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alle durch Münsters Klugheit zerstört wurden, gewiss ist es, dass Herrmann weder Mutter noch Tochter in dieser Zeit zu sehen bekam, auch dauerte die Anwesenheit des Jünglings an dem Orte, wo sein Mädchen lebte, noch zu kurze Zeit, als dass sich eine so schwere Sache als die Berückung eines wachsamen Vaters darin hätte ausführen lassen.

Herrmann merkte mit jedem neuen Tage vermehrte Kaltsinnigkeit in dem Auge des Herrn, dessen Liebling er ehemals war. Wenzel sagte eines Tages sehr sinnreich zu Susannen: der Pursche säh aus wie ein lebendiger Mahnbrief aus dem Münsterschen haus, und ob eine Phisiognomie, welche Dinge von dieser Art ausdrückte, seiner Majestät gefallen konnte, lässt sich denken.

Wenzel irrte indessen. Münster hatte es seinem jungen Freunde so oft versichert, dass er die Rückgabe des Darlehns weder wünschte noch erwarte, als dass dieser noch einen Gedanken hätte haben sollen, seinen Herrn an diese verdrüssliche Sache zu erinnern. Hätte der Kaiser sich besser auf die Gesichtskunde verstanden, so würde er in Herrmanns Gesicht ganz andere Dinge gefunden haben. Heimlicher Gram, Ueberdruss und Eckel in allem was ihn umgab, und sehnsucht nach einer heitern Zukunft lag in seinen Zügen, freilich also übrig genug, einem Herrn zu missfallen, welcher allein das Recht haben wollte unzufrieden zu sein!

Der junge Mensch las seinen Fall, las, denn er kannte seinen Herrn, gefängnis und Tod in Wenzels Blicken, und fing an ernstlich an seine Entfernung zu denken; ein Entschluss, welchen der alte Münster, der jeden Gedanken des jungen Menschen erfuhr, mit allen Kräften unterstützte.

Es freut mich, sagte er, dass ihr selbst auf das kommt, was ich euch gern längst geraten hätte. Was soll endlich hier aus euch werden! Ihr verträumt eure schönsten Jahre in Müssiggange und verliert Zeit und Kräfte zum Guten. Hinaus, junger Mensch, hinaus in die weite Welt, dort winken euch Glück und Ehre! Geht in den Dienst irgend eines grossen Herrn, die Welt wird nicht von lauter Wenzeln beherrscht. Noch haben wir Herzoge von Oesterreich und Braunschweig, noch lebt ein König Siegmund in Ungarn, alles Fürsten, die ihrem stand einige Ehre machen, wählt euch einen Herrn, und rechnet auf die Unterstützung dessen, den ihr mehrmals Vater nenntet. Ihr werdet euch doch nicht schämen, durch einen reichen Bürger die Mängel eures Glücks verbessern zu lassen? so stolz seid ihr doch wohl noch nicht!

Und was ich euch noch raten wollte, fuhr er fort, als er sah, dass Herrmann ihn unterbrechen wollte, denkt vor allen Dingen darauf, den Namen wirklich zu erhalten, den man euch jetzt schon nach dem Hoftone geben muss. Lasst euch das Ritterschwerd umgürten, es dünkt mich im grund lächerlich, einen Kammerjunker Ritter zu nennen, der kein anders Gewehr trägt, als den kleinen goldnen Degen, den er oft aus Irrtum auf die rechte Hüfte schnallt. – Ihr freilich, setzte er hinzu, als er sah, dass sich auf des Jünglings Stirne ein kleiner Unwille zusammen zog, ihr seid kein solcher, man kennt euren Mut und eure Waffenerfahrenheit, aber ihr müsst auch nun endlich einmal aus der Reihe verzärtelter Jünglinge heraustreten, deren Gesellschaft euch keine Ehre bringt.

Herrmann gehorchte seinem Freunde, er bat bei Kaiser Wenzeln um Helm und Schild, und dieser, dessen Unwille gegen seinen ehemahligen Liebling noch nicht hoch genug gestiegen war, um ihm Leben und Ehre zu misgönnen, war froh ihn vom hof los zu werden, und gab ihm was er bat.

Münster, Herrmanns Orakel, hatte ihm geraten, sich in irgend einen von den damahligen zahlreichen Orden, welche überall ihre Mitglieder hatten, aufnehmen zu lassen, und der junge Mensch wählte, mit Rücksicht auf seinen Zustand, den Orden der treuen oder wie man ihm schon damahls sehr nachdenklich nannte, den Orden der alten Minne.

Der treuherzige Bürger lächelte ein wenig, als er den jungen Ritter mit dem Abzeichen seines Ordens, einem unter der Rüstung hervorschwellenden rosenfarbnen Ermel auftreten sah, und meinte, er hätte gewünscht, Herrmann möchte sich zu einer Gesellschaft von ehrwürdigerm Ansehen entschliessen! eine Einwendung, die dieser, der nichts ernsteres, nichts ehrwürdigers kannte als eine Liebe, mit Stillschweigen überging.

Der neue Held hatte gehoft, wenigstens am Abend seines Ehrentages Ida zu sehen, aber er ward bald inne, das er dieses Glück nicht ehe als höchstens auf den Tag seiner Abreise von Prag erwarten dürfe, diesen so sehr als möglich zu beschleunigen, war des alten Münsters eifriges Bestreben. Es ward ihm schwer, täglich das Zureden seiner Frau und das Bitten des jungen Menschen zu erdulden, ohne ihnen das gewähren zu dürfen, was beide suchten; die jungen Leute sollten und durften sich seinem Vorsatz nach nicht mehr sehen, und es war also am besten, dass Herrmann entfernt ward.

Idas Mutter hätte so gern noch einmal den jungen Ritter gesprochen um durch ihn einen Anschlag auszuführen, der ihn schon lange im Sinne lag, und von welchem wir im vorhergehenden schon einige Winke bekommen haben, aber eben dieses wollte Münster verhüten, eben darum drang er auf Herrmanns Entfernung, und es war also keine Möglichkeit hierinn zum Zwecke zu kommen.

Es war den letzten Abend vor Herrmanns Abreise als Münster sich mit der Bitte an ihn wendete, er möchte ihm doch einige nähere Nachricht von der Art, wie er an Wenzels Hof gekommen sei, mitteilen, und der Jüngling war seinem bejahrten Freunde zu viel schuldig, um ihm sein Gesuch abzuschlagen,