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leichten Mitteln zu vernichten sein, als es entstanden war; jetzt, da diese hoffnung getäuscht ward, zählte sie auf noch ein wirksames Mittel ihre Absichten zu erreichen, auf die Erscheinung einer neuen person. Das Neue pflegt ja immer das Alte zu verdrängen, und Ida genoss schon über einen monat die Gnade der kaiserin.

Die Tochter der fürstin von Ratibor, die junge Imago wurde bei hof erwartet, sie war im Kloster erzogen worden, man sagte Wunderdinge von ihren Vollkommenheiten, und ihre leichtgläubige Mutter ermangelte nicht, gewaltig in die Posaune zu stossen, und alles auszubreiten, was die Klosterfrauen von dem jungen fräulein überschrieben. – Sie triumphirte in den Gedanken die verhasste Münsterinn bald durch ihren Liebling verdunkelt zu sehen. Fast war ihr der Sieg über ein so gemeines Mädchen zu klein, und sie sann auf Mittel, sich noch mehr Genugtuung für den Verdruss, den sie bisher erlitten hatte, zu verschaffen.

Imago erschien, und da der Eindruck, den sie auf ihre Mutter machte, nicht sonderlich war, so lässt sich erraten, dass sie bei hof noch weniger aufsehen verursachte. Sie ward vorgestellt, ganz gnädig aufgenommen, erhielt das blaue Band, welches Ida nur durch ihre Verdienste erwerben konnte, wegen ihres Standes auf den ersten Anblick, und ob gleich ihr Auge sich nach mehreren auszeichnenden Gnadenbeweisen umzusehen schien, so war doch dieses für diesmahl alles was ihr zu teil ward. Sie konnte ruhig in die Reihe ihrer nunmehrigen Gespielinnen treten, ohne dass den ganzen Abend wieder nach ihr gefragt wurde. Doch ging des andern Tages bei hof die Rede, die junge prinzessin von Ratibor sei recht schön, gewiss recht schön, und auch artig, und überdies, wie es schien, von recht gutem Gemüt; Dinge, die man so oft sagte, und sich sie mit so vielem Eifer versicherte, als ob man vermutete, es könnten Zweifel dawider gemacht werden.

Die fürstin von Ratibor sah ihre Plane abermals verunglücken, sie hatte eben nicht willens ihre Imago lange im Dienste der kaiserin zu lassen, in welchem sie das Unglück hatte, einer Bürgerinn an die Seite gestellt zu werden; man dachte auf ihre Vermälung. Man erwartete einen jungen italiänischen Prinzen bei hof, die prinzessin von Ratibor war nicht hässlich, ihre Eltern waren im stand sie ganz artig auszustatten, und es liess sich hoffen, dass man wohl hier durch hülfe geschickter Mittelspersonen eine Heirat stiften könnte. Um bis dahin die Zeit nicht müssig zuzubringen, beschäftigte man sich von Seiten der fürstin von Ratibor, den Vorrat von Imagos Talenten zu untersuchen, und zu sehen, ob sie etwa von besserm Gehalt wären, als ihre Schönheit. Die junge Dame mochte in der Tat im stand gewesen sein, in einem Kloster, mit dem was sie konnte, etwas ausserordentliches vorzustellen, aber in der Welttaugten alle ihre erworbenen Geschicklichkeiten weniger als nichts, es fand sich so vieles, das ganz hinweggeworfen, so vieles, das erst ein wenig aufgestutzt werden musste, um einiges aufsehen zu machen, und ach, noch so unendlich mehr, welches ganz fehlte und nun erst nachgeholt werden musste. Das arme kleine geschöpf ward genötigt sich der Quaal des mühsamen Lernens, welche sie überstanden zu haben glaubte, von neuem zu unterwerfen, um nur eine erträgliche Figur zu machen. Die wenige Munterkeit, welche sie noch etwa besass, und die vielleicht, wohl angewendet, hätte liebenswürdig machen können, ging über dieser Anstrengung verloren; sie ward in ihrem haus mürrisch und ungestüm, bei hof eine Träumerinn, und bald kam die gewöhnliche Frucht vergeblicher schmerzhafter Bemühungen nach unerreichbaren Vollkommenheiten, der Neid zum Vorschein, und machte sie, die sonst wohl in ihrer Sphäre hätte gefallen können, zur unerträglichsten aller Kreaturen.

Die fürstin von Ratibor bemerkte diese Dinge mit Betrübnis, sie zitterte, wenn man ihre Tochter ansah, zitterte, wenn sie angeredet ward, und suchte alle gelegenheit zu vermeiden, Imagos ehedem gerühmte Vollkommenheiten wieder ins Andenken zu bringen. Gleich in den ersten Tagen ihrer Erscheinung bei hof hatte es die gelegenheit gegeben, vom Harfenspiel zu reden. Sophie hatte sich erinnert, dass einst die Geschicklichkeit der prinzessin auf diesem Instrumente dem Zauberspiel ihrer Ida an die Seite gesetzt wurde, sie forderte Proben; die jungen Künstlerinnen mussten certiren, und die Sache fiel so sehr zu Imagos Beschämung aus, dass ihre Mutter wünschte geschwiegen zu haben und sich und ihre Tochter nur hinter dem Ausspruch retten konnte, es käm Prinzessinnen nicht zu, solche Kleinigkeiten mit der Application zu treiben, wie Personen, welche vielleicht Profession davon machen wollten.

Ida war betreten, teils über den Wink, der sie zur Tonkünstlerinn von Profession machen wollte, welches in den damaligen zeiten kein kleiner Schimpf war, teils weil sie wider Willen etwas beigetragen hatte, eine junge person zu demütigen, welche sie nie beleidigt hatte; man hätte sie in diesem Augenblicke nach ihrer niedergeschlagenen Miene für die Ueberwundene halten sollen, und sie war nicht im stand, den Beifall, der ihr zu teil ward, mit frohen Herzen zu geniessen. – Sie war nach der Hand zurückhaltender mit ihren Geschicklichkeiten, und da es der Prinzessin von Ratibor nie wieder einfiel sich neben sie zu stellen, so lebte man auf einen ganz artigen Fuss mit einander.

Es war zu verwundern; man hätte denken sollen, die vielen fehlgeschlagenen Versuche der fürstin von Ratibor die junge Münsterinn zu verdunkeln, mussten nach dem Charakter, der ihr eigen war, den bittersten Hass gegen Ida nach sich gezogen haben