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hatten gestern gute ursache euch vor unsern ausgearteten Schwestern zu Sankt Nikola zu warnen. Es ist nicht unmöglich, dass sie mit euren Entführern ein heimliches Verständniss haben; bedenkt ihr sündliches Verlangen bei eurer Einkleidung zu sein, und überdies will die Schwester Margarete gesehen haben, dass die von jenen Nonnen, welche zuletzt mit euch sprach, ein Papier in ihrem Busen verborgen hatte, vermutlich ein verführerischer Brief von euren Weltfreunden, welche euch zu sich zurück locken wollten.

Ida wusste wohl, was dieses für ein Papier gewesen war; sie zitterte, man möchte Mariens Schriften entdeckt und ihrer Freundinn abgenommen haben. Sie errötete vor Angst, und konnte kaum die Frage stammeln: ob man wirklich etwas verdächtiges von dieser Art bei der Nonne gefunden habe! – Ei bewahre Gott, nicht gefunden! erwiderte die Domina, unsere hände strecken sich nicht nach solchen unheiligen Dingen aus, alles bloss Mutmassung, wahrscheinliche Mutmassung! Aber sagt mir doch, – denn die Veränderung eurer Farbe könnte mich auch wohl auf euch argwöhnisch machensagt mir doch, was sprach denn jene Nonne gestern Abend mit euch? –

Siesiesie bat mich einen Spaziergang mit ihr auf den Kirchhof zu machen, stammelte Ida! –

Immer besser! erwiderte die Alte. So wärs dann um euch getan gewesen; denn wisset, unglückliches Kind, dem der Satan so sehr nachstellt, wisset, unsere Mauern sind euren Feinden nicht zu hoch, gestern Abend ist eine unserer Schwestern von zwei Männern erwischt und nach einer angelegten Leiter geschleppt worden. Vor Angst hat sie nicht schreien können, aber der entfallene Schleier hat sie gerettet. Der Abdruck der Andacht und Heiligkeit in ihrem Gesicht hat die Entführer zurückgeschreckt. – Fürwahr eins der grössten Wunder der heiligen Anna!!! – Der Streich hat ohne Zweifel euch gegolten, und ein entfallner Schleier hätte euch nicht retten können; euer Gesicht ist noch zu weltlich um diesen Grad von heiliger Ehrfurcht einzuprägen. Nun, grämt euch darüber nicht; Jahre und ernste Kasteiungen werden auch bei euch das ihrige tun!

So traurig und Angstvoll auch Ida war, so konnte sie sich doch bei diesen Worten nur mit Mühe eines kleinen Lächelns entalten.

Ihr seht, fuhr die Aebtissinn fort, wir fangen an, mit euch vertraulicher umzugehen, euch gleichsam schon als einer Schwester zu begegnen, und ich muss euch daher sagen, dass die Spuren der Nachstellung noch merklicher werden. Diesen Morgen hat man zwei Stäbe vor den Fenstern des Krankenzimmers zerfeilt gefunden, ihr werdet euch, bis zum Tage eures Triumphs über die Welt, sehr eingezogen halten müssen. Doch tröstet euch, unser Schutzherr der Erzbischof soll alles wissen, und euch schon Sicherheit schaffen.

Der Nahme des Erzbischoffs machte, dass Ida mit dem höchsten Ausdruck von Angst die hände zusammenschlug. Die Domina ward durch diese Geberde, deren wahre Deutung sie nicht kannte, sehr erbaut, und entliess die Novize gnädig!

Acht und zwanzigstes Kapitel.

Gelungene und verunglückte Anschläge.

Angst und Besorgnisse waren Idas und Mariens Gefährtinnen, in der Zeit der Erwartung, was die erhaltenen Nachrichten zu Sankt Nikola möchten ausgerichtet haben.

Eine lange traurige Woche verfloss, ehe sich nur eine Spur der Hoffnung zeigte. Am Ende derselben ward Ida zu der Aebtissinn gefordert.

Meine Tochter, sagte sie, höret sonderbare neue Zeitungen. Eure Feinde, welche sehen, dass sie euch mit Gewalt nicht eurem heiligen Beruf entreissen können, nehmen ihre Zuflucht zur List, aber der Heiligen Anna sei Dank, dass wir hier listiger sind als sie, und ihre Anschläge zu vernichten wissen.

Ida zitterte; sie sah ein Schreiben mit dem erzbischöflichen Siegel in den Händen der Aebtissinn.

Dass die Nikolaitinnen zu den Mitverschwornen wider das Heil eurer Seele gehören, fuhr die Domina fort, das ist uns nun unwidersprechlich erwiesen. Die fürstin Gara, welche sich in jenem Kloster aufhält, sandte uns diesen Morgen diesen Befehl von der Hand unsers heiligen Vaters, welcher euch mit gebührender Ehrerbietung zu lesen erlaubt wird.

Ida empfing das Blatt, wie sie musste, mit halbgebognem Knie, und las:

"Heilige und in Gott andächtige Mutter, Frau und Oberinn des Klosters zu Sankt Annen: Unsern Grus, und alles Gute zuvor.

Ihr werdet angewiesen, Angesichts dieses, den Nonnen zu Sankt Nikola euren Schwestern, die in eurem Kloster lebende heilige Frau Sankt Veronika, welcher Schwachheit halber diese Veränderung gestattet wird, samt ihrer Wärterinn, der jungen Novize N. N. (mit ihrem Weltnahmen Ida von Würtemberg genannt,) unwegerlich ausfolgen zu lassen. Woran, wenn ihr solches tut, geschieht unser ernstlicher Wille." u.s.w. Subinko, Erzbischof.

Die gräfin zitterte vor Freude und vor Angst, sie gab das Schreiben zurück, ohne ein Wort vorbringen zu können.

Euer Zittern, euer Stillschweigen, sagte die Domina, verkündigt uns eure Gedanken, aber sorget nicht, mein Kind ihr bleibet bei uns, der heilige Vater gibt uns in seinem Schreiben selbst einen Wink was wir zu tun haben. – Hier diese Charakter, welche ausser mir und seiner Heiligkeit niemand verständlich sind, und die wahrscheinlich die Nonnen zu Sankt Nikola so wenig wahrgenommen haben als ihr, verkündigen uns seine wahre Willensmeinung.

Ida sah in dem ihr zum zweitenmahl dargereichten Schreiben eine Reihe kleiner Figuren, welche sie zu den damals gewöhnlichen Briefzierraten gerechnet und für unbedeutend gehalten hatte. Ihre Angst wuchs und sie vermochte nichts weiter als die heilige Mutter mit einem furchtsam fragenden Blicke anzusehen.

Ihr versteht nichts von