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der Richter und Beisitzer dieses fürchterlichen Tribunals ist, habt ihr zum teil gesehen, aber ich habe ursache zu glauben, dass ihr Anhang unter den Geringen im Volk noch weit ausgebreiteter sei als unter den Grossen; diese Art Leute sind die Glieder, welche diese unermessliche Kette zusammen halten, die verborgenen Triebräder der ungeheuren Maschine, die tausend Augen, mit welchen die Allgegenwärtigen, wie sie sich nennen, alles durchschauen, die Zeugen, welche ihnen die verborgensten Geheimnisse verkünden. Ohne Zweifel war Andreas einer von dieser Klasse, und seine Treue für das Haus seines alten Herrn machte, dass er die grenzen der heiligen Verschwiegenheit, zu welcher seine Brüderschaft verpflichtet ist, so weit überschritt als er konnte, um mich zu eurer Rettung aufzumahnen.

Ich kam an, ohne genau zu wissen, wie die Gefahr beschaffen sei, welche euch drohte, oder wie man euch helfen könne; indessen war eure geschichte der Gegenstand des allgemeinen Gesprächs, die Aufforderung euch zu verteidigen, dafern es möglich sei, stand noch an allen Ecken der Strassen an allen öffentlichen Gebäuden angeschlagen, und ich war bald von allem unterrichtet was ich wissen musste. Es waren noch zwei Tage bis zur letzten Entscheidung eurer Sache, und ich wandte dieselben so an, wie mich ein alter treuherziger Mann, ein gewisser Walter, in dessen Bekanntschaft mich der Zufall brachte, unterrichtete. Ich wollte euch in eurem Kloster sprechen, aber es ward mir widerraten, weil kein Anwald vor dem heimlichen Gericht zugelassen wird, von dem erweislich ist, dass er binnen Jahrsfrist den entferntesten Umgang mit dem Beklagten gepflogen habe. Ich erfuhr von Waltern, dass es auch an einem Begleiter auf eurem Wege nach dem Orte fehle, von wo ihr von den Unbekannten solltet abgeholt werden, und ob es mir gleich nicht erlaubt war, euch meine Hand zu bieten, so konnte ich mich doch nicht entalten auf dem Wege, den ihr gehen musstet, heimlich zu lauschen, damit der einsamen verlassenen Unschuld kein Unglück begegne. Ich sah euch in Begleitung der Klosterfrauen daher kommen, und ich muss gestehen, war etwas, das die Meinung, die ich von euch hegte, erhöhen konnte, so war es diese ehrwürdige Gesellschaft, die durch die achtung, mit der sie euch begegnete, das redendste Zeugnis von eurer Schuldlosigkeit ablegte. Auch habe ich hernach erfahren, dass diese Handlung der guterzigen Nonnen einen für euch sehr vorteilhaften Eindruck auf eure Richter machte.

Und dennoch, rief Ida, wollte man dem mächtigen Verteidiger meiner Urschuld kein Gehör geben? ging so gar so weit, sich seiner person zu bemächtigen, und dadurch, wie ich meinte, meine Rettung unmöglich zu machen? – O Gott! mir schwanden die Sinnen bei diesem Anblick, und noch jetztnoch jetzt! –

Wer vermag alle Dinge in den Handlungen der Unbegreiflichen zu enträtseln? unterbrach Herrmann die stockende Ida, auch ich kann, und könnte ich, darf es nicht. – Euch schwanden, wie ihr sagt, die Sinnen, man brachte euch hinweg, und derjenige, welcher euch herbei geführt hatte, legte euch an den Ort nieder, wo er euch aus den Händen der Nonnen empfangen hatte, doch wie ich weis, nicht ohne im Verborgenen für eure Sicherheit zu wachen. Ich ward indessen ins besondere Verhör geführt. Man verfuhr strenge mit mir. Ich hatte euch die Tochter eines Fürsten genannt, und sollte beweisen, ich hatte keine andere Bestätigung meiner Aussage als die Worte der Münsterinn. Der Oberste von den Richtern stand auf und nahte sich mir, er tat mit einer stimme, in welcher die heftigste Rührung nicht zu verkennen war, fragen an mich, die ich nicht zu beantworten wusste. Man hatte mich, wie es in diesem Fall die Sitte mit sich bringt, entkleidet, und mich mit entblösstem Haupt und Füssen, und am leib nur mit einer leinenen Hülle bedeckt, zum Verhör geführt. Meine Kleider waren untersucht worden, und die Kette, welche ich ehedem von euch erhielt, war in den Händen des mich fragenden Oberrichters; auch sie war ein Gegenstand seiner Nachforschungen. Woher ich sie bekommen? ob ich das daran hangende Bild des Grafen Eberhard von Würtemberg kenne? ob ich nicht auch einen ähnlichen Ring habe? ob ich die Beklagte vordem gekannt? ob ich nie an ihrer linken Hand ein Mahl, in Gestalt eines kleinen Kreuzes, bemerkt habe? ob ich nicht auf den Fürsten raten könne, dessen Tochter sie sein solle? diese und ähnliche fragen beantwortete ich kurz und nach der Wahrheit, so gar auch diese: warum ich euch so verteidige? ob ich euch liebe? euch mit Hoffnung liebe? euch kürzlich gesprochen habe? und was dergleichen mehr war. Man entliess mich endlich und gab mir meine Kleider zurück bis auf das geliebte Kleinod, die Kette, die erste Gabe aus eurer Hand, das wahrscheinliche Mittel eurer Erkennung.

Man bedeutete mich, nicht ohne Erlaubnis aus der Stadt zu weichen, und mich auf die erste Forderung zu stellen, aberich ward nicht vorgefordert. – Nur dies erfuhr ich auf eine Art, die ich euch nicht begreiflich machen kann, dass in voriger Nacht nochmahls stilles Gericht über euch gehalten worden, dass der Oberrichter von seinem Stuhl aufgestanden sei, und eure Unschuld mit dem gewöhnlichen fürchterlichen Eide der Unbekannten beschworen habe, und dass darauf eure förmliche Lossprechung erfolgt sei.

Diesen Morgen ward ich zu den Grafen von Würtemberg gefordert, er empfing mich gnädig, entdeckte mir, dass die junge