sähe den Stolz meiner Eltern schon daraus, das sie mir einen fürstlichen Namen gegeben hätten, aber der Graf kehrte sich hieran nicht, er zog mich zu sich und küsste mich liebreich auf die Wange. Es ist mir lieb, sagte er lächelnd, dass du ein Bürgermädchen bist, bei einer Dame dürfte ich keine solche Aeusserung meines Wohlgefallens wagen. Die prinzessin von Ratibor, die neben mir stand, sah mich verächtlich an, und ihr blick sagte mir, dass sie die Rede des alten Grafen mir für schimpflich hielt, aber ich war zu einfältig, zu gemein, um dieses zu finden, ich küsste die Hand des ehrwürdigen Greises, und erhielt zu meiner Beschämung noch einen Kuss auf die Stirne. – Von der Zeit an fragte er immer nach mir, nennte mich seine Ida, fragte nach meinen Eltern, sagte, es sei einmal ein Münster, ein braver Mann in seinen Diensten gewesen, und was der kleinen Verbindlichkeiten mehr waren, welche der Geringe dem Grossen so hoch anrechnet. – Ich dachte oft an ihm einen würklichen gönner zu haben, aber freilich, jetzt in meiner Bedrängniss habe ichs erfahren, dass ich mich irrte.
Münster schwieg auf Idas Reden, auch hatte er keine Zeit zu langen Erwiederungen gehabt, denn in dem Augenblicke kam man das junge Mädchen in das Kloster, das sie sich gewählt hatte, abzuholen. Vater und Tochter nahmen treuherzigen Abschied, und versprachen sich einander bald wieder zu sehen.
Ein und zwanzigstes Kapitel.
Nie ist die Unschuld ohne Freunde.
Münster erschien gleich des andern Tages an dem Sprachgitter der Ursulinerinnen. Ich habe dir seltsame Dinge zu erzählen, sprach er zu Ida, lies dieses Blatt, dergleichen man heute fast an allen öffentlichen Gebäuden angeheftet sieht.
Ida las: "Wir die heimlichen Richter des Verbrechens und die Retter der Unschuld wenden uns gegen die vier Enden der Erde, und rufen: Ist jemand, welcher es wagt, die verklagte Ida zu verteidigen, der komme!"
Gott! Gott! schrie Ida und hielt den Zettel in den gefalteten Händen in die Höhe, ich fühle es, du verlässest mich nicht ganz! du wirst mich retten!
Ich war bei meinem Freund Walter, fuhr Münster fort, und zeigte ihm dieses Blatt, er lächelte und versicherte, dies sei eine ausserordentliche Gnade, deren du dich zu rühmen habest, es sei fast unerhört, dass man einem auf diese Art Beklagten, einen Verteidiger zugelassen, vielweniger dass man die ganze Welt gleichsam zu seiner Rettung aufgefordert habe. Ich sagte ihm meinen Entschluss, auf diese Forderung zu erscheinen und die Beweise deiner Unschuld auf mich zu nehmen, aber er schüttelte den Kopf: wäret ihr, sagte er, einer von den Beisitzern des heimlichen Gerichts und könntet auftreten und sagen: Ich schwöre, unsern fürchterlichen Eid, meine Tochter ist unschuldig, so möchte dies wohl von grossem Gewicht, möchte wohl nicht viel geringer als völlige Lossprechung sein, aber ausserdem gilt euer Wort so viel als nichts. Weder Vater, noch Gatte noch Bruder, noch einiger anderer Verwandter, dafern er ein Profaner ist, darf im heimlichen Gericht die Verteidigung des Beklagten führen, sondern in den wenigen Fällen, da Verteidigung zugelassen wird, muss ein Fremder erscheinen und die Sache des Verbrechers führen, und um die Erscheinung eines solchen möglich zu machen, wird die Zeit des zweiten Gerichts, wie eurer Tochter wiederfuhr, auf ein und zwanzig Tage verschoben. – Wiederfuhr? fragte ich, du sprichst von der Sache, als wenn du gegenwärtig gewesen wärest; sollte ich mich wirklich nicht geirrt haben, solltest du wirklich. –
Walter unterbrach mich mit Unwillen ohne meine Frage zu beantworten, er trieb mich von sich und bat mich nie wieder zu kommen, wenn ich auf diese Art mit ihm sprechen wollte.
Von ihm ging ich zu dem Grafen von Würtemberg, es ging mir wie du vermutet hattest. Ich ward abgewiesen, und noch muss ich, ich muss mit ihm sprechen. Es ist mir ein Mittel eingefallen, durch welches ich Zutritt bei ihm erlangen könnte. Du weisst die goldne Kette, die ich dir an deinem zehnten Geburtstage schenkte, ich habe sie – er gab – ich – genug, es hat eine gewisse Bewandniss mit diesem Kleinod, und ich glaube, ich werde nicht wieder abgewiesen werden, wenn ich ihm dasselbe zuschicke, und ihn dabei an gewisse Dinge erinnern lasse. – Wolltest du mir wohl diesen Schmuck, der dir jetzt sehr entbehrlich ist, überlassen? er soll dir herrlicher als du denkst ersetzt werden. – Wie? du erschrickst? – solltest du dieses wichtige Kleinod verloren haben? – sollte etwa bei jenem Brande, der uns um unser Vermögen brachte? – Doch nein! deine Mutter versicherte mich, als ich einst ernstlich darnach fragte, es sei gerettet, du habest es bei deinem damahligen Kirchgange getragen! – Sprich Ida? was soll ich denken? – Ich versichere dich, die Sache ist keine Kleinigkeit!
Mein Vater, rief die erschrockene Ida, ich – meine Mutter – genug die Kette ist nicht mehr in meinen Händen! – Herrmann von Unna bekam sie einst, als er – –
Unvorsichtiges Mädchen! schrie Münster, du hast dein Glück aus den Händen gegeben. – Und mein Weib! – Gott wie konnte sie? – Herrmann hat das Kleinod? – o dass ich ihn zu finden, es ihm zu entreissen wüsste, es wär im stand jetzt dein Leben zu retten!
Münster