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dass sein Herr, bisher von Krankheit zurückgehalten, nun erst sich dem Sitz der königlichen Hoheit nähere, und dass jedermann sich rüste, ihn königlich zu empfangen.

Es ist nicht König Siegmunds geschichte, die ich schreibe, und ich werde daher nur so viel von seinen begebenheiten mit nehmen, als sich unmittelbar an Herrmanns Abenteuer anketten. Nichts daher von dem Einzug des Königs in der Stadt, die er endlich unter dem Zujauchzen des volkes betrat, das ihn bei allen seinen Fehlern liebte; nichts von dem Gedräng der Grossen, das ihn umgab, nichts von denen Entschuldigungen, Vorstellungen und Versprechungen, die von einer und der andern Seite gemacht wurden, um den Grund zum gegenseitigen Einverständnis zu legen. Freilich waren Siegmunds Leichtsinn, Ueppigkeit, Liebe zur Verschwendung, und gelegentliche Grausamkeit, Flecken in seinem Charakter, welche das Misvergnügen Einiger entschuldigen konnte, freilich hatte er aus seinem Türkenzuge weder Sieg noch Beute mit gebracht, dadurch ehemahlige Fehler hätten können ausgetilgt werden; aber man versprach Vergessenheit des Vergangenen, Siegmund versprach es auch, und verschloss die Augen nur gar zu sehr gegen die tausend Spuren von Treulosigkeit und Verräterei, die er an dem und jenem seiner Fürsten, vornehmlich an den Gebrüdern Gara nicht verkennen konnte

Das Gedräng um den Konig am Abend nach dem Einzug war so gross, dass es Herrmannen, welcher vor Verlangen brannte ihn zu sehen, unmöglich war Zutritt zu bekommen. An wen sollte er sich wenden? Sein ehemaliger gönner, der Feldherr Nikolaus Gara, hasste ihn, nachdem er auf dem zug wider die Türken seine Treue gegen den König unerschütterlich gefunden hatte, und Herrman konnte den nicht lieben, sich nicht überwinden konnte irgend etwas bei dem zu suchen, den er als einen heimlichen Feind seines Herrn kannte.

Der junge Ritter entschloss sich endlich, sich selbst Zutritt zu verschaffen; er drängte sich bei der Abendtafel so dicht hinzu, dass er beinahe des Königs Kleider berührte, Siegmund fasste ihn ins Auge. Der Jüngling hatte keins von den gewöhnlichen Gesichtern, welche man zwanzigmahl sieht, ohne ihre Züge zu behalten, überdas hatte der König ihn zuletzt bei einer Begebenheit gesehen, die sich seinem Gedächtniss zu tief eingeprägt hatte, als dass einer von denen dabei gegenwärtigen, dass derienige, welcher die Hauptrolle dabei spielte, hätte vergessen sein sollen. –

Siegmund wusste sich anfangs den Zusammenhang seiner Ideen selbst nicht recht zu erklären, er sass nachdenkend, rieb die Stirn, und wandte sich dann zu dem neben ihm sitzenden Andreas Gara. Wie kommt es doch, rief er, dass uns oft bei der Fülle der Freude traurige Erinnerungen umschweben! Einer der schrecklichsten Auftritte meines Lebens geht jetzt vor mir über, liegt mir so deutlich vor Augen, dass ich jede Züge davon machen wollte. Ratet ihr wohl, Andreas, welcher das sei? – Andreas verbeugte sich und schwieg. Doch, fuhr Siegmund fort, ihr könnt das nicht wissen, ihr waret nicht gegenwärtig, euer Bruder war es. O vielleicht hättet ihr mich nicht so treulos verlassen als Nikolaus! – Doch, ich habe versprochen zu vergessen! meine Freunde vergesse ich nie! Ich war allein in der Schlacht, jedermann wandte sich hinter mir ab; Achmets Schwerd stürmte fürchterlich auf mich ein, ich musste erliegen. Da drängte sich zu mir heran eine ritterliche Schaar mich zu retten. Mein Pferd war unter mir getödtet, mein Helm und mein Schild mir entrissen, nur das Schwerd hielt noch fest in meinen Händen. Der Führer meiner Helfer sprang von seinem Rosse und hob mich hinauf, er reichte mir seinen Schild, und riss den Helm von seinem haupt, das meinige damit zu decken, ich weis nicht, wie mir geschah, weis nicht, was um mich vorging, aber ein Bild ist mir fest in der Seele geblieben, das Bild meines Retters, dessen Gesicht mir wie das Gesicht eines Engels Gottes entgegen strahlte. Dieses Gesicht ist, das mir jetzt die ganze fürchterliche Scene zurück ruft, ich sehe es in dem Gedränge, das meinen Tisch umringt, es sind die Züge meines alten treuen oft verleumdeten und oft verkannten Dieners Herrmann von Unna. Tritt hervor, tritt hervor, mein Retter! empfange den Dank und die Gnade deines Königs!

Herrmann hatte sich, während Siegmund sprach immer näher gedrängt, um keins der Worte zu verlieren, welche ihm so nahe angingen. Jetzt beim Schluss seiner Rede überfiel ihn ein freudiger Schauer, wie er an jenem Tage diejenigen überfallen wird, die aus dem grossen Kreise mit den Worten werden hervorgerufen werden: Das habt ihr mir getan!

Herrmann stürzte sich seinem König zu Füssen, küsste seine hände und badete seine Knie mit seinen Tränen. Welch ein Gefühl von demjenigen, von welchem man sich immer übersehen und verkannt glaubte, dem man tausend Proben der Treue gab, ohne bemerkt zu werden, so vor Tausenden ausgezeichnet, vor einer ganzen Versammlung so geehrt zu werden.

Nachdem der erste Sturm der Freude in dem Herzen des jungen Ritters vorüber war, zog er sich bescheiden unter die aufwartenden Edelleute zurück, aber Siegmund wandte sich oft nach ihm um, und er durfte nicht von seinem stuhl weichen.

Die stolzen Magnaten, die mit dem Könige zu Tische sassen, schienen bei der vorhergehenden Scene gar nicht gegenwärtig gewesen zu sein, sie sagten nichts zu dem, was ihr König tat, und konnten sich nicht herablassen, dem von ihm so sehr geehrten Jünglinge ein Wort zuzusprechen.

Die Glückwünschungen, welche er erhielt, blieben nur unter den jungen