Furcht immer tiefer in das Gehölz, vielleicht an gefährliche Oerter zu geraten, die man mir in der Herberge genannt hatte, mich entschloss den Morgen abzuwarten, und die Nacht auf dem feuchten Boden zuzubringen, den ich so gut ich konnte mit dem abgefallnen Laube bedeckte, das ich in der Dunkelheit zusammen zu raffen vermochte.
Ich hatte noch keine Stunde auf diese Art geruhet, als ich das Geräuch hörte, welches mir in diesem wald so oft kalten Schauer gemacht hatte, und das dem entfernten Schritt gewapneter Leute glich. Es kam näher, zerteilte sich, ward still, und erhob sich von neuem. Mich dünkte, ich hörte jetzt einen doppelten Fusstritt, und die stimme zweier dieser Wesen, die ich bis hieher für Geister gehalten hatte. dicht an dem Strauch, hinter welchem ich lag, hielten sie, und ich vernahm zum erstenmahl! dass diese Stimmen, die mir der Wiederschall des Waldes bisher nur immer wie ein holes unartikulirtes Lallen zum Ohre geführt hatte, würkliche Worte zu bilden vermochten: eine Entdeckung, welche mir grosse Zweifel in Ansehung desjenigen beibrachte, was ich bisher von ihnen geglaubt hatte. Immer dachte ich, und ich denke es auch noch, jene stillen Bewohner einer andern Welt müssen andere Mittel haben, einander ihre Gedanken mitzuteilen als menschliche Worte.
Mein Mut fing an zu wachsen! ich strengte mein Gehör an um durch dasselbe den Mangel des Sehens zu ersetzen, welches die undurchdringliche Nacht mir gänzlich verwehrte. – Ich ward bald völlig überzeugt, dass diese Schreckbilder, welche mich bisher so oft geängstigt hatten, Menschen waren wie ich, die sich über die Unbequemlichkeit der Witterung beschwerten, auf die schmähten, welche ihnen zu befehlen hatten, und den Tag herbei wünschten. Schon war ich im Begriff mich ihnen kund zu geben, und durch gemeinschaftliches Gespräch und vielleicht gegenseitige hülfe die lange Nacht zu vertreiben, und uns unsere Lage zu erleichtern, aber einige Worte, die ich hörte, machten mich neugierig vorher zu wissen mit wem ich zu tun habe, und ich zog mich dichter zusammen um desto bequemer zu lauschen.
Was war das? rief einer von ihnen, es rauschte im Gesträuch! Ist der Mann aus dem wald schon vorüber? – einmal: sagte der andere. Das zweitemahl erscheint es gemeiniglich wenn die Nacht sich vom Tage scheidet. Es tut keinem Menschen leid, fürchte dich nicht, und wenn es jetzt vorbeistriche.
Ich halte, sprach der andere, es ist Hans Herdsmann, der wie das Landvolk spricht, in dieser Gegend erschlagen ward, ich gehe ihm allemahl aus dem Wege, wenn ich ihn ziehen sehe, und bete vor seine arme Seele. Gott tröste ihn, sprach der erste, sein Gewand ist weiss, das Blut, das man ihm aus dem leib zapfte, klebt nur an seinem Saume, er mag wohl unschuldig gewesen sein.
Diese und noch einige Worte der Art machten mir es wahrscheinlich, dass meine Nachbaren von mir sprachen; mein weisser Reutermantel mit den roten Säumen ward gar zu natürlich bezeichnet, und es nötigte mir ein heimliches lachen ab, dass ich hier die Rolle eines Gespenstes bei denen gespielt hatte, welche ich selbst, nicht ohne Schauer, für Geister zu halten gewohnt war.
Mich dünkte, ich hörte etwas, fing der eine an, wie wenn einer in die Faust lacht; es neckt uns hier, wir wollen weiter gehen! – Nicht von der Stelle, rief der andre, du weisst, dass wir die Herrn hier erwarten müssen. – Sind sie wieder auf Wisbaden zugeritten? – Ja, mich wundert nur noch was aus diesen Dingen werden wird –
Bald darauf hörte ich das Geräusch einiger Kommenden. Meine bisherigen Nachbarn mussten abtreten, nachdem sie ihren Herrn unter den Bäumen ein Lager von ihren Mänteln gemacht hatten. Meine neuen Gesellschafter waren allein, und ich hatte gelegenheit ein Gespräch zu hören, welches interessanter war, als das vorige, und das endlich meine Aufmerksamkeit so ganz hinriss, dass wenig fehlte, ich hätte mich verraten. Was ich vernahm, war nichts geringers als ein Anschlag auf den Grafen von Würtemberg, den sie in seiner Sicherheit zu Wisbaden zu überrumpeln dachten. Der eine von meinen Nachbarn, der das Haupt einer nicht kleinen Anzahl von räuberischen Rittern zu sein schien, wie ich aus seinen Reden abnehmen konnte, bekannte seinem gefährten offenherzig, dass er nicht so wie seine Leute auf die ansehnliche Beute dächte, welche ihnen bei dem reichen Grafen nicht entgehen könne, sondern mehr auf Graf Eberhards schöne Gemahlin, welche ihn ehemahls geliebt habe, seiner müde geworden sei, und bald darauf sich in die arme des Grafen von Würtemberg geworfen habe.
Ich ward in meinem Gebüsche immer aufmerksamer, denn jetzt hörte ich die Anzahl der Feinde Graf Eberhards, jetzt ihre Nahmen nennen, unter welchen sich auch zwei Herrn von Unna, unsers Herrmanns Vater und Bruder befanden. Der Morgen fing an heranzudämmern; es erschienen mehrere Geharnischte: man ging zu Rate; die beiden ersten Ritter sagten aus, was sie zu Wisbaden erkundschaftet hatten; der Tag des Ueberfalls ward bestimmt, und, o stellt euch mein Entsetzen vor, es war der, welcher eben jetzt angebrochen war; mein Anschlag, den Grafen zu warnen, den ich währenden hören fasste, musste augenblicklich ausgeführt werden, wenn ich dem Unglück das ihm drohte, zuvorkommen, und ihm Zeit gewinnen wollte, auf seine Rettung zu denken.
Ohne mich lang zu besinnen erhob ich mich leise aus meinem Hinterhalt.