unsere Zusammenkünfte, bei welchen wir keine andere Zeugen hatten, als die kleine Ida, um welche man sich, seit die gräfin schwanger war, noch weniger als sonst bekümmerte, die man mit ihrer Wärterinn in einem elenden abgesonderten Zimmer fast wie gefangen hielt, und es beiden oft an dem nötigsten fehlen liess.
Die zweifelhaften Aussichten für unsere Liebe waren bei weitem nicht der einige Gegenstand der Unterhaltung bei unsern geheimen Beratschlagungen. Idas Schicksal ging Marien weit mehr zu Herzen als ihr eigenes. Hoffe nur nicht, sagte sie zu mir, dass ich je daran denken werde, einen von deinen Anschlägen zu unserer Verbindung zu begünstigen, so lang ich wegen dieses Kindes nicht ausser Sorgen sein kann, du musst uns beide retten oder auch auf mich Verzicht tun. – Süsse leidende Unschuld! setzte sie hinzu, indem sie die kleine Ida, welche auf ihrem Schoosse eingeschlafen war, an ihre Brust drückte, dich verlassen? dich in den Händen dieser Stiefmutter verlassen? dass dieses ohnedem hinwelkende Leben vollends ganz verblühte? die geknickte Blume völlig gebrochen würde? – sieh nur, Trauter, kennst du wohl in dieser bleichen zärtlichen Gestalt die ehemahls so blühende Ida? und gleichwohl geniesst sie nichts als was ich ihr selbst bereite; ich muss besorgen, die Luft, die wir hier atmen, ist vergiftet, und der Basiliskenblick der bösen gräfin kann das Leben dieses Kindes zerstören, denn mehr als das Anschauen der holden Kleinen würde ich ihr nie gönnen; wenn sie sie auch so sehr suchte als sie sie jetzt von sich stösst.
Liebe und Argwohn machten Marien geschwätzig, sie wusste jeden Tag neue Proben von der Grausamkeit der Stiefmutter anzuführen, und behauptete, wenn die gräfin erst selbst Mutter würde, denn müsste alles noch schlimmer gehen, der Graf würde sich noch weniger als jetzt um seine Ida bekümmern, und diese würde ihren künftigen Geschwistern ganz aufgeopfert werden.
Es war nicht schwer Mariens Wünsche zu erraten, ich sollte durch einen kühnen Streich ihr ihre Freiheit, mir ihre Hand, und der kleinen gräfin Rettung aus den Gefahren, die sie umgaben, schaffen; eine Forderung, welche bei mir, was das letzte betraf, immer viel Widerspruch fand. Ich liebte die holdseelige Ida, aber ich konnte mich nicht bereden ihre Lage für so gefährlich anzusehen, dass sie zu Verbesserung derselben ihrem Vater entrissen und der Rechte ihrer Geburt beraubt werden dürfte. Ich rechnete viel von Mariens Besorgnissen auf die übergrosse Zärtlichkeit, die sie für ihr Pflegekind, und den eben so übertriebenen Hass, den sie für diejenige fühlte, welche sich in den Platz ihrer angebeteten Gebieterinn, der verstorbenen gräfin von Würtemberg gedrängt hatte. Ich hofte, dem kind könne auf leichtere Art geholfen werden, und blieb fest bei dem Vorsatze, nie mich zu einem Raube zu verstehen, den ich für den sträflichsten von allen hielt.
Indessen ereignete sich eine Begebenheit, welche mich überwand und Mariens Anschläge zur Würklichkeit brachte, ohne dass es nötig war die geringsten Anstalten dazu zu machen. Was soll ich sagen? Liebe und Mitleid besiegten, der Anschein einer besonderen göttlichen Fügung verblendete mich, Marie war klug genug meine Schwäche zu nützen, und der Schritt ward getan, welcher mir in der Folge so viel sorge, Reue und Gewissensbisse, und diesem unglücklichen kind so viel Leiden machte, der Schritt, dessen böse Folgen jetzt erst, wie ich hoffe, gänzlich gehoben sind.
Ich hatte meine wohnung, um desto verborgener zu bleiben, eine reichliche Stunde von dem schloss, auf welchem Graf Eberhard zu Wisbaden residirte. Ich machte mich täglich bei eintretender Nacht auf, Marien zu besuchen, und kehrte nach dem Gespräch von einigen Stunden, den seeligsten meines Lebens, zurück, um nicht von dem anbrechenden Tage verraten zu werden. Mein Weg trug mich allemahl durch ein dichtes Gehölz, welches von den Leuten dieser Gegend für die wohnung böser Geister gehalten wurde, und das ich also ohne die Kraft der allmächtigen Liebe nie würde haben ohne Schauer betreten können, vornehmlich da mir in demselben sehr oft Dinge begegneten, welche ich mir nicht recht zu erklären wusste.
Gott weis, sagte ich oft zu Marien, was ihr in eurem wald habt. Dieses bei Tage so öde Gehölz ist zur Nachtzeit durchaus belebt, Stimmen lassen sich hören, Gestalten schleichen auf und ab, und kommen oft so nahe, dass sie mich zu berühren scheinen; aber, Gott sei Dank, sie tun dem friedlichen Wanderer kein Leid, auch lasse ich sie gehen, mache mein Kreuz, und scheine sie nicht zu bemerken.
Eines Abends, da ich Marien, wegen einer Krankheit ihres Pflegekinds, die ihr keine Achtsamkeit für mich überliess, zeitiger als sonst verlassen hatte, begegnete mir etwas, das meine Zweifel in Ansehung des unheimlichen Waldes gänzlich aus dem Wege räumte, und das Signal zu einer Handlung gab, die ausserdem wohl nie wirklich geworden sein möchte.
Es war eine von jenen finstern Nächten des Herbsts, in welchen kein Mond, kein Sternenlicht durch die nebliche Luft zu dringen vermag. Ein feuchter Duft ruhte auf der ganzen Gegend, man ging wie in einer Wolke, und sah nichts als zuweilen einen hüpfenden schnell auffahrenden Funken, der vielleicht von Irrlichtern, vielleicht von noch etwas schlimmern herrühren mochte.
Ich tappte auf dem so oft getanen Wege wie ein Unwissender, stiess wider die Bäume an, glitt auf dem morastigen Boden aus, rafte mich auf, tappte von neuem, und verlor den Pfad endlich so gänzlich, das ich, aus