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, unter den Edelknaben misste. Noch vielweniger kam mir es in den Sinn, dass ich seinen Namen unvorsichtig vor dem Kaiser genannt, ihm dessen Verfolgung zugezogen, und dadurch seine Flucht veranlasst hatte. – –

Die Beispiele der kaiserlichen Rache machten, dass man noch behutsamer ward, als zuvor. Wenzel ward heimlich gehasst, und öffentlich geschmeichelt, mich fürchtete man, und verbarg jeden verdächtigen Schein vor meinen Augen, und so geschah es, dass der Herr und Diener wieder in ihre ehemalige Sicherheit gewiegt wurden.

Wenzel getraute sich noch nicht wieder nach Prag, aber er fand in den Gegenden von Kunradsburg so viel gelegenheit seinen Lieblingsneigungen nachzuhängen, dass er sich nicht von diesem Orte, der wahrlich zu schön für einen sinnlosen Schwelger war, hinweg sehnte.

Es gab unterschiedliche Klosterherren in unserm Bezirk, welche sich so gut in des Kaisers Weisen zu finden wussten, dass sie sehr fleissig von ihm auf alle Pokale eingeladen wurden, und ihn eben so oft auf ähnliche Art bewirteten. Wenzel war eben kein sonderlicher Freund der Geistlichkeit, aber ihr Wein war gut, und mehr brauchte es nicht, allen heimlichen Groll gegen sie aufzuheben, und ihn zu veranlassen, mit ihnen wie ein Bruder zu leben.

Auf einem dieser Gelage zu Kloster Braunau war es, dass ihm seine Feinde, vermutlich mit hülfe seiner freundlichen Wirte, überfielen, und ihn gefangen nach Prag führten. Ich war nicht gegenwärtig, meine zunehmenden Jahre machten, dass ich des Kaisers Ausschweifungen nicht mehr mit der kindischen Einfalt, wie vormals, ansehen konnte, sein Anblick, wenn er berauscht war, war mir abscheulich, und die Gesellschaft von einem Dutzend trunkner Mönche gab denen Auftritten, welche alsdenn erfolgten, einen so hässlichen Zusatz, dass ich, der ich dergleichen oft genug hatte ansehen müssen, froh war, dass ich mich diesmal von der Mitreise nach Braunau hatte losmachen und an dessen statt einen Ritt auf die Jagd tun können. Das Geschrei von des Kaisers Gefangenschaft kam mir bei meiner Rückkunft entgegen. Mein Eifer für meinen Herrn erwachte, Liebe und Dankbarkeit rissen mich zur Rettung desjenigen hin, welcher keins von beiden verdiente; ich lenkte mein Ross nach der Stadt, ich hofte, die Schaar, welche Wenzeln entführt hatte, noch zu ereilen, und versprach mir Wunderdinge von meiner Tapferkeit. Auf dem Wege nach Prag, so wie in der Stadt selbst, war alles stille.

Ich sank unter dem Tor atemlos vom Pferde, man erquickte mich, und fragte, was mir fehle, ich sprach laut von der Gefangenschaft meines Herrn, und fragte, wo er sei. Um Gottes willen schweiget, sagte einer von der Wache, Gott sei Dank, wir haben ihn, und ich denke, ihr werdet nicht der einzige sein, den dieses nicht freuen solle; aber es darf jetzt noch nichts davon auskommen, er hat zu viel Anhänger unter dem Pöbel.

Mehr brauchte ich nicht zu wissen; ich riss mich loss, entrann in die Strassen der Stadt, rief Wenzels Gefangenschaft und meinen Wunsch ihn zu befreien aus, und ehe man mir wehren konnte, hatte ich einen Trupp vom Pöbel hinter mir, welche mich vor dem Turm, in welchen man den Kaiser gebracht hatte, begleiteten, und schwuren, sie wollten ihren gütigen gelinden Herrn, den Schüzer der Freiheit des Volkes retten oder sterben.

Gewiss hatte Niemand mehr ursache mit Wenzeln zufrieden zu sein, als der niedrigste teil seiner Untertanen; ihre Armut schützte sie für den Erpressungen, die die Reichen erfahren mussten, er gestattete ihnen alle Freiheit, und scheute sich nicht dem Niedrigsten, wenn es die gelegenheit gab, ein volles Glas zuzutrinken; auch wusste er ihnen auf Unkosten der Reichen wohlfeil Brod zu verschaffen, ohne dass er Schaden davon hatte.

Diese Taten wurden auf unserm zug nach Wenzels gefängnis himmelan erhoben, und der Angriff mit solchem Ernst getan, dass nur etwas mehr Nachdruck und ein besserer Führer nötig gewesen wär, um völlig zu siegen; aberwir wurden bald aus einander getrieben, und der ganze Vorteil, den ich von meiner Unternehmung hatte, war, dass ich nun die Gefangenschaft mit meinem Herrn teilen konnte.

Auch dieses war mir Trost. Ich hofte nichts gewissers als zu ihm gebracht zu werden, und aus seinem mund das Lob meiner Treue zu hören; aber meine Erwartung ward getäuscht, man warf mich in ein hässliches gefängnis, welches ich nicht ehe verliess, als bis der Kaiser das seinige ohne meine hülfe verlassen hatte. Ein Umstand, der mich in dem Innersten meiner Seele kränkte. Der Einfall sich unter dem Vorwand des Badens in dem Fluss hinaus zu stehlen, sich durch Schwimmen, oder vermittelst eines Kahns zu retten, war ja so leicht, so natürlich, warum hatte ich ihn doch nicht gehabt! Ich misgönnte Susannen die Rolle, die sie bei dieser merkwürdigen Entkommung gespielt hatte, und ärgerte mich, dass jemand meinem Herrn bessre Dienste leisten sollte als ich. – Auch ich ward nunmehr frei, man fing entweder von neuem an sich vor Wenzeln zu fürchten, und getraute sich nicht seine Diener weiter zu beleidigen, oder man hielt meine person für zu unwichtig, mich, nachdem er los war, noch länger zu halten.

Ich eilte nach Kunradsburg, entdeckte meinem Herrn, was ich getan hatte, und was mir wiederfahren war, aber statt des erwarteten Lobes über meine Tat, oder wenigstens Mitleids wegen meines Unglücks, bekam ich finstre Mienen und Scheltworte. Meine Ungeschicklichkeit war die einige ursache