Hauses Graf Eberhard ist, er wird euch die Händel bei Wisbaden, so unschuldig ihr an denselben seid, nie verzeihen, überdieses hat er ganz andre Absichten mit seiner Tochter. – Da er mit gutem grund zweifelt, ob ihm seine Absichten auf den höchsten Stuhl im Reiche gelingen möchten, so wünscht er wenigstens, sich mit dem künftigen Besitzer desselben fest zu verbinden. Es wird für wahrscheinlich gehalten, dass Herzog Friedrich von Braunschweig dereinst Kaiser Wenzels Stelle bekleiden könne, und dieser ist es, den der Graf von Würtemberg zu seinem Schwiegersohne bestimmt hat. Er hat kürzlich eine Tochter verloren, welcher Herzog Friedrichs Hand zugedacht war, und er ist erfreut, seine wieder gefundene Ida an die Stelle ihrer verstorbenen Schwester einschieben zu können; eine Sache, die er, da sie derselben an Schönheit weit vorgeht, für etwas sehr leichtes hält. Und wolltet ihr, fuhr Münster in seiner Rede an mich fort, wolltet ihr wohl das Glück derjenigen, die ihr liebt, zerstören? ihr den Anspruch auf die höchste Krone der Welt rauben? – Wie ich Münsters Frage beantwortete, gehört nicht hieher, aber erlaubt mir, gräfin, dass ich eine ähnliche an euch ergehen lasse. Wolltet ihr wohl eure Hand einem Fürsten geben, der euch nicht kennt, euch, wenn er euch wählt, bloss aus Staatsabsichten wählen wird? der von anderer Liebe eingenommen, eure Schwester, die man ihm zudachte, verachtete, zurücksetzte? vielleicht durch Gram zum tod beförderte? und der, wenn er, durch eure Schönheit geblendet, mehr für euch fühlt als für sie, doch nicht lang anstehen wird, euch Nebenbuhlerinnen zu geben, welche – – – Ein heftiges klopfen an der äussersten Tür von Idas Zimmer unterbrach hier den Sprechenden. Beide erschracken. Die gräfin eilte hinaus, und, o Entsetzen! ihr Vater war es, der ihr entgegen kam.
Ha; rief er mit einem sonderbaren Blicke, noch so früh, der Tag ist kaum angebrochen, und du bist schon völlig gekleidet?
Mein Vater, ich pflege – pflege früh aufzustehen.
Du bist auf dem Altan gewesen? Wo sind deine Weiber? Man hat dich sprechen hören, pflegst du mit dir selbst zu reden?
Ida war in der äussersten Verlegenheit, sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und hätte ihr Vater nur noch eine einige Frage getan und die Beantwortung erwartet, er hätte alles erfahren, was er nach der Lage der Sachen nicht wissen durfte. Aber zum Glück war er zu heftig, das Examen gelassen fortzusetzen. Er eilte auf den Altan, fand ihn leer, kehrte besänftigt zurück, und bat die zitternde Ida, welche sich nicht getraute ein Auge aufzuschlagen, sie möchte sich inskünftige nicht mehr der kalten Morgenluft aussetzen, noch viel weniger durch ihre sonderbaren Selbstgespräche Anlass zu seltsamen Nachreden geben. Das frühe Aufstehen, setzte er hinzu, hat dir ein trübes verstörtes Ansehen gegeben. Du hast mir meinen ganzen Plan vereitelt, ich wollte dich heute nach hof führen, aber ich sehe wohl, ich muss dir noch einen Tag Zeit gönnen dich zu erholen.
Hier folgte eine zärtliche Umarmung und die Bitte, sich wieder nieder zu legen, weil der Tag noch kaum angebrochen sei, und sie Ruhe vonnöten habe.
Vier und zwanzigstes Kapitel.
Wiedervereinigung zweier Freundinnen.
Ida konnte nicht begreifen, wie es zuging, dass sie so gut aus diesem seltsamen Handel gekommen war. Sie lief auf den Altan, um zu sehen, wo Herrmann hingekommen sei, alles war leer und ihr blieb nichts übrig als die Mutmassung, dass er einen Sprung in den Garten gewagt habe, um dem Grafen, dessen stimme er gehört haben musste, zu entgehen. Sie schaute hinab, alles war still, doch sah sie in der Fern eine Schildwach auf und abgehen, welche ihr vor Herrmanns Entkommen und ihren guten Namen bange machte. Ach, seufzete sie im Zurückkehren, müssen denn die Grossen sich überall Zeugen ihrer geheimsten Handlungen hinstellen, damit sie ja nicht unbemerkt, ja nicht ohne Zwang handeln können? – Ach das ruhige Leben in Münsters haus, und ach der höfischen Einschränkungen, die ich, wie es scheint, hier noch besser werde kennen lernen als an Sophiens hof.
Ida gehorchte gern der Anmahnung ihres Vaters sich zur Ruhe zu legen, sie bedurfte sie, sie war müde, gedankenvoll, und ward durch beides am Schlafe gehindert, sie stand auf, um die Aufwartungen ihrer Leute anzunehmen, bekam diesen Tag niemand zu sehen, der ihr lieb war, selbst den Grafen von Würtemberg nur auf wenige Augenblicke, hatte Langeweile und durfte keine Vergleichung mit ihrem jetzigen und ihrem ehemahligen stand anstellen um nicht unmutig zu werden. Nur die Vergleichung zwischen der Lebensgefahr, in der sie vor kurzem schwebte, und ihrer gegenwärtigen Ruhe, den Schimpf und die Verachtung, der sie ausgesetzt war, und ihrer nunmehr geretteten Unschuld machte ihr Freude, und ihr Herz floss von Dank gegen Gott und ihre Retter über. Herrmanns Erzählung gab ihr Stoff zu neuen Betrachtungen, und diese wurden endlich durch das Andenken an die geliebte kaiserin verdrängt, welcher sie morgen sollte vorgestellt werden. Sophien wieder zu sehen, sie gerettet, gerechtfertigt wieder zu sehen, ihr alles zu sagen was sie um ihrentwillen gelitten habe, ihre Feinde durch den Glanz ihrer Unschuld, durch den Glanz ihres hohen Standes zu beschämen, was für Vorstellungen! Ida hätte kein Mädchen sein, was sage ich! hätte kein menschlich Herz im Busen tragen müssen