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lang verkennen konnte. Doch, ich bin immer durch eine unwiderstehliche Sympatie zu dir hingerissen worden; Ida, du weists, wie mich gleich Anfangs dein blosser Name erschütterte, wie ich dich immer, deinen Feinden zum Trotz, vor allen andern auszeichnete.

Idas Erstaunen fing an sich in Freude zu verwandeln, ihr Herz sprach für Graf Eberhardten wie das Seinige für sie, sie sank in seine arme, sie schlang ihre Linke um seinen Nacken, indem sie die Rechte nach Münstern ausstreckte, der ihr zu teuer war, als dass irgend jemand ihm den Vorrang in ihrem Herzen hätte streitig machen können. – Auf die ersten Entzückungen der Freude folgten Erklärungen, nach denen meine Leser vielleicht so begierig sein werden als Ida, aber wie verwirrt sind die Erläuterungen, die man in dem Gewirr mannichfaltiger Leidenschaften erteilt und anhört! Wir müssen einen ruhigern Zeitpunkt wählen, dir, mein Leser, das Ganze dieser verwickelten Begebenheit mitzuteilen.

Ida sah mit bekümmertem Herzen, dass Münster bei weitem nicht in dem Ansehen bei dem Grafen war als bei ihr. Graf Eberhardt sah in ihm den ehemaligen Räuber seiner Tochter, sie, ihren Erzieher, ihren treuen Ratgeber, ihren Tröster zu der Zeit, da jedermann sie verliess. Der Graf missgönnte dem Alten jede Liebkosung, die sie ihm erwiess, und sie konnte nicht vergessen, dass sie ihn so lang hatte Vater nennen dürfen. sonderbar! ich weiss gewiss, dass manche meiner Leserinnen es nicht werden begreifen können, dass das Vergnügen, eines Fürsten Tochter zu sein, nicht das Gefühl der Dankbarkeit und jede andere Empfindung bei Ida verdrängte; freilich war dies ein Beweis, dass sie nicht nach den grundsätzen der grossen Welt erzogen worden war.

In Idas Herzen lebte noch ein unerfüllter Wunsch, der ihr die Freude über die väterliche Zärtlichkeit des Grafen verbitterte. Sie hatte schon mehrmahl nach ihrem Vorsprecher vor dem heimlichen Gerichte gefragt und ihn zu sehen gewünscht, sie hatte ihn ihren Retter genannt und die lebhafteste Dankbarkeit gegen ihn geäussert, und allemahl hatte sie der Graf versichert, sie habe ihre Rettung niemand als ihm zu danken, welches sie zwar nach dem, was man ihr sagte, und was meine Leser mit der Zeit auch erfahren sollen, glaubte, aber doch allemal mit ihren fragen auf den grossmütigen Unbekannten zurückkam, der doch ohne Zweifel durch seine Vorsprache den ersten Grund zu ihrer Rettung gelegt hatte. – Man hatte keine Lust, diese Frage deutlich zu beantworten, Ida schwieg und suchte ihren Verdruss zu verbergen, um die Liebe ihres neuen Vaters nicht mit Undank zu belohnen. Münster, welcher auf Idas Bitte in dem Zimmer des Grafen bleiben durfte, war zurückhaltend um keine Eifersucht zu erregen, und Graf Eberhardt fand jede Liebkosung seiner Tochter kalt gegen dasjenige, was er erwartet hatte. – So ging man am Abend auseinander, froh über entflohnes Unglück und neugewonnene Freuden, und doch mit einem kleinen Dorn im Herzen, der auch bei dem grössten Entzücken der Erde nie ganz fehlt.

drei und zwanzigstes Kapitel.

Ein verdächtiger Besuch.

Ida bekam Befehl, den Pallast ihres Vaters nicht wieder zu verlassen, man wies ihr Zimmer an, und sie wahr froh, endlich nach einem Tage voll der seltsamsten Veränderungen, zur Ruhe und zum Nachdenken zu kommen. Sie entliess die Frauen, die man ihr zugab, sehr bald, und warf sich angekleidet auf einen Sessel, um die geschichte des Tages von neuem zu überlegen. – Ein leises klopfen an der Tür weckte sie aus ihrem Tiefsinn. Eine Mannsperson trat schnell herein. Sie erschrack, wollte fliehen, wollte nach ihren Leuten rufen, aber der Kommende fiel auf die Knie, fasste sie bei ihrem Gewand und bat mit einem Tone, der ihr Innerstes durchdrang, sich nicht zu übereilen. Was ist das für eine stimme? schrie Ida, und dies Gesicht? – O Herrmann! Herrmann!

Ja ich bin es, gräfin! sprach er. Ich bin genötigt, zudringlich, verwegen zu sein. Ich muss mit euch sprechen, und jetzt oder niemals. Mit diesen Worten stand er auf, verschloss leise die Tür, und nahte sich der bleichen Ida von neuem, welche halb ausser sich vor Entsetzen und Freude an das Getäfel gelehnt da stand, und nicht wusste, was sie tun sollte.

Ein Mädchen mit dem gehörigen Ceremoniel der Tugend bekannt, würde bei Herrmanns Handlungen Zorn gefühlt oder affektirt haben. Ein Liebhaber in der einsamen Mitternachtsstunde, bei verschlossenen Türen, war in der Tat eine bedenkliche Sache, konnte auch dem entscheidensten guten Ruf einen Flecken anhängen. Ida dachte in der ersten freudigen Bestürzung nicht an das was ihr zukam, sie beugte sich zu Herrmann, der ihre Knie von neuem umfasste, herab, sie breitete ihre arme gegen ihn aus und zog sie schnell mit Erröten zurück, um ihren Fehler wieder gut zu machen. Herrmann kannte seinen Vorteil zu gut, um es bei dem Anfange dessen zu lassen, was ihm zugedacht war, er erkühnte sich, sie in seine arme zu schliessen; sie wand sich mit Unwillen von ihm los, und eilte nach einer Nebentür, von welcher sie glaubte, dass sie in das Kabinet ihrer Frauen führe, er folgte ihr, und beide sahen sich auf einem Altan, welcher keinen weitern Ausgang hatte. –

Ich beschwöre euch, gräfin, rief jetzt Herrmann von neuem, treibt mich nicht zur Verzweiflung, ich muss mit euch sprechen, und ich hoffe, ihr trauet mir zu, ich würde mich nicht so zur