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Eilftes Kapitel.

Ein heisser und ein kalter Abschied.

Der Tag des Abschieds brach an. Herrmann hatte sich bereits alle der lästigen Cerimonienbesuche entledigt, welche seine Entfernung nötig machte. Nur ein Weg, der schwerste von allen, stand ihm noch bevor. Der Weg nach Münsters haus. Er sollte sich von dem treuherzigen Alten trennen, sollte Idader Vater hatte es ihm versprochennoch einmal sehen, und den ersten und letzten Kuss auf ihre Wangen drücken, was für Gedanken für den liebenden Jüngling.

In halben Taumel langte er am Orte seiner Bestimmung an. Münster empfieng ihn an der Tür, und führte ihn, unter inständigem Bitten sich zu fassen, und der Weiber zu schonen, in das Unterzimmer. Ida war das erste, was sich ihm zeigte. Er nahte sich ihr mit Schüchternheit. Ihre Blässe, und die von Weinen getrübten Augen, wollten ihn fast bereden, dass dem holden Mädchen das Wort Trennung so schrecklich lautete, als wie ihm. – Man stand eine Weile, ohne zu sprechen, von der einen Seite mit zur Erde gesenktem blick, von der andern mit Augen, welche jeden Zug des geliebten Gegenstandes zu verschlingen schienen, um ihn sich immer vergegenwärtigen zu können.

Kinder, rief Münster endlich, ihr brecht mir das Herz. Dieses Zögern vermehrt eure Quaal! Umarmt euch, und denn das Lebewohl!

Herrmann nahte sich, Idas Wangen zu küssen, sie duldete es mit aller Zurückhaltung, die den Jungfrauen ihrer Zeit eingeprägt ward. Sein Arm erkühnte sich ihren Nacken zu umschlingen und unwillkührlich öffneten sich die ihrigen, sie drückte ihn an ihre Brust, und ein: O lebe wohl! lebe wohl, mein Herrmann! stürzte aus ihrem mund. Der Vater drohte mit dem Finger. Ida macht sich von dem Jünglinge los, gab ihm noch einen blick, und verliess mit glühendem Gesicht das Zimmer.

Münster sprach viel mit Herrmann, nachdem das geliebte Mädchen verschwunden war, ohne von ihm verstanden zu werden. Es war schlechterdings nichts mit ihm anzufangen. Der Alte schwieg endlich, und der junge Mensch hatte sich nach einer Weile hinlänglich erholt um zu fragen, ob er nicht auch Idas gute Mutter zum Abschiede würde zu sehen bekommen? – Münster bejahte die Frage, und nach einiger Zeit trat die Matrone herein. Mit Willen hatte sie gezögert, um vielleicht noch am Ende einen teil desjenigen, was sie auf dem Herzen hatte, ausrichten zu können. Auf ihrem gesicht war mehr Unruh und Erwartung als Betrübniss abgebildet, und sie schien die Bewegungen ihres Mannes ängstlich zu bewachen, ob sie ihm nicht vielleicht einen Augenblick abstehlen und Herrmann einige geflügelte Worte sagen könnte. – O dass ihr, flüsterte sie ihm in einer Minute zu, da sich der Alte nach dem Fenster gewendet hatte, o dass ihr nie wieder gelegenheit suchtet mich heimlich zu sprechen, ich hatte euch so viel zu sagen! –

Münster drehte sich um, eine gleichgültige Anmerkung zu machen, und das Gesprüch ward sehr schläfrig fortgesetzt. Herrmann eilte nicht Abschied zu nehmen, der Gedanke, vielleicht doch noch etwas von den Geheimnissen der Münsterin zu erfahren, hielt ihn zurück. – Münster ward, wahrscheinlich auf Veranlassung seiner Frau, hinausgerufen. O Herr Ritter, rief sie in dem nemlichen Augenblicke da er die Tür schloss, dass ihr jetzt schon reisen musstet! Nur noch einen Tag, ich bitte euch! Ich habe ein Gesuch beim Kaiser, ein Gesuch für Ida! Ihr müsst es unterstützen, ihm wenigstens erinnern, dass er mir noch die Gewährung einer Bitte schuldig ist.

Sie wollte noch mehr sagen, aber in dem nemlichen Augenblicke trat ihr Mann wieder herein, und obgleich Herrmann noch drei Stunden verweilte, so wich er doch nicht einen Schritt von der Stelle, und Herrmanns Neugierde blieb unbefriedigt.

Ihr versprachet mir, sagte der Jüngling, indem er aufstand sich zu entfernen, ihr versprachet, Vater Münster, mir einen treuen Knecht zur Begleitung mitzugeben; ich habe in dieser Erwartung meine Leute abgedankt, und wünschte sehr meinen künftigen Diener zu sehen?

Münster ging nach der Tür, um den alten Andreas zu rufen. – Ida ist nicht unsere Tochter, flüsterte die Münsterin indessen, ich bin nur ihre Amme, beleidigte Liebe und Furcht sie in den Händen einer bösen Stiefmutter zu lassen, bewegten mich. –

Der Alte kam zurück, ohne dass die Frau ausreden konnte. Bald darauf erschien der Knecht, gelobte seinem jungen Herrn treu zu sein, und erhielt von ihm das Versprechen, er wollte ihn auf diese Bedingung nie von sich lassen, und ihn teil an dem Glücke nehmen lassen, das ihm der Himmel etwa möchte beschieden haben; eine Versicherung, die der junge Ritter gewiss mit mehr Herzlichkeit würde gegeben haben, wenn er im stand gewesen wär, das treuherzige Gesicht seines neuen Dieners, und das Feuer, mit welchem er ihm sein Gelübte ablegte, zu beachten; aber hiezu war er gegenwärtig ganz ungeschickt. Er hatte keinen Sinn als für die ausserordentliche Nachricht, die er eben aus dem mund der Münsterin gehört hatte, keinen Wunsch, als mehr hiervon zu wissen, wenigstens den Namen der Eltern seiner Ida zu erfahren.

Er setzte alle seine Hoffnung auf die letzte Umarmung der Mutter; die gute Frau machte sie sehr lang, und drückte ihn fest an ihre Brust, indem sie ihm ins Ohr sagte: sie ist die Tochter des Grafen

O was macht ihr! rief Münster, indem er sie lächelnd trennte,