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Und doch war es, als wenn ein gewisses etwas mir Trost zuflüsterte, der Vermummte, ihr habt es selbst gesehen, hatte nichts menschenfeindliches und grausames in seinem Betragen; seine stimme war sanft, ich sah beim Mondenlicht in seinem Auge eine Träne blinken, und was mir ganz besondere Gedanken machte, als er mich so dahin führte, so ward ich gewahr, dass ihm die linke Hand fehle. Sollte es etwa euer Freund, der treuherzige Walter gewesen sein?

O Walter! Walter! rief Münster, gewiss er war es, denn jetzt besinne ich mich auch auf seine stimme.

Mir war dies tröstlich, fuhr Ida fort, so war ich doch nicht ganz unter Unbekannten, und ihr hattet mir immer so viel gutes von diesem Walter, diesem alten Helden erzählt, dass ich mich an seinem Arm sicher dünkte. Wir hatten uns etwa eine Strasse lang entfernt, als er mir eine dicke Hülle über das Gesicht warf, welche mir es unmöglich machte den Weg, den wir nahmen, zu unterscheiden; er dauerte lang, ging über Stock und Stein, Berg auf, Berg ab, durch Gegenden wo mich frische Feldluft anhauchte, und durch weite schallende Gewölbe. Wir stiegen endlich dreissig Stufen hinab, die ich, ich weis nicht warum sorgfältig zählte, meine Hülle ward mir abgenommen, und ich sah mich in einem düstern dämmernden Orte, wo ich anfangs nichts unterscheiden konnte. Mein Führer erlaubte mir, mich, weil ich sehr ermüdet war, auf einen Stein zu setzen. Mein Gesicht gewöhnte sich nach und nach an die Helligkeit des Orts, ich sah, dass ich an dem Eingang zu einem weiten platz sass, von dem ich nicht weiss, ob ich ihn Gebäude oder freie Gegend nennen soll, denn rund um her, so weit meine Augen reichten, erblickte ich hohe Mauern, und über mir den gestirnten Himmel. In der Ferne webten bei dem Schimmer einiger Kerzen, welche den weiten Ort, so zahlreich sie auch waren, nur schwach erleuchteten, dunkle menschliche Gestalten, deren einige sich nahten, und sich zu meinem Führer gesellten; sie waren alle vermummt wie er, auch fand unter ihnen keine andere Unterredung als mit Zeichen und halben Worten statt, die Stille rund um her war bei der Versammlung, die mich immer grösser dünkte, und sich meinen Augen bis in die Hunderte vermehrte, unbegreiflich; von meiner Seite ward sie durch nichts als Weinen und Schluchzen unterbrochen.

Auf einmal hörte ich den dumpfen Schall einer Glocke, sie ward dreimal angeschlagen, und mir bebte das Herz bei dem fürchterlichen laut. Der Schauplatz ward heller, ich erblickte rund umher auf schwarzbekleideten Stühlen eine zahllose Menge schwarzvermummter Gestalten, von welchen mir mein Führer sagte, dass sie meine Richter wären. Ihr werdet diesen Augenblick gefordert werden, sagte er heimlich, bereitet euch, wenn ihr unschuldig seid, mit gutem Mut hervor zu treten. – Legt den Schleier ab, flüsterte er nach einer Weile, ihr müsst mit offenem Gesicht erscheinen.

Er hatte noch nicht ganz ausgeredet, als eine stimme mit grässlichem Ton zu rufen begann:

Ida Münsterinn! Ida! Ida! Zauberinn! Mörderinn! Hochverräterinn! erscheine! wir die heimlichen Rächer des unsichtbaren Gottes, laden dich vor Gottes Gericht! Erscheine! erscheine!

Man kann sich nichts entsetzlichers denken, als die Wiederholung der Worte, die mir hier nicht zum ersten mahle vorkamen. Mein Herz empörte sich, dass Bewustsein meiner Unschuld hob mich hoch empor. Ich stand aufgerichtet und schaute kühn in die Versammlung, ohne einen Fuss zu regen. Ich kann auf keine solche Ladung erscheinen, rief ich mit einer stimme, welche die Heftigkeit des Affekts stärkte. Mein Name ist Ida, aber ich bin keine Verbrecherinn!

Tritt hervor, rief der, welchen ich vor dem Oberrichter halten musste, vom Tron herab, und höre, was die Kläger klagen und die Zeugen wider dich zeugen.

Ich trat hervor und sank auf meine Knie. Ich schwöre bei dem der ewig lebt, rief ich mit starker stimme, dass ich keine Zauberinn, keine Mörderinn, keine Hochverräterinn bin, dass es falsch sei, was diese Kläger klagen, und die Zeugen zeugen!

Das Gericht hub an, aber, o mein Vater, wie soll ich euch erzählen, was mir aufgebürdet wurde! ist es möglich, dass man die geringsten Kleinigkeiten zu Verbrechen, oder wenigstens zu Kennzeichen des Verbrechens machen kann?

Die Locke meiner geliebten kaiserin war das erste, wessen gedacht ward, ach ich musste sie hingeben, die goldne Schnur ist leer! – Dass man dieses geliebte Andenken in meinem Busen fand, war einer der Hauptbeweise wider mich. Es klebte Blut an meinem Schleier, ihr wisst, dass ich gestern Abend in der Dunkelheit mir die Wange verletzte, dieses musste der mit dem Blut der kaiserin gefärbte Schleier sein, den ich an ihrem Vermählungsfeste brauchte die kleine Wunde, die sie sich von ohngefehr gab, zu trocknen. Man fragte mich, aus was für Absicht ich diese Dinge an mir trüge? Ob ich nicht einst zu einer Freundinn gesagt habe, so lange Sophiens Locke auf meinem Herzen ruhte, müsse mir die kaiserin hold sein? Ob ich nicht das Herz dieser Dame dermassen bezaubert hätte, dass sie keinen Tag ohne mich und mein Harfenspiel sein könne; dass sie noch jetzt in ihrer Krankheit bekannt habe, sie könne ohne mich weder leben noch sterben?

Hat sie dieses gesagt? rief ich im Ton des Entzükkens,