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gegen ihn einen kleinen Unwillen in seinem Herzen hegte; Ida weinte über ihren Herrmann und durfte ihre Tränen niemand als ihrer so genannten Mutter sehen lassen, diese wartete täglich, nach hof berufen und um ihr Begehren befragt zu werden, undwartete vergebens. Er muss mich vergessen haben, rief sie in der Fülle ihres Unmuts aus, muss abgereist sein ohne meinen Auftrag auszurichten. – Gleichwohl hat man ihn den Tag nach dem Abschiede von uns noch hier geseben. Er ist in Kunradsburg gewesen, wo der Kaiser sich jetzt aufhält. – Nun nun! wenn Wenzel zurückkehrt! Geduld, Zweiflerinn! es wird noch alles gut werden.

Aber Wenzel kehrte zurück, und die ehrliche Bürgerinn ward nicht nach hof gefordert! – Tage, Wochen, und Monate vergingen, und sie entschloss sich endlich zu dem Mittel ihre Zuflucht zu nehmen, durch welches man ungezweifelt nicht allein Zutritt bei Wenzeln erhalten, sondern auch überzeugt sein konnte, ihm angenehm zu sein und alles von ihm zu erlangen was man wünschte.

Die Münsterinn legte eines Morgens in Abwesenheit ihres Mannes ihre festlichsten Kleider an, langte aus dem heimlichen Schatze, den auch sie gleich ihrem mann in ihrer jetzigen kleinen wohnung vergraben hatte, zweihundert goldne Schilde die Hälfte des ganzen, besonn sich ein wenig, ob sie wohl mit so einer Wenigkeit vor dem geizigen Kaiser erscheinen dürfe, ob sie nicht das Ganze aufopfern müsse um glücklich zu sein, vermehrte endlich die Summe noch mit funfzig ihrer ersparten Goldstücke und machte sich auf den Weg.

Die Art, mit welcher sie ihre Gabe bei Wenzeln anbrachte, und das was sie bei ihm suchte, steht in unserer geschichte nicht umständlich verzeichnet, doch ergiebt sich das letzte aus den Folgen, und was das erste anbelangt, so ist bekannt, dass man wenig Nachsinnen brauchte um Wenzeln mit Schonung seiner Delicatesse eine Bezahlung einer geforderten Gnade beizubringen.

Ida sah ihre Mutter ausgehen und wiederkommen. Ihre festliche Kleidung, ihre gedankenvolle zweifelnde Miene bei dem ersten, und ihr triumphirender blick bei dem andern, fiel ihr auf, aber sie fragte nicht: andere Gedanken, Gedanken an ihren Herrmann beschäftigten sie zu sehr um ihr Neugier für etwas anderes überzulassen.

Wirst du nie aufhören zu weinen, fragte die Mutter, als sie des Nachmittags bei der Arbeit sassen. Mädchen, Mädchen! die Einsamkeit nährt deinen Kummer, ich muss dich herausreissen, oder mir es gefallen lassen dich auf ewig zu verlieren.

Lasst mir meine liebe Einsamkeit, rief Ida, indem sie mit der einen Hand ihre Tränen trocknete, mit der andern die Hand ihrer Mutter an ihre Brust drückte. Welche Gesellschaft sollte ich dieser ruhigen Stille, der Freundin meines Grams, vorziehen?

Je nun, sprach die Mutter, freilich nicht die Gesellschaft unserer Jungfern, die sich so gern deine Gespielinnen nennen, aber wenn ich dich in eine Sphäre bringen könnte, wo alles was schön und gross ist dich umglänzte, und wo du doch überall als die schönste hervorstrahltest, nicht wahr, Ida, da würde dir wohl sein, da würdest du nicht mehr so viel an deinen Herrmann denken, oder tätest du es, so würde es nur mit froher Hoffnung, nie mit Tränen geschehen?

Ich sehne mich nicht nach Unmöglichkeiten, Mutter; ich begehre nur in eurem haus zu glänzen, wenn ihr es so nennen wollt.

Und wenn deine Bestimmung der Hof wär?

Ich danke Gott, dass er es nicht ist.

Wenn die kaiserin dich unter ihre Frauenzimmer aufnähme?

O die unvergleichliche Dame! rief Ida, indem sie Sophiens seidne Locke küsste, die sie noch immer an einer goldnen Schnur am Halse trug. Ja ihr zu dienen, sie täglich zu sehen, von ihr geliebt zu werden, das wär etwas

Das du dir wünschtest? – Nun so freue dich: deine Wünsche sind erfüllt. Du wirst die Dunkelheit, die sich schlechter für dich schickt als du meinst, vielleicht morgen verlassen, man wird dich nach hof fordern, du wirst eine Gespielinn der edelsten Jungfrauen dieses Landes sein, und du hast nun nichts weiter zu tun, als dich ihnen gleich zu achten, es gänzlich zu vergessen, dass du bisher unsre Tochter genannt wurdest.

Mutter, schrie das Mädchen, indem sie von ihrem Sitz aufsprang, euch vergessen? meine Herkunft vergessen? mich in eine Sphäre mischen, in welche ich nicht gehöre? – Ihr versucht mich? nein, so eitel, so pflichtvergessen ist Ida nicht. Ihr müsst mir nicht jede kleine Aeusserung meiner Gedanken so übel auslegen. Ich liebe die kaiserin weit weniger als euch, möchte ihre Gesellschaft nicht für die Eurige vertauschen. Zärtlich schmiegte sich das liebliche Mädchen bei diesen Worten an den Hals ihrer so genannten Mutter, welche in Tränen ausbrach, sie fester an sich drückte, und schluchzend beteuerte, sie verdiene die Liebe ihrer Ida nicht; ein Ausdruck, welcher dem jungen Mädchen sehr anstössig war, weil sie ihn nicht so gut verstand als der Leser.

Dreizehntes Kapitel.

Wer spricht am klügsten, der Mann oder die Frau?

Der alte Münster kam des andern Tages gegen Mittag ganz atemlos nach haus! bleich und entstellt warf er sich auf seinen Stuhl, und schien lange Zeit nichts von dem fragen seiner Frau, was ihm fehle, zu verstehen.

O Marie! rief er endlich, solch eine Zeitung! du wirst erstaunen, und bist du klug, dich so beunruhigen wie ich, wenn du sie hörest! – Ich komme von hof. Ich ward