zurück gehalten werden. Die Mitternachtsstunde schlug, der Weg nach dem Bartolomäuskirchhofe war weit, man durfte sich nicht aufhalten, so gar die feierliche Einsegnung in der Klosterkirche, die man zu diesem grossen Schritte für nötig gehalten hatte, und die gewiss in dem Herzen der frommen Ida irgend ein unglückliches Angelöbnis hätte hervorlocken können, musste unterbleiben. Man nahm eilig die Schleier, visitirte in der Geschwindigkeit ein wenig die Zellen der jüngern Nonnen, damit keine sich unter der Hand der Vorrechte der ältern teilhaftig machte, wallte die langen schallenden Klostergänge hindurch, öfnete das Tor und tat mit Herzklopfen den Schritt aus den geheiligten Mauern in die Welt.
Auch Idas Herz klopfte, sie ging mit ihren ehrwürdigen Begleiterinnen in dämmernden Sternenlichte den Weg, den sie schon einmal an der Hand ihres Vaters gegangen war. Die Domina, an deren Seite sie wandelte, überhäufte sie mit Tröstungen und frommen Betrachtungen, aber das Stillschweigen, unter welchen ehemals Münster diesen traurigen gang mit ihr tat, war ihrem Zustande angemessner, und sie hätte viel darum gegeben, auch jetzt still und ungestört weinen zu dürfen.
Endlich langte man an dem Ort der Bestimmung an. Ihr vermummter Führer, der ihrer bereits wartete, stutzte, sie in so grosser Begleitung kommen zu sehen; doch schien die Gegenwart der heiligen Frauen einen vorteilhaften Eindruck auf ihn zu machen; er beugte sich tief vor ihnen, liess der weinenden Ida Zeit, sich mit ihnen zu letzen, bot ihr dann freundlich den rechten Arm, und entfernte sich langsam unter öfterm Zurücksehen nach den Nonnen, welche ihn neugierig mit den Augen verfolgten. – Als sie um eine Ecke kamen und ihr Begleiter ihr die dichte Hülle überwarf, vermisste sie abermals seine linke Hand. Ach rief sie, warum wollt ihr mir doch verbergen, dass ihr Walter seid! es würde mir so tröstlich sein, es zu wissen, dass ich an der Hand eines Bekannten, eines wackern redlichen Mannes gehe! – Ein unverständliches Murmeln, in welchem Ida nur den Ton des Unwillens unterscheiden konnte, beantwortete diese Rede. Beide schwiegen, und man kam, wie ihr dünkte, weit eher als das vorige mahl an Ort und Stelle.
Auch kam ihr der Ort, wohin man sie brachte, anders vor als vorhin, die Decke, der funkelnde Sternhimmel, war die nehmliche, aber den Umkreis bezogen nicht hohe ängstliche Mauren, sondern das Auge hatte, von allen Seiten, so viel die falbe Dämmerung erlaubte, eine freie Aussicht, die nur von der Seite, woher Ida kam, durch dichte Gesträuche und auf der entgegen gesetzten vermutlich auf eben die Art begränzt war, unter ihren Füssen fühlte Ida weichen Rasen, und es ward ihr aus einigen Umständen wahrscheinlich, dass sie sich in einer ausgeholzten Gegend eines ihr wohlbekannten Waldes befand; welches wohl sein konnte, denn ein jeder Ort mochte (wie einige alte Schriften sagen) zu Hegung des Vehmgerichts taugen, wenn er nur heimlich und hehr war.
Die Versammlung an diesem Orte war so zahlreich als das erstemahl, aber die Erleuchtung schwächer, und die Stille wo möglich noch schauerlicher. Das Zeichen mit der Glocke ward gegeben. Die stimme, welche Ida schon einmal gehört hatte, erhub sich und rief:
"Wir, die Diener des unsichtbaren Gottes, der im Verborgenen richtet, wendet uns gegen die vier Enden der Erden, und rufen dir, Verteidiger der angeklagten Ida! Erscheine!" –
Der Ruf ward dreimahl wiederholt, der Schauplatz ward heller, und Ida wollte ungefordert hervortreten. Ihr werdet heute nicht zu sprechen haben, flüsterte ihr Führer, haltet euch ruhig.
Ida sah die Versammlung der fürchterlichen Unbekannten mit frohem Mute an, ein Gefühl von Freude und Hoffnung durchströmte ihr Herz, welches zum unaussprechlichen Entzücken ward, als sich auf dem dritten Ruf eine Gestalt hervortat, die, ungeachtet sie vermummt war, wie die andern, doch ein gewisses Etwas an sich hatte, das ihr in Idas Augen den Vorzug vor jedem der Anwesenden gab.
Der Verteidiger der Unschuld ging langsam vorwärts und stellte sich vor den Tron des Richters. Hier! rief er, hier bin ich, tödtet mich, wenn Ida schuldig ist!
Die Hegung des Gerichts hub an. Die fragen, welche Ida schon einmal gehört hatte, wurden wiederholt, aber sie hörte sie nicht mit dem Schrecken wie das erstemahl, der Unbekannte wusste auf jede derselben zu antworten, und ihren Gedanken nach war ihre Unschuld völlig erwiesen, aber die Richter waren schwerer zu befriedigen. Die in jenen finstern zeiten des Aberglaubens so verdächtige geschichte mit der Locke blieb doch einmal wahr, die unüberlegten Worte, welche sie zur prinzessin von Ratibor gesagt hatte, waren nicht zu leugnen und zeugten wider sie. Noch war die kaiserin nicht völlig genesen, und Herrmann von Unna, den man hier für tot hielt, und, ich weis nicht warum, Ida seine Mörderinn nannte, war, wie man versicherte, nirgend zu finden.
Der Retter der Unschuld bat, man möchte die Genesung Sophiens abwarten, und dann sie über Idas Leben entscheiden lassen, da sie, wenn Ida schuldig sei, die heftigste Beleidigung von ihr erlitten habe, und gewiss mehrere Umstände als man hier wisse, werde angeben können; aber man verwarf diese Bitte. Er erbot sich die andere Anklage wegen Herrmanns Ermordung auf der Stelle zu zernichten, aber man hies ihn schweigen, und verwiess ihn vornehmlich auf den Beweis, dass Ida keine Zauberinn sei, als welcher hier den Grund und die Hauptsache