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alles ist nun zu spät; zwar immer werde ich geneigt sein sie anzuhören, aber immer werde ich dich auch auf die Vorteile zurückweisen, die dir dein Stand verschaft, und für welche du die Augen so ganz verschliessest.

Vorteile? mein Vater, rief Sophie. Diese Krone? der Name kaiserin?

Freilich Kleinigkeiten für dich, erwiderte der Herzog, aber was sagst du zu dem Glück, das Wohl von ganzen Nationen in deinen Händen zu haben, zu der Möglichkeit, durch deine Tugend, durch diese holdselige unwiderstehliche Sanftmut, die selbst mich, deinen Vater, bezaubert, einen verderbten Fürsten zu bessern, der für jedes andere Mittel unverbesserlich war?

Eben so wohl könnte ich hoffen Blei in Gold zu verwandeln! rief die weinende Braut.

Und zu dem Bewusstsein, den Willen deines Vaters erfüllt, ihn mit Aufopferung deiner Neigungen glücklich gemacht haben? fuhr er fort.

Sophie drückte die Hand des Herzogs an ihre Lippen, und versicherte, dass dieses das einige sei, was sie in dem Elend, das sie auf sich herandringen sähe, wenn sie sich als Wenzels Gemahlin betrachtete, aufrichten könnte.

Nichts von Elend, Sophie, sprach der Herzog, sage mir nichts von Elend, wie kann die unglücklich sein, welchedoch mein Leser, du wirst schon erraten, wovon die Vorlesung handelte, die der weise Vater seiner Tochter hielt. Die Sage berichtet, dieser erwürdige Greis sei einer der beredtesten Fürsten seiner Zeit gewesen, nichts habe der Macht der Wahrheit widerstehen können, wenn sie aus seinem mund floss, und auch hier waren seine Worte nicht unkräftig.

Sophiens Herz ward durch das, was er ihr sagte, für den gegenwärtigen Augenblick beruhigt, und ihre nachmahlige Aufführung in einem langen traurigen Ehestande mit dem, der ihr jetzt so zuwider war, ihre Treue, ihre Geduld, ihre kluge liebreiche Sorgfalt für ihn in seinen mannichfachen wohlverdienten Unfällen, waren gewiss Folgen von den Lehren, die sie aus dem mund ihres Vaters anhörte, und die jetzt durch eine Begebenheit unterbrochen wurden, die wir im folgenden Kapitel hören werden.

Zweites Kapitel.

Sophie vergisst ihren Stand.

Es war tief in der Nacht, das Geräusch des Tanzes schwieg, ein teil der Anwesenden ruhte von dem ermüdenden deutschen Wirbelreihen aus, und nahmen Erfrischungen, indess den andern von Wein und Ueberdruss die Augen geschlossen wurden, unter welchen letzteren auch der hohe Bräutigam war. Ein Streit mit seinem Gegner im Bretspiel, war eben nach Gewohnheit zu seinem Vorteil von ihm selbst entschieden worden, und ein doppelter Trunk aus dem goldnen Becher hatte seinen Sieg bekrönt, und ihn auf seinen Lorbeern eingewiegt.

Sophie und ihr Vater waren zu tief in ihr Gespräch verwickelt, um sich um sein Schlafen oder Erwachen zu bekümmern, und wahrscheinlich war der Auftritt, der sich ihnen in diesem Augenblicke zeigte, das einzige was sie stören konnte.

Die Stille, welche im Saal seit einer halben Stunde herrschte, ward durch ein fernes Getön von sanftern Instrumenten, als die, welche bisher den wilden Tanz belebt hatten, unterbrochen. – Was ist das, rief Sophie, indem sie ihren Vater ansah. – Der Schall kam näher. Himmelstöne! rief sie aus und schlug in die hände, sanft wie der Chorgesang der Jungfrauen meines lieben, lieben Klosters! – O selige, selige Tage, die ich da verlebte!

Wer kennt nicht die Macht der Musik über ein ohnedem zur Wehmut gestimmtes Herz. Tränen traten in Sophiens Augen, und der Anblick, der sich ihr in der nächsten Minute darstellte, vollendete ihre Rührung. Die Flügeltüren flogen auf, eine Schaar junger Mädchen trat herein, und nahte sich mit abgemessnen Schritten dem Orte, wo Sophie sass. Sie sangen zu dem Ton von Harfen und Flöten ein Lied, welches, wenn es wörtlich auf unsere zeiten behalten worden wär, wohl schwerlich bei strengen Kunstrichtern sein Glück machen würde, denn Melodie und Text war ganz so, wie man es von den damaligen ungebildeten zeiten erwarten konnte; doch dünkte die erste der erhabenen Zuhörerin, göttlich, und das andere erschütterte ihr Herz bis in das Innerste, und brachte, vermutlich zum erstenmal an diesem Tage, Empfindungen in ihm hervor, die sie angenehm nennen konnte.

O du, so sangen die Mädchen, indem sie einen weiten Kreis um ihre fürstin zogen, o du, die heute den jungfräulichen Kranz mit der Krone vertauschte, glücklich seidir der Wechsel! du trittst aus der Reihe der Jungfrauen, um den ehrwürdigen Namen einer Mutter deines volkes anzunehmen, o sei es mit willigem frohen Herzen! lehre unsern Herrn väterliche Gesinnungen gegen uns, und ewig wollen wir dich die Urheberinn unsers Glücks nennen. Sieh hier einen ganzen Frühling von Blumen mitten in den rauhen Tagen des Winters; sie, der liebste Schmuck der Jungfrauen, und unsere Herzen sind das einige Opfer, das wir dir bringen können. –

Der Boden rund um Sophien ward bei diesen Worten mit Blumen übersät, die Mädchen knieten vor ihrer Fürsten nieder, und indess eine jede von ihnen strebte, einen teil ihres Gewands zu küssen, trat die Führerinn mit sittsamer Geberde, vor die gerührte Sophie, setzte ein Knie auf die Erde, und überreichte ihr in einer goldnen Schaale einen Blumenkranz.

Die überraschte kaiserin vermochte nicht zu sprechen, sie reichte der Knienden liebreich die Hand, und beugte sich, ganz uneingedenk ihres Standes, tiefer herab, sie zu küssen.

Süsses holdseliges geschöpf! rief sie, liebe, liebe Kinder! wie