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Freunde Platz.

Idas Schicksal ward indessen immer fürchterlicher, die Aebtissinn schien sie tödtlich zu hassen. Ihre Kerkermeisterinnen liessen zuweilen Worte fallen, welche sie mit Todesahndung erfüllen mussten, man sprach von Eröffnung gewisser Gemäuer in dem untersten Keller des Klostergebäudes, Ida hatte oft von der Bestimmung dieser abscheulichen Grüfte gehört, sie wusste, dass sie seit zwanzig Jahren nicht gebraucht worden waren, und sie konnte mutmassen, dass sie nunmehr die erste Unglückliche sein würde, die daselbst verschmachten sollte.

Ihr Zustand gränzte nahe an Verzweiflung, war zuweilen völlige Sinnlosigkeit. – Ach! seufzte sie in ihren hellern Augenblicken; von allen verlassen? – Herrmann? Albrecht? Marie? mein Vater? keine keine hülfe?

Der Tag des Schreckens war angebrochen, kein weiteres Verhör! sie erwartete ihr Urteil! – Die Türen des Kerkers öffneten sich! – Die Aebtissinn in eigner person stürzte herein! und Ida ward ohnmächtig bei ihrem Anblick!

Ich muss sie selbst sehen! schrie die DominaGott, so ein Zufall! – Wo ist sie! – Wie? auf der Erde ohne alle Empfindung ausgestreckt? – Wohl gar tod? –

Gott sei uns gnädig! nur das, nur das nicht! – Man fasse sie eilig und bringe sie in eins der obern Zimmer!

Heilige Mutter! rief eine von ihren Begleiterinnen! Gönnt ihr die Ruhe! – Sollte sie tod sein! – ihr wisst, die toten sprechen nicht! –

Ja, aber diese fürchterliche Gestalt! Dieser ausgezehrte Körper! – Alles, alles wird wider uns zeugen! – Lasst sehen! – Ja, sie lebt noch, es ist noch Atem in ihr! – Eilig hinauf! und alles herbei geschaft, was das Kloster an Erquickungen aufbringen kann!

Ida erholte sich nach einer Stunde; sie erstaunte, sich an einem hellen und reinlichen Orte zu sehen; sie glaubte, es sei ein Traum! Sie strebte sich von dem weichen Lager, auf welchem sie sich befand, aufzurichten: es war das eigene Bette der Aebtissinn, auf welches man sie gebracht hatte. –

Ruhig! ruhig! meine Teure! rief die Domina, welche neben ihr sass und ängstlich nach ihrem Puls fühlte, mit sanfter stimme.

Wo bin ich? rief Ida!

Unter lauter Freunden; – Eure Prüfungen sind geendigt! Nur prüfen, nicht strafen wollten wir euch! Ihr wisst, wie sehr wir euch lieben.

Ida wandte sich unwillig auf die Seite.

Sie bedarf der Ruhe, sagte die Aebtissinn zu einer anwesenden Klosterfrau, ich verlasse sie, um Anstalten zu machen. Lasset es ihr an nichts fehlen, und ruft mich, wenn sie erwacht ist.

Ida bedurfte der Ruhe, aber nicht des Schlafs, die Dinge, welche sie umgaben, waren zu ausserordentlich, um ihr denselben zu gönnen. Sie war zu schwach zu fragen; sie drückte der um sie beschäftigten Nonne die Hand, und verweilte mit mattem Blicke auf den betränten Wangen ihrer Wärterinn; es war eine von Idas Freundinnen, eine von denen, welche durch ihre liebreiche Sorgfalt dem tod entrissen wurden.

Was ist dies? fragte Ida nach einer Weile, welche Aenderung! –

Still! Still! winkte die Nonne, und schlich nach der Tür um zu sehen, ob ein Horcher vorhanden sei.

Wir erwarten, sagte sie beim Zurückkehren, morgen unsern neuen Erzbischof in unsern Mauren, er kommt in Begleitung des Grafen von Würtemberg, Herzog Albrechts, und des Grafen von Unna, eine unschuldig Leidende zu befreien.

Ida wusste nichts von dem tod des alten Erzbischofs, und konnte also die Erscheinung des neuen nicht begreifen. Ihren Vater wusste sie weit entfernt, und den Grafen von Unna kannte sie gar nicht; sie wusste nicht, dass ihr geliebter Herrmann hiermit gemeint sei. – Sie hielt die Sage der Nonne für Traum, und schloss die Augen um weiter zu träumen.

Sie öffnete sie von neuem, und wandte sich mit einer zweiten Frage an die Nonne, diese schwieg, und deutete auf auf die tür. Bald darauf trat die Domina herein.

Habt ihr geschlafen, mein Kind? fragte sie.

Sie ist so eben erwacht, sagte die Nonne.

Schlafet, schlafet! meine Teure! fuhr die Aebtissinn fort, diese bleichen Wangen müssen morgen blühen, diese matten Augen mit dem vorigen Feuer glänzen. Ihr wisst nicht, wen ihr morgen sehen werdet. – Einen Vater, einen Freund, – eineneinenwie soll ich sagen? –

Die heiligen Lippen der Aebtissinn vermochten das Wort, Bräutigam, das ihr auf der Zunge schwebte, nicht auszusprechen, – auch hatte Ida genug gehört, um mit Entzücken erfüllt zu werden!

Also ist es dennoch dennoch wahr? rief sie mit zusammengeschlagenen Händen.

Was denn, mein Kind? – hat man euch schon gesagt? –

Nein! aber mir träumte so etwas. –

Die Aebtissinn meinte, der Himmel pflegte seinen Heiligen mancherlei im Traum zu offenbaren. – Auch sie habe einst geträumt, Ida müsse geprüft werden, scharf geprüft werden, um dereinst glücklich zu sein. –

Um dieses Traums, und um der langen Predigten willen, welche ihr diesen Tag über von der Versöhnlichkeit, von der Verschweigung der Klostergeheimnisse und dem dankbaren Genuss des Glücks gehalten wurden, musste sich Ida endlich zu dem Versprechen bequemen, gegen ihre ankommenden Freunde nichts von der Art der Leiden zu gedenken, die sie betroffen hatten, auf keine Rache zu sinnen und fleissig zu erwegen, das alles nur