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an Liebe, Tugend und Anmut gebricht, der nichts vor sich hat als seinen Rang, ach Ida! ich weis Exempel!

Die kaiserin seufzte tief bei diesen Worten, und Ida verstand sie vollkommen. Sie dankte ihr für den Eifer, mit welchem sie sich ihrer anzunehmen dachte, und setzte sehr weislich die Bitte hinzu, nichts zu übertreiben, sondern es der Zeit zu überlassen, Dinge möglich zu machen, an welche jetzt schwerlich zu denken sein würde; eine Vorstellung, welche bei Sophien sehr nötig war, und die doch gänzlich von ihr in den Wind geschlagen wurde.

sechs und zwanzigstes Kapitel.

Schaden durch übergrosse Gnade.

Ida musste sich auf Befehl der kaiserin entfernen. Münster, den sie gern auf jede Art auszeichnete, es gern vor aller Welt sehen liess, dass sie noch immer kindliche Gesinnungen gegen ihn hege, sich nicht schäme einst seine Tochter geheissen zu haben, begleitete sie nach haus, und sie brachte daselbst einige der seligsten Stunden ihres Lebens in seiner Gesellschaft zu. Seine Erzählung hatte die heissesten Gefühle der Dankbarkeit in ihrem Herzen rege gemacht, die mancherlei Gefahren, aus denen er sie rettete, die mehr als väterliche Zärtlichkeit, mit welcher er sich ihrer annahm als sie ganz verlassen war, die Aufopferung, mit welcher er immer ihr Wohl dem seinigen vorzog, was für Stoff zu Herzensergiessungen, die sie auf seine Bitte nie öffentlich wagen, allezeit für die Einsamkeit versparen musste!

Einige Stunden entflohen ihnen auf diese Art, ohne dass sie es gewahr wurden, und eine ähnliche Zeit würde kaum hinlänglich gewesen sein, das was sie noch vor sich hatten zu enden, denn eben entdeckte Ida ihrem ehemaligen Vater den Wunsch, diejenige, welche sie so lange Mutter genannt hatte, der sie ebenfalls tausendfachen Dank schuldig war, immer um sich zu haben, und die Hoffnung, die Erfüllung desselben leicht beim Grafen von Würtemberg zu erhalten.

Münster schüttelte den Kopf, er schien die Ehre, welche man seiner Marie zudachte, weder zu wünschen noch zu hoffen, er wollte den Grund seiner Zweifel eben entdecken, als Idas Frauen die Ankunft des Grafen meldeten. Die beiden Sprechenden erhuben sich dem Kommenden in tiefer Ehrfurcht entgegen zu gehen. Der Graf trat ungestüm ein, ein Ungewitter schwebte auf seiner Stirne, er beantwortete Idas Liebkosungen mit Kälte, und befahl ihrem ehrwürdigen Freunde mit einem Winke sich zu entfernen.

Ich wundere mich, rief er nach einem langen unruhig Auf- und Abgehen, ich wundre mich, wie du in deiner jetzigen Lage vergangne zeiten noch so gar nicht vergessen kannst; du bist die Tochter des Grafen von Würtemberg, nicht dieses Münsters, den du wegen des Unrechts, das er dir angetan hat, hassen und fliehen, ihn nicht mit Liebkosungen überhäufen, nicht Stunden lang in deinem Zimmer dulden, oder dich öffentlich von ihm begleiten lassen solltest.

Mein Vater! Ein so treuer Diener wie Münster, der Retter, der Versorger eurer Tochter, als sie – –

Genug! – Ich höre, dass er die geschichte deiner Entführung heute in Gegenwart der kaiserin erzählt hat, und ich hoffe, du wirst klug genug sein einzusehen, wie schlecht er an dir handelte, wie sehr er durch diese Tat, welche alle seine Erdichtungen nicht zu entschuldigen vermögen, an dir und mir handelte. – Ich hätte Recht und Macht ihn zu strafen, aberum deinetwillen schone ich ihn. Lass dies genug sein, und reize mich nicht weiter.

Ida, welche nicht an diesen Ton der väterlichen Sprache gewöhnt war, wusste das, was sie hörte, nicht anders als mit Stillschweigen zu erwiedern. – Es erfolgte eine lange Pause, Graf Eberhard setzte seinen Spatziergang fort und fing nach einer Weile das Gespräch von neuem an.

Ich habe, sagte er, heute auf mannichfaltige Art um deinetwillen gelitten. Am Morgen vernahm ich Dinge von dir, welche ich für unglaublich hielt, und am Abend wurde mir bei hof über einen gewissen Gegenstand zugesetzt, der meinen Glauben an deine Unschuld wankend machte, und den

Lieber Vater, sprach Ida mit liebkosendem Ton, nicht diesen geringen blick, der Unwille hemmt eure Worte, was habe ich getan? sollte ich wirklich, wirklich so unglücklich sein, euch Leiden zu machen?

Das tust du, wenn du nicht im stand bist, die fragen, welche ich dir jetzt vorlegen will, mit nein zu beantwortenKomm, sage mir, sollte es möglich sein, dass in jener Nacht, der ersten, nachdem du wusstest, dass ich dein Vater sei, in jener Nacht, da ich dich zur Unzeit wachend fand, du einen Jüngling bei dir gehabt habest, der, als ich erschien, mit Lebensgefahr vom Altan in den Garten hinabsprang, bei der Wache vorbei strich, und von ihr in Zweilichten für Herrmann von Unna erkannt wurde? Du schweigst? – Eine schöne Verteidigung deiner Unschuld! – Höre die zweite Frage: Warst du es, welche die kaiserin bewog, mich diesen ganzen Abend mit Bitten, mit Vorstellungen wegen der unmöglichen Liebe zu quälen, die zwischen dir und diesem Herrmann, diesem elenden Sprössling eines verworfenen Hauses statt finden soll? – Du weisst die Bitten der Monarchinn sind Befehle, war dir es möglich deinen Vater in eine solche Verlegenheit zu stürzen? – Du schweigst abermals? – Gut, ich kenne dich nunmehr! Ich weis, was ich zu tun habe, dein Urteil ist gesprochen!

Der Graf von Würtemberg entfernte sich, und hinterliess seine Tochter