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Ich wollte die Meinung nützen, welche die Knechte von mir hatten, und wovon ich auch in dem Gespräch der Ritter einige Spuren entdeckt hatte. Ich kehrte meinen Mantel um, damit die ganz rot gefärbte innere Seite meine Erscheinung desto schrecklicher machte. Ich ging langsam einen Pfad, welcher dicht bei ihnen vorbei führte; ich merkte, dass man mich ungeachtet der Dämmerung gewahr ward, und dass mein Anblick ein allgemeines Entsetzen verbreitete. Alle schwiegen wie vom Donner der Sprache beraubt, und ich war schon ziemlich entfernt, als ich erst die Worte vernahm: Schon fast Tag, und noch diese Erscheinung? so nahe bei uns? Sein Gewand blutrot? Das bedeutet nichts guts, der Tag wird blutig werden!

Sobald ich ihnen aus den Augen war, verdoppelte ich meine Schritte, und kam fast ausser Atem zu Wisbaden an. Ich verlangte mit dem Grafen zu sprechen; man sah mich mit Verwunderung an und brachte meinem Herrn geschwind die Botschaft: Münster, den man in Italien geglaubt habe, sei angelangt, und habe ihm wichtige Dinge vorzutragen.

Graf Eberhard empfing mich, ungeachtet ich unzurückgefordert erschien, gnädig; meine bekannte Treue machte ihm mutmassen, dass ich nicht ohne ursache meinen Posten verlassen haben würde. Ohne mich mit den Bewegungsgründen meiner Ankunft in diesen Gegenden aufzuhalten, entdeckte ich gleich, was ich diese Nacht im wald gehört, den Anschlag der Martinsritter, (diesen Namen hatten sie sich gegeben, weil sie ihrer Sache am Martinsabend waren einig geworden) und die Zeit des Ueberfalls.

Unvorsichtiger Weise erwähnte ich auch das, was der verstossene Liebhaber der gräfin von Würtemberg von dieser seiner ehemahligen Geliebten gesagt hatte, und verderbte damit den ganzen Handel. Die gräfin war gegenwärtig; sie schrie über Beschimpfung, gab mein ganzes Anbringen für Fabel aus, die zu Erreichung irgend eines boshaften Entzwecks erdichtet sei, sprach, meine heimliche Anwesenheit sei ihr nicht ganz unbekannt, einige des Gesindes hätten mich schon seit etlichen Tagen in diesen Gegenden gesehen und was der Anklagen weiter waren, welche Graf Eberhardten gegen alles, was ich ihm vorstellte, verblendeten, und mich ins gefängnis brachten.

Man stelle sich meine Angst vor! – Nicht allein in bösem Verdacht bei meinem lieben Herrn, ins gefängnis geraten zu sein, sondern auch meine guten Absichten vernichtet, ihn, und die ich so sehr liebte, meine Marie und das Kind, das ihr alles war, der grössten Gefahr unvorbereitet überlassen zu sehen.

Die Zeit des Ueberfalls erschien; mein Herz schlug stärker. Einigen Trost gab es mir doch, dass ich auf dem Schlosshofe Geräusch von Wagen und Pferden, und Geschrei der hinweg eilenden vernahm, es schien doch, dass man meine Worte nicht gänzlich in den Wind geschlagen habe, war doch möglich, dass die, welche ich liebte, gerettet wurden.

Die Todtenstille, welche hierauf folgte, bestärkte mich in meiner Meinung, und ich hörte es mit ziemlicher Ruhe, als ich um die Abendzeit wildes Waffengetös und alle Anzeichen vernahm, dass die Martinsritter ihrem Vorsatz getreu geblieben waren, und sich eingestellt hatten. Was sie fanden, was sie ausrichteten, war mir unmöglich zu erraten, ich hörte bloss Geschrei der Obsiegenden und Unterliegenden, und o Himmel, endlich ward mir fast alle Besonnenheit benommen, als ich Worte vernahm, die mir wahrscheinlich machten, man wollte, um die vorgehabte Freveltat zu bekrönen, das Schloss beim Abschiede den Flammen übergeben; eine Drohung, die mir das Blut in den Adern zu Eis machte und welche bald darauf durch alle meine Sinne bestätigt ward. Der Rauch drängte sich durch die kleine vergitterte Oefnung im Gewölbe meines Kerkers herein, mein düstrer Aufentalt ward durch Feuerstrahlen erhellt, ich war gefangen, musste hier ohne hülfe verderben, wenn nicht ein Wunder zu meiner Rettung geschah.

Ich hielt mich nicht für heilig genug ein solches vom Himmel zu erwarten, und bediente mich in Ermanglung dessen meiner starken Schultern, welche ich wider die Tür meines Kerkers setzte, und mir dadurch, indem ich sie zersprengte, Luft machte; ein Entschluss, den ich eher hätte fassen können, ohne erst das Aeusserste abzuwarten.

Ich kam aus dem unterirdischen Gange, in welchen die Tür meines Kerkers führte, endlich in einen der Schlosshöfe hinauf. Der eine Flügel des Gebäudes stand in vollen Flammen; unwillkührlich wandten sich meine Augen nach dem andern, in welchen Mariens kammer lag, und der bis jetzt nur noch erst an einigen Stellen glimmte und rauchte. Wohl mir, sagte ich zu mir selbst, dass sie geborgen ist, ohne Zweifel war sie mit unter denen, welche dem Verderben noch zu rechter Zeit entkamen. Aber ist sie auch geborgen? flüsterte mir der Engel der Liebe zu, und ohne mich weiter zu besinnen, flog ich nach dem Orte, den ich nie mit dem Wunsche betreten hatte wie jetzt, Marien nicht daselbst zu finden.

Alles war öde und stille, jedermann schien geflohen zu sein. Der Rauch und die Hitze waren fast unausstehlich. Marie wird nicht allein zurückgeblieben sein, rief in mir die Selbstliebe und der Abscheu vor der Gefahr, die mir hier auf jedem Schritte drohte, aber die Liebe sprach lauter; ich musste mich unwidersprechlich überzeugen, und eilte die hundert Treppen hinauf, die man bis zu Mariens armseligen Kämmerlein zu steigen hatte. – Nahe am Ende meines mühseligen Weges machte mich das Winseln eines Kindes aufmerksam. Ich verdoppelte meine Schritte. Ich vernahm die stimme der kleinen Ida deutlicher. Jetzt stand ich an ihrer Tür, die,