds erledigten Tron zu befestigen, lang würden abwesend gehalten werden, und sie säumte nicht, ihren Operationsplan zu eröfnen.

König Siegmund bekam einen ganzen Flügel des Schlosses zu seiner Bewohnung, seine Hofstatt, welche bisher nur aus Kunzmann und dem Ritter von Unna bestand, wurde vermehrt. Er ward königlich bedient, bekam Erlaubnis, den Garten zu besuchen, und konnte es an nichts abnehmen, dass er ein Gefangner war, als an der Wache, welche seine und seiner Diener Schritte allemahl in einiger Ferne beobachtete.

Siegmund jauchzte über die Veränderung seines Schicksals, welche ihm Anlass gab, seine Hoffnungen noch mehr zu erweitern. Er forschte nach dem grund der glimpflichen Begegnung, die ihm wiederfuhr, und es konnte ihm nicht lang verborgen bleiben, dass er ihn in der Gewogenheit der fürstin Gara suchen müsse. – Helenas Bild hing in allen seinen Zimmern, auch hatte sie Siegmund etliche mahl von Fern im Garten gesehen und bewundert.

Weiberschönheit war die Klippe, an welcher er am leichtesten scheiterte, auch war sein Wohlgefallen an den Reizen der Damen mit einer so guten Meinung von seinen eigenen verbunden, dass er sich keine schöne Frau als grausam gegen seine Liebe vorstellen konnte. Wie Helena gegen ihn gesinnt war, das konnte ihm nicht lang verborgen bleiben, ihre Handlungen sprachen für sie. Siegmunds Liebe zur Gemächlichkeit, die er mit seinem Bruder gemein hatte, sein Herz zu sinnlichen Vergnügen, ward täglich auf neue Art geschmeichelt, und seine Dankbarkeit, seine Neigung für die schöne Zauberinn, die so sinnreich war, ihm seine Gefangenschaft angenehm zu machen, wuchs desto mehr, da sie schlau genug war, ihm nie in den Weg zu kommen, ihm die Möglichkeit ihr persönlich zu danken stets vergeblich wünschen zu lassen. Die Gemälde von ihr, und die Lobeserhebungen der Leute, welche sie ihm zugegeben hatte, machten Siegmunds Dankbarkeit zur Liebe, die Begierde sie zu sehen, zur Flamme. Es wurden heimliche Anschläge geschmiedet, Botschaften hin und her geschickt, zufällige Zusammenkünfte veranstaltet, bis endlich ein Verständnis zwischen beiden zu stand kam, das man für gut hielt, des Wohlstands wegen, mit einem Schleier zu umhüllen, der aber durchsichtig genug war, allen Bewohnern des Schlosses nichts zu raten übrig zu lassen.

Kunzmann von Hertingshausen spielte bei diesen Dingen eine grosse Rolle, er schien zu dem Geschäft, Unterhändler einer verbotenen Liebe zu sein, einen sonderlichen Beruf zu haben, und er erwarb sich durch seine Talente die gränzenlose Neigung seines Herrn.

Herrmann war in solchen Dingen einfältig, er kannte nur eine Art Liebe, die, welche er für seine Ida fühlte, oder wie sie etwa zwischen Engeln statt finden mag. Verbindungen von anderer Art nannte er verboten, und war nicht schlau genug seinen Widerwillen dafür zu verbergen. Er hatte als Knabe an Kaiser Wenzels hof, als er noch geneigt war, alles für Recht zu halten, was sein Herr tat, Leichtsinn und Ueppigkeit in ihrer hässlichen Gestalt kennen gelernt, und er trauerte aufrichtig, hier diese Auftritte von einem Fürsten erneuert zu sehen, den er liebte und schätzte, an dem er so ungern eine Familiengleichheit mit seinem schwelgerischen Bruder entdeckte.

König Siegmund war nicht gewohnt Misbilligung seiner Handlungen in den Augen seines Dieners zu lesen. Herrmann ward zurückgesetzt, und der schlaue Bote der Liebe, der gefällige Hertingshausen überall hervorgezogen.

Da Herrmanns achtung