einen blick auf ihren Bemerker hätte verstatten sollen. Ueberdieses verhüllte sie, so oft sie in die Kirche ging, immer ein dichter Schleier, oder ein Regentuch, welches nicht angelegt wurde, um mehr anzulocken als abzuschrecken, sondern das ganz so rauh und ungekünstelt war, wie es zu der schlechten bürgerlichen Kleidung passte, die Ida in den Wochentagen trug.
Nur des Sonntags, wenn der Vater mit der Wehr an der Seite und dem sammtnen Pelz mit goldnen Schnüren zur Kirche ging, liess auch Ida sich an der Seite der hochgehaupten Mutter mit offenem Gesicht sehen, und verbreitete, wie Herrmannen dünkte, neues Licht in dem Tempel. Aber dieses Licht glänzte nicht für ihn, und ach was hätte er für einen einigen der zärtlichen andächtigen Blicke gegeben, welche sie an dem Bild einer Ursula oder Maria verschwendete!
Idas Name, den man in der ersten Woche nach Allerheiligen bei hof so fleissig nannte, war indessen daselbst so gänzlich vergessen, dass man sich gegen Weihnachten kaum mehr auf denselben besinnen konnte; selbst Sophie dachte nicht mehr an sie; das Feuer der Zuneigung gegen sie war anfangs zu heftig, als dass es lange hätte dauern sollen, Ida versäumte es zu nähren, sie liess sich nach den ersten genossenen Gnadenbezeugungen nicht wieder sehen, um neue einzufordern, und wahrscheinlich würden dieselben auch ohne diesen Fehler nach und nach sparsamer gekommen sein. Sophie war ein Weib, war – eine Fürstin. Die ersten zärtlichen Gefühle für Ida waren im grund nichts mehr, als das, was eine jede junge unerfahrne person gegen diejenigen empfindet, welche sie aus einem Gewühl von unangenehmem Empfindungen herausreissen, und sie Freude oder etwas der Freude ähnliches erfahren lassen.
Ueberdieses hatte Sophie täglich neue Gelegenheiten zu Gedanken, die sie so ganz beschäftigten, dass ihr kein Platz für etwas anderes überblieb. Mit jedem Tage entdeckte sie neue Züge der Unliebenswürdigkeit an ihrem Gemahl, machte sie neue Erfahrungen von der Trostlosigkeit ihres Zustandes, lernte sie neue Personen kennen, welche ihr ihre Lage erschwerten. Wenig Wochen nach der Vermählung erschien eine Dame bei hof, welche ihr unter dem Namen der Frau vom Bade vorgestellt wurde; Sophie fand an ihr eine so gemeine unbedeutende person, dass sie nie wieder an sie gedacht haben würde, wenn sie sie nicht am nämlichen Tage bei der Abendtafel an der Seite ihres Gemahls wieder gesehen, und aus dem vertraulichen Tone, welcher unter beiden herrschte, gemerkt hätte, dass hier eine alte Bekanntschaft statt finden müsse.
Sophie war in den Landen ihres Vaters, in einem Kloster, in gänzlicher Unbekanntschaft mit der geschichte ihrer zeiten erzogen worden. Wenzels begebenheiten mit der schönen Bademagd, welche in den jetzigen, so wie in den damaligen zeiten jedes Kind zu erzählen wusste, war ihr Abenteuer aus einer andern Welt. Wahrscheinlich bestrebte sich niemand sie, als sie Kaiserin ward, mit den Ausschweifungen ihres Gemahls zu unterhalten, und hätte man es auch getan, so wär sie vielleicht guterzig genug gewesen, wenigstens die Liebschaft mit Susannen, unter die ganz vergangne Dinge zu rechnen.
Man durfte ja die sogenannte Frau vom Bade nur sehen, um sich hiervon zu überzeugen. Dieser plumpe unbeholfne Körper, dieses aufgeschwollne Gesicht, in welchem nichts gefallen konnte als ein paar Reihen weisser Zähne, diese frechen üppigen Augen, diese feuerroten Wangen, sollten einen Kaiser, den Gemahl einer Sophie fesseln können? unmöglich!
Wenzel nahm sich selbst die Mühe über der Tafel seine und Susannens geschichte mit Auslassung verschiedener Umstände zu erzählen, und Sophie sah nunmehr in der vorzüglichen achtung, mit welcher der Dame begegnet ward, nichts als eine etwas übertriebene oder ungeschickt geäusserte Dankbarkeit, die sie mit ihrer gewöhnlichen Guterzigkeit übersahe; sie liess sich sogar so weit herab, der sich über Wenzels Lob aufblähenden Susanne, einige Verbindlichkeiten zu sagen, und nur erst nach einiger Zeit, als Wenzels Vorliebe und dieses Weibes Frechheit zu sehr in die Augen fiel, um verkannt zu werden, nur erst denn konnte sie sich überzeugen, dass zu allen ihren vielfachen Leiden auch noch dieses käme, eine unwürdige Nebenbuhlerin zu haben.
Die Einsamkeit war oft Zeuge ihrer Tränen, und die Fürstin von Ratibor, die ihre Gebieterin einst auf diese Art fand, nutzte diese gelegenheit, sich in das Vertrauen Sophiens einzuschleichen, welches sie bisher auf keine Weise hatte erlangen können.
Sophie sehnte sich, ihre Klagen in irgend einen freundschaftlichen Busen auszuschütten. Der einige Teilhaber ihrer innersten Gedanken, ihr Vater, hatte auf diese sehr deutlichen Winke seines kaiserlichen Schwiegersohns Prag schon in den ersten Tagen nach der Vermählung verlassen, und seine unglückliche Tochter war also mit ihrem Kummer ganz sich selbst überlassen. Sophie umarmte die fragende Oberhofmeisterin zum erstenmal in ihrem Leben und obgleich diese Dame geflissen schien die Sache, wovon die Rede war, mehr zu erläutern und auseinander zu setzen, als die Traurende zu trösten, so fand diese doch schon darin einen Trost, dass sie von dem, was sie bekümmerte, sprechen und ihrem Unwillen, ihrer Verachtung gegen ihre Beleidiger freien Lauf lassen konnte.
Von diesem Augenblick fing die Fürstin von Ratibor an ihre Gebieterin unumschränkt zu beherrschen, erhöhte und erniedrigte alles, was sie wollte, schrieb Sophien vor, was sie lieben und hassen sollte, und dass also an Ida bei hof nicht mehr gedacht ward, nicht mehr an sie gedacht werden durfte, wenn es der Kaiserin auch beliebt hätte sich ihrer zu erinnern, das leidet keinen Zweifel.
Fünftes Kapitel.
Seltsame Art, einen Liebhaber Zutritt im haus der
Geliebten zu verschaffen.
Aber