Schutz erwerben
O, sprach Sophie, lasst euch von euren Fürsten, von euren edlen beschenken. Aber diese armen Leute, diese Künstler und Handwerker die –
Noch einmal, sprach der Kaiser, ihr irrt! Eben diese Leute sind es, die uns zollen können und sollen. Der Adel ist arm in Vergleichung mit ihnen; Fleiss und Arbeitsamkeit leiten Schätze in ihren Schooss, welche jene durch Krieg und Räubereien nimmer erbeuten.
Wenzel hatte recht, die Beschaffenheit der Stände war zu den damaligen zeiten so wie er sagte, aber Sophie konnte sich in diese Dinge nicht finden, und fuhr fort zu weinen, vielleicht aus Verdruss über ein Geschenk, das sie nicht vergelten durfte, vielleicht auch am meisten über den ganzen Umfang ihrer unglücklichen Lage.
Der Kaiser rufte seine Kammerdiener ihn vollends zu entkleiden und Sophiens Damen traten herein, sie zu Bette zu bringen.
Viertes Kapitel.
Fürstenglück und Fürstengnade.
Sophie war nicht glücklich genug, um über ihren neuen Stand, gleich andern Neuvermählten, jeden andern Gedanken zu vergessen. Der Auftritt mit dem Blumenmädchen, der einzige auf ihrem ganzen Hochzeitfeste, der ihr Freude machte, hatte ihr des Abends zuletzt im Sinn geschwebt, und er war wieder einer der ersten Gedanken, als sie am Morgen erwachte Sie sandte nach Ida und liess sie vor sich fordern. Ida war krank. Die Kaiserin schickte noch einmal, um, wenn sie ja nicht bei hof erscheinen könnte, von ihr die Namen ihrer gestrigen Gespielinnen zu erfahren, welche nicht krank waren, und auf Sophiens ersten Wink sich da einfunden, wo man ihre Gegenwart verlangte.
Wenzels grossmütige Gemahlin konnte den Gedanken nicht ertragen, von Geringern, von irgend jemand unerwiederte Geschenke anzunehmen; sie begleitete den liebreichen Dank, damit sie ihnen ihre gestrige Erscheinung belohnte, mit Gaben, die man nicht zurückfordern durfte, weil sie nicht von den Schätzen genommen wurden, welche zur Krone gehörten, sondern von den Kostbarkeiten, welche Sophie noch als Prinzessin besass. Die Fürstin von Ratibor nannte Dank und Geschenke überflüssig, und fand die Unterredung in welche sich ihre Gebieterinn mit diesen einfältigen Kindern einliess, standswidrig. Die Benennung einfältig, mit welcher sie die guten Geschöpfe beehrte, war nicht ganz übel angebracht. Keine einige Ida war unter dem ganzen Haufen, sie wussten nichts als ihr Lied zu singen, und Sophiens fragen mit äusserster Blödigkeit zu beantworten. Die Kaiserin erkundigte sich nach Ida, von welcher sie nicht begreiffen konnte, wie sie unter einem Haufen von zwanzig solchen Mädchen, bei ähnlichem stand, ähnlicher Erziehung das werden konnte, was sie war. Aus den Antworten der Gefragten blickte teils heimlicher Neid, teils Verachtung von Verdiensten hervor, die sie nicht erreichen konnten, und die Fragerin wusste am Ende doch so viel, dass Idas Eltern sehr reich und ganz in diese einige Tochter verliebt waren, dass sie zu schön, zu verdienstvoll war, um von ihren Gespielen geliebt zu werden, und dass Liebe zur Einsamkeit, Bewusstsein ihrer Vorzüge, oder Stolz, wie man es nannte, sie nur selten in den Zirkel kommen liessen, in welchem sie gestern eine so hervorstechende Rolle gespielt hatte.
Der allerhöchste Beifall der Kaiserin, mit welchem das Bürgermädchen beehrt wurde, wär schon hinlänglich gewesen, den Beifall des ganzen Hofs nach sich zu ziehen, aber auch ohne Rücksicht auf denselben wurde Idas Name überall genannt. Die jungen Herren des Hofs vermochten die Reize, mit welchen sie erschien, nicht zu vergessen, sie erkundigten sich nach jedem kleinen Umstande, der sie betraf, umschlichen des Haus ihres Vaters, fragten nach den Orten, wo man sie sehen könne, bewunderten, sie nie zuvor gesehen zu haben, und beklagten ihren gemeinen Stand. Einer von ihnen, der junge Hermann von Unna, ein westphälischer Edelmann, nannte sie nicht, fragte nicht nach ihr, beklagte und bewunderte nichts mit lauten Worten, das sie anging, sondern begnügte sich, heimlich an sie zu denken, und hatte, ehe die andern die tausendfältigen Streitigkeiten über sie zu Ende bringen konnten, in aller Stille die Kirche ausfindig gemacht, in welcher sie täglich Messe zu hören pflegte.
Herrmann war erst achtzehn Jahr, war frühzeitig an Wenzels Hof gekommen, eine Schule, welche eben nicht die beste war. Seine Grundsätze über Liebe, Tugend und Schicklichkeit konnten wahrscheinlich nicht die strengsten sein, und er machte sich also wenig Bedenken über eine angehende leidenschaft für ein Mädchen, an welches er bei ihrem niedrigen stand nie mit Ehren denken konnte. – Er war der Liebling des Kaisers, hatte ihm seit seinem Knabenalter als Page aufgewartet, war Vertrauter und Unterhändler in mancher Begebenheit gewesen, wo Wenzel bewies, dass er bei der Liebe nicht auf Stand sah, und ohne Rücksicht auf denselben glücklich zu sein wusste. Wo hätte Herrmann bei solchen Beispielen Gesinnungen hernehmen sollen, welche seiner Herkunft und Idas Tugend geziemt hätten? doch müssen wir ihm zum Ruhme nachsagen, dass er sich keines sträflichen Gedankens bewusst war, er hieng seiner Liebe nach, ohne weiter zu bedenken was daraus werden sollte.
Es war unmöglich, so sehr der Jüngling auch darnach strebte, Zutritt in dem haus des alten Münsters zu erhalten. Immer waren seine Türen vor denjenigen verschlossen, welche nicht in Geschäften zu ihm kamen, und erdichtete Geschäfte zu enträtseln war er schlau genug. Hermann musste also zufrieden sein, das Mädchen, das er bewunderte, bei ihrer täglichen Andacht zu beobachten, die viel zu tief, viel zu herzlich war, als dass sie ihr nur