so viel er vermochte. Die Zeit verstrich, die Mitternachtsstunde schlug, beide hörten es ohne einander zu mahnen. Das Gespräch ward kalt, man schwieg endlich gar. – Wie mein Herz schlägt, sprach Ida, und legte die Hand auf die Brust. – Was mag die Uhr sein? – Wenn der Mond gerad über dem Turme steht, ist es eine halbe Stunde nach Mitternacht, antwortete Münster, welcher ans Fenster getreten war.
Ida ging unruhig auf und ab. Wie steht der Mond? fragte sie nach einer Weile. – Er steht – ich wollte, du nähmst deinen Schleier, und wir gingen, erwiderte er. – O Gott! Gott! rief sie und sank auf die Knie. Jetzt schon? Jetzt? –
Sie betete im stillen, und Münster begleitete ihre Seufzer mit den seinigen. Sie stand auf! wir wollen gehen, sprach sie, indem sie sich verhüllte.
Schweigend wallten sie durch manche lange Strasse. Idas Knie zitterten vor Frost, indess ihre Wangen mit dem höchsten Purpur glühten.
Dort jener Platz! stammelte sie, nicht wahr, dort, mein Vater? – Jetzt standen sie an der grossen Tür der Bartolomäuskirche. Vier tiefe Strassen zogen sich von da nach den äussersten Enden der Stadt hinab, der Platz um sie her war hell vom Mondlicht, auf der Ferne ruhte tiefes Dunkel. Da kam aus der Dämmerung gegen sie ein Mann herauf, den die täuschende Nacht und Idas Angst zum Riesen vergrösserte. Ein schwarzes Gewand verhüllte ihn um und um, nur die Augen waren sichtbar. Er nahte sich langsam. Wer seid ihr? murmelte er mit unkenntlicher stimme. Ida Münsterinn und ihr Vater, war die Antwort.
Die erste suche ich, der andere kann sich entfernen.
Ich entferne mich nicht, ich begleite sie auf jedem ihrer Schritte.
Begleitest du sie? – wir wollen sehen! Wie nennst du diese vier Strassen, auf welche ich deute? Jene im Mondglanze nenne ich5 Feuer, die dort in der Dämmerung, Eisen, und die beiden übrigen, wie heissen sie?
Münster erstaunte vor dem Unsinn, den er hörte. –
Nun so geh, rief der Vermummte, du taugst nicht für uns!
Euch verlassen, Vater? euch verlassen? schluchzte Ida. – Der Unbekannte riss sie aus seinen Armen, und stiess ihn mit einiger Heftigkeit zurück. – Geh doch nur, sprach er mit einer stimme, die zu sanft für die Handlung war, welche sie begleitete, du kannst mir das Mädchen sicher anvertrauen.
Was war das für eine stimme? rief Münster, indem er sich unter das Kirchtor setzte. Mich dünkt, ich soll sie kennen. – Ida ward indessen von ihrem Führer fortgerissen, der sich noch einige mahl nach Münstern umsah, ihm winkte sich zu entfernen, und bald darauf aus seinen Augen verschwand.
Zwanzigstes Kapitel.
Ida erzählt.
Lieber Leser, gern erlauben wir dir, die unschuldig Verklagte vor Gericht zu begleiten, aber dürfen wir es wagen dich an einen Ort zu führen, den noch kein profanes Auge sah? Setze dich lieber mit dem ehrlichen Vater Münster unter das Tor der Bartolomäuskirche, siehe, der Mond ist untergegangen, die Morgenröte dämmert dort hervor, wir müssen bald etwas von Ida hören.
Münster war so gewiss von der Unschuld seiner so genannten Tochter überzeugt, als du und ich es nimmermehr sein können – Walter hatte ihn des vorigen Tages versichert, dass er Ida nimmermehr wiedersehen würde, wenn sie schuldig befunden würde, weil die Rächer Gottes Urteil und Vollziehung unmittelbar zu verbinden pflegten, aber, setzte er hinzu, glaube auch im Gegenteile, dass, wenn nur etwas ist, das ihre Unschuld zu erweisen scheint, sie dir von dem, dem du sie des Nachts überliefertest, am Morgen sicher wieder zugeführt werden wird.
Münsters Zutrauen in Idas Unschuld, in Walters Worte, und in die Gerechtigkeit der heimlichen Richter war gleich gross, er wartete ruhig bis zur Morgenstunde, und durfte nicht lange warten, denn ehe noch die Bewohner der umliegenden Häuser erwachten, lag Ida schon wieder in seinen Armen.
Du bist mein? bist wieder mein? rief er, bist unschuldig?
Das bin ich, bei Gott meinem Richter sei es geschworen, obgleich noch niemand mich dafür erkennen will. – Ach eure Ida ist euch nur auf kurze Zeit wieder geschenkt. Das Rachschwerd hängt noch an einem dünnen Faden über meinem haupt. Ich soll mich entschuldigen! Gott wie kann ich es, da aller Anschein wider mich ist!
Ida vermochte vor Tränen nicht weiter zu reden, man trat den Weg nach haus stillschweigend an. – Das Mädchen setzte sich atemlos nieder, stützte sich auf den Arm und trocknete die Tränen unter dem Schleier.
Erzähle mir, mein Kind, ich bitte dich, sage mir alles, rief der Alte mit bittendem blick.
Dass muss ich auch, erwiderte sie, denn ich werde nicht lange bei euch sein, man hat mir aus besonderer Gnade vergönnt, bis zu Austrag meiner Sache, meinen Aufentalt bei den Ursulinerinnen zu nehmen, und ich vermute, man wird mich bald abholen. – Trauret nicht mein teurer Vater, es ist euch erlaubt, mich dort zu besuchen, ich habe darum gebeten.
Münster drückte ihre Hand, und bat sie, ihre Erzählung anzufangen.
Wie soll ich euch beschreiben, sprach sie, wie mir zu Mute war, als mich mein Führer von euch riss? Ich glaubte zu sterben.