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Graf von Unna.

Herrmann von Unna und Konrad von Langen wurden den Händen ihrer Verfolger übergeben; der erste wurde, vielleicht aus einer Ahndung, er könne unschuldig erfunden werden, mit Schonung behandelt, und der andre, ungeachtet eine grössere Last von Beschuldigungen auf ihn haftete, hatte auf gewisse Art des Glücks seines Freundes zu geniessen.

Er kannte indessen seine Lage besser, als vielleicht selbst die, welche ihn seinen Richtern entgegen führten, er wusste, dass er in den Gegenden, wohin er gebracht wurde, nur erscheinen durfte, um alle alte halb vergessene Beschuldigungen, vornehmlich die Händel mit dem Bischoff von Osnabrück wieder rege zu machen. Er wusste, dass er vor der Hand keine Hoffnung hatte als die Flucht und diese war ihm in ähnlichen Fällen schon so oft geglückt, dass er auch jetzt nicht verzagte.

Konrad war ein Meister in listigen Anschlägen, war, wie wir vielleicht in der Folge aus einem Beispiel sehen werden, in der Wahl der Mittel zu Erreichung seiner Absichten nicht allzu gewissenhaft; wie hätte es ihm fehlen können?

Eines Abends umarmte er beim Abschied seinen Freund, dessen Umgang man ihm verstattete, mit ungewöhnlichem Feuer, sprach etliche dunkle Worte von Trennung und von Wiedersehen, undam Morgen war er verschwunden.

Seine Begleiter suchten ihn, Herrmann trauerte um seine Entfernung und freute sich seiner Befreiung, aber dies war auch alles was bei dieser Sache geschehen konnte, – denn, keine Nachforschungen vermochten den entflohnen Konrad auszuspähen.

Herrmann ward nun desto strenger bewacht damit man bei ihm nicht etwas ähnliches erfahren möchte; eine unnötige Vorsicht! Konrad hatte ihm oft Vorschläge zur Flucht getan, welche grosmütig von ihm verworfen wurden, und im grund, warum hätte auch Herrmann fliehen sollen. Sein gutes Gewissen machte ihn furchtlos, der Richter, vor den er gestellt werden sollte, war sein Freund, und fast an allen Orten, durch welche er zog, kamen ihm Gerüchte entgegen, welche ihm Hoffnung zum völligen Erweis seiner Unschuld machten. Selbst seine Hüter machten endlich kein geheimnis vor ihm aus diesen Dingen, der eine von ihnen brachte ihm eines Tages die Botschaft: der entdeckte Mörder des Herzogs von Braunschweig, Friedrich von Falkenberg, habe Wernern von Hanstein, und dieser Henrichen Grafen von Waldeck als seine Mitgehilfen angegeben. Von allen diesen war es erwiesen, dass sie sich in maynzischen Diensten befanden, und auf wen also der Hauptverdacht fiel, das konnte kein geheimnis bleiben. Herrmanns war bei der ganzen Untersuchung mit keinem Worte gedacht worden.

Herrmann triumphirte über die herrlichen Beweise seiner Unschuld; auch seine Hüter waren nicht unempfindlich gegen dieselben, sie stellten es ihm frei, sich zu begeben wohin er wolle, aber der biedere Ritter lachte des Vorschlags: Die Unschuld fliehet nicht! sagte er abermals und liess sich ruhig nach der Residenz seines Oheim des alten Grafen von Unna führen.

Nicht wie ein Gefangner, sondern wie ein besuchender Freund ward der Ritter von Unna bei seinem erhabenen Verwandten eingeführt, und von ihm mit offenen Armen empfangen. – kommt ihr so früh euch eures Triumphs zu erfreuen? rief ihm der alte Graf entgegen. Zwar habe ich bereits nach Italien geschrieben, euch die Entdeckung der Wahrheit zu melden, aber wie diese Nachricht euch so bald erreichen konnte. – –

Herrmann unterbrach seinen Oheim mit der Erzehlung, auf was für Art er hieher gebracht worden sei. – Ich freue mich, erwiderte der Graf, dass ich euch versichern kann, dass diese seltsame Weise euch eurem Glück entgegen zu führen, das letzte Leiden sein wird, welche euch fremde Verbrechen zugezogen haben. Die Hansteine, die Falkenberge, die Waldecke, sind die Vollbringer jener Tat, welche euch so unglücklich gemacht hat; keiner von ihnen will etwas von euch als einem Mitschuldigen wissen, alle beteuern, dass sie euren Namen nur durch den Ruf und aus Hertingshausens Reden kennen, welcher euch oft beim Trunk seinen Feind genannt, und geschworen haben soll, er wolle sich an euch rächen, und solle er sein zeitliches und ewiges Heil aufs Spiel setzen; kein Wunder also, als ihr ihm jenesmahl, in den Gegenden von Frizlar in den Weg geworfen wurdet, dass sein immer zum Bösen fertiger Geist euch schnell in die Sache zu verflechten wusste, welche ihm den Untergang brachte, dass er noch im tod auf der Aussage beharrte, welche euch so unglücklich gemacht hat.

Herrmanns redliche Seele zitterte bei der umständlichen Erzählung von der Verschwörung wider Herzog Friedrichs Leben, zitterte über die Namen der Teilnehmer an dieser Tat. – Und welches ist die Strafe der Meuchelmörder? fragte er hastig. – Geldbusse! erwiderte der Graf und zuckte die Achseln, Geldbusse? – und ich sollte um des blossen Verdachts willen sterben? Es sind die Waldecke, versetzte der Graf, sind vielleicht noch höhere! ihr waret bloss Herrmann von Unna!

Der alte Graf sprach mit seinen Neffen noch viel über diesen Gegenstand, Herrmann erzählte ihm dagegen von seinen Schicksalen bei den deutschen Rittern, und von der erworbenen Gnade des Grafen von Würtemberg. – So sehr dem Oheim das letzte zu gefallen schien, so wenig fand er Geschmack an dem ersten, und Herrmann hatte ein schweres Examen auszustehen, ob er mit dem Ritter Johann seinem Bruder in besondere Gemeinschaft gelebt hatte Der Hass des alten Grafen von Unna wider die jüngere Linie seines Hauses war unauslöschlich, und nichts konnte den Neffen vor den Unwillen des eigensinnigen Greises schützen, als die Versicherung, die er ihm mit Grund der Wahrheit geben konnte, er habe