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gewohnten guten Art.

Was für ein kaltes phlegmatisches geschöpf ist dieses Mädchen! rief die Ratibor, als sie mit ihrer fürstin allein war. Welche andere würde nicht durch so viele Gnadenbezeugungen bis in das Innerste der Seele gerührt worden sein, und diese

Ich sah Tränen in ihren Augen; sagte Sophie.

O dann, wenn sie weinen kann! erwiderte die Oberhofmeisterinn.

Ich bitte euch, Ratibor, sprach die kaiserin mit ungewöhnlich finsterm Blicke, verbittert mir nicht alles was mir Freude macht!

Eine Aeusserung von dieser Art wär schon hinlänglich gewesen den Hass bei Idas Feindinn auf das höchste zu treiben, aber es stand ihr auf den andern Tag noch ein kleiner Nachtisch für ihren Neid bevor.

Ida ward in Sophiens Schlafzimmer gerufen. Liebe Münsterinn, sagte die gnädige Dame, ihr habt mir in der Tat gestern eine angenehme Stunde gemacht. Ich vergass alles über euren hinreissenden Spiel; auch das, dass ich einen Preis aufgesetzt hatte, der ohne Zweifel euch zukommt, und den ich euch noch schuldig bin. Er sei dieses Band, das euch zu meiner nähern Bedienung berechtigt, denn mit Kleinoden, setzte sie lächelnd hinzu, darf man doch bei euch nicht kommen, ihr habt mir schon einmal etwas dergleichen abgeschlagen.

Ida empfieng kniend das kaiserliche Geschenk, und die fürstin von Ratibor bekam Befehl, es ihr anzulegen; es war ein Band von himmelblauen Sammt, welches von der rechten Schulter auf die linke Hüfte in einer grossen Schleife gebunden ward, und das nur die ersten Staatsfräuleins der kaiserin tragen durften.

Ida war erstaunt, bestürzt von diesem Uebermaas von Gnade, und doch getrauen wir uns zu sagen, dass sie den ganzen Umfang derselben bei weitem nicht so stark fühlte, als die fürstin von Ratibor. Das Mädchen war in jenem glücklichen Alter, in welchem uns der Unterschied zwischen Gnadenbändern und Sternen, und zwischen einem leicht geknüpften Band im lockigten Haar, oder einer frischgepflückten Morgenrose, noch nicht so gar gross dünkt, wo wir nichts weiter sehen, als dass beide zur Zierde dienen. – Doch bekam Sophiens Geschenk durch die Hand der geliebten angebeteten Geberinn einen hohen Wert in Idas Augen, und sie dankte mit unverstellter Rührung. Die fürstin von Ratibor machte ohngefehr so eine Miene, wie weiland der persische Hofmann, als er dem ebräischen Weisen die Kennzeichen der königlichen Gnade anlegen musste, doch verlor sich am Ende ihr hämischer blick in jenes bitter süsse Lächeln, welches freilich eine so unschuldige Seele wie Idas nicht zu entziffern wusste. – Ida verbeugte sich, nachdem sie ihre Danksagung bei der kaiserin abgelegt hatte, mit der ihr eigenen Holdseeligkeit gegen die fürstin von Ratibor, und ward von ihr mit einer gnädigen Umarmung beehrt. –

Sie ist doch mit alledem ein reizendes geschöpf, diese Münsterinn, sprach die fürstin zu Sophien, indem sich Ida entfernte, schade, dass sie nur ein Bürgermädchen ist!

Die Blicke aller Fräuleins waren neidisch auf Idas blaues Band gerichtet; ein Ehrenzeichen, welches nur drei oder viere von ihnen zu tragen gewürdigt waren, aber das junge Mädchen bemerkte nichts davon, begegnete ihnen mit ihrer gewöhnlichen Ehrerbietung, ohne über den empfangenen Vorzug einen Stolz zu äussern, und harrte unruhig dem Abend entgegen, an welchem es ihr erlaubt war, ihre Eltern zu besuchen. Sie wollte sich ihnen in ihrem Schmucke zeigen, sie wusste, dass sie, dass wenigstens die Mutter, durch die Ehre, die ihr wiederfuhr, erfreut werden würde.

Sie hatte recht, nur die Mutter war es, welche sich freute. Münster sah trüb und gedankenvoll aus, und wiederholte seine Ermahnungen an das junge Mädchen, behutsam und immer ihren grundsätzen treu zu sein.

Von dem Tage an, da Ida das erste Gnadenzeichen von ihrer fürstin erhielt, schien sich ihr Ansehen fast stündlich zu vermehren, sie hatte öfter die Aufwartung bei Sophien als ihre Gespielinnen, weil sich diese von niemand lieber bedienen liess, als von ihr. Kein Abend verging, da sie nicht mit ihrer Harfe im Kabinet der kaiserin erscheinen musste, und alle ihre kleinen Talente wurden hervorgesucht, um ihre Gebieterinn zu unterhalten. Ob Ida darum glücklicher war, lässt sich schwer bestimmen; sie beredete sich, sie sei es, weil man sie zum Glück einer dritten person für nötig hielt, aber im grund vermisste sie wohl bei dem unaufhörlichen Zwange, in welchem sie lebte, die ruhigen Stunden, die sie anfangs auf ihrem einsamen Zimmer zubrachte, und so manchen heitern Abend, da sie ihre Eltern sehen, und sich in ihre ehemahlige Lage zurückträumen konnte; Augenblicke, welche jetzt immer seltner wurden.

Auch fehlte es ihr jetzt, da sie fast beständig um die Monarchinn war, nicht an mancherlei andern kleinen Leiden, Sophie war nicht allemahl heiter, sprach nicht allemal liebe Münsterinn, wenn sie mit ihr redete. Spuren von neckender Verläumdung zeigten sich immer, ob sie gleich wenig zu sagen hatten. Bald war Ida an Orten gesehen worden, wo Sophiens Fräuleins nicht hingehen durften, bald hatte sie in der Kirche gelacht, bald unehrerbietig von der oder jener alten Ehrendame gesprochen, oder beim Tanze zu frei mit einem Ritter gescherzt; Anklagen, welche die Unschuld des Mädchens allemal so schnell vernichten konnte, dass sie ihr selten mehr als einige trübe Minuten machten, denn Sophiens Gnade kehrte allemahl nach solchen überstandenen Stürmen mit verdoppeltem Glanze zurück, und die Oberhofmeisterinn lächelte lieblicher als jemahls.

Die fürstin von Ratibor hatte gehoft, Ida würde das gewöhnliche Hofglück erfahren, ihr Ansehen würde so schnell und mit so