1788_Naubert_078_38.txt

in eine dunkle Nische, und erwartete den ehrwürdigen Pater Johann, von welchem die geschichte nicht sagt, ob er der berühmte Beichtiger Sophiens, der heilige Johannes Nepomucenus, der noch jetzt in allen Landen wegen seiner schweigenden Zunge, hoch belobt ist, gewesen sein mag. So viel ist gewiss, dass Sankt Nepomuk sich schwerlich in jener grossen Prüfung stiller verhalten konnte, als dieser bei der Herzenserleichterung dieser bedrängten Sünderinn, oder vielmehr, dieser unschuldigen Heiligen.

Ida hatte ihr ganzes Herz vor ihm ausgeschüttet, hatte vor ihm geweint, geseufzt, um Rat gefleht, und noch schwieg er. – Die Trostlose flehte nur um ein Wort aus seinem heiligen mund. – Geht hin, sagte er nach einer langen Pause, reiniget euch von eurer Missetat, und dann will ich euch von euren Sünden lossprechen.

Aber was soll ich tun? Ich bin vor Gericht gefordert, ich weis nicht von wem! Ich soll mich stellen, ich weis nicht wo? was soll ich tun?

erscheinen!

Und wer werden meine Richter sein?

Die furchtbaren Unbekannten, die im Verborgenen richten!

Und wo ist ihr Gerichtsstuhl?

Ueberall und nirgends!

Ida badete sich in Tränen, sie vermochte an den Mann mit dem eisernen Herzen keine Frage mehr zu tun. – Er stand auf, sich zu entfernen. – Erbarmet euch! erbarmet euch! rief das Mädchen, indem sie sein Gewand fest hielt. Es ist Nacht, verschaffet mir Zuflucht in diesem Kloster, oder gebt mir einen Begleiter zu, der mich sicher nach haus bringe.

Die heiligen Frauen werden euch nicht aufnehmen, und niemand wird euch begleiten wollen.

Die Unglückliche verhüllte ihr Gesicht in ihren Schleier, und fing von neuem an zu weinen; als sie sich wieder umsah, war sie allein. Die grosse Ampel war in der Höhe des Kirchengewölbes aufgehangen und verbreitete ein sparsames Licht. Sie stand auf, wankte durch die düstern Hallen, wallte durch die dunkeln Gassen der Stadt, und kam endlich an ihrer wohnung an. Sie weinte nicht mehr, eine Art von Härte, von dumpfer Fühllosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt. Sie rief ihren Mädchen, die Kerzen anzuzünden, niemand antwortete. Sie ging hinaus in die Vorsäle, in die Kammern ihrer Dienerinnen, alles war leer. – So bin ich denn ganz ganz verlassen? schrie sie und kehrte mit gerungenen Händen auf ihr Zimmer zurück. – Gott, womit habe ich das verdient! ist denn Beschuldigung soviel als erwiesenes Verbrechen? – Sollte ich vielleicht wirklich schuldig sein? – Man sagt ja, es sei möglich ohne sein Wissen zu sündigen. – Ja ja! es ist so, ich bin eine Verbrecherinn, denn jedermann hält mich dafür, und der heilige Vater Johann hat mir die Absolution versagt.

Ida war in jenem schrecklichen Zustande, der nur einen Schritt von Verwirrung und Verzweiflung entfernt ist; da erhob sich ein Geräusch in ihrem Vorgemach, die Tür ging auf. Ida! rief eine bekannte stimme.

Wer ist es? wer ruft? antwortete sie in holem Tone.

Ida! meine arme unglückliche Ida! rief die stimme von neuem mit dem zärtlichsten Accente.

Ida richtete sich von der Erde auf. Die Gestalt, die sie jetzt bei einer dunkeln Leuchte, welche sie trug, erkennen konnte, kam näher.

Wer bist du? fragte Ida, bist du einer von den furchtbaren Unbekannten, die im Verborgenen richten?

Kennst du mich, kennst du deinen Vater nicht mehr? rief der Ankommende, der jetzt die Leuchte heller machte, den Mantel von sich warf, und die Unglückliche in seine arme schloss.

Vater! Retter! Engel von Gott gesandt! stammelte sie und sank leblos an seinen Busen.

Achtzehntes Kapitel.

Münster tröstet, so gut er vermag.

Kennt die Menschheit wohl eine herrlicher grössere Empfindung als jene, die die Seele bei Erscheinung eines Freundes im tiefsten Abgrunde des Elends durchschaut? – Idas Herz war zu eng dieses Gefühl zu fassen, es wollte brechen! Man denke, was sie diesen Tag über erfahren hatte, man denke sich die Ueberraschung, sich in dem Augenblick, da sie sich von allen verlassen glaubte, in den Armen eines Vaters zu sehen.

Ist es möglich? rief sie, als sie vermögend war zusammenhängend zu sprechen, ist es möglich? – nein! mich täuscht ein Traum! – mein Vater hier? in solch einem Augenblicke?

Und konnte denn Ida denken, fragte Münster, dass der, den sie Vater nennt, sie einen Augenblick in verdächtigen Händen allein lassen könne? Ich habe die Reise mit dir zugleich angetreten, bin dir überall gefolgt, habe alle deine Schritte bemerkt, wollte mich nicht melden, um einmal zu sehen, wie du handeln würdest, wenn du dir ganz allein überlassen wärest. – Ich war fest entschlossen, dich eben so unbemerkt wieder nach Prag zu begleiten, und es würde geschehen sein, wenn dich nicht dieser unvermutete Schlag getroffen hätte.

O Gott, rief Ida, ein Schlag, den ich nicht überleben werde!

Nicht überleben? – Eine schöne Verteidigung deiner Unschuld! – Nein, Ida, du wirst leben, du musst leben, um deine Ankläger zu beschämen, die dich gern als eine Verbrecherinn sterben sähen!

Wer sind meine Ankläger?

Weis ich es. Ich habe diesen ganzen Tag, so bald die schreckliche Zeitung ausbrach, du seist vor das heimliche Gericht geladen, hier und da unter dem Volk gelauscht, um etwas zu erfahren, und