am Fenster zu sitzen, sah sie kommen und hörte ihre Gesänge. Gehe, mein Kind, sagte sie zu der gräfin, damit du keine Zeit versäumest, unsern Anschlag auszuführen! wer weis wie wenig der Augenblicke sein werden, die du zu einem vertrauten Gespräch mit unsern Retterinnen nützen kannst!
Ida ging. Sie hatte besorgt, sie würde als eine Novize von der Versammlung der Nonnen ausgeschlossen werden und sich zu Betreibung ihrer Angelegenheiten nur eines günstigen Ohngefehrs bedienen müssen; aber das Andenken an die Begebenheit auf dem Kirchhofe machte, dass man sie schon im Voraus die Rechte der wirklichen Klosterfrauen geniessen liess. – Sie hatte gefürchtet, man möchte ihre Anwesenheit in diesem Kloster verbergen wollen, weil sie durch eine Art von Entführung dahin gekommen war, aber sie fand, dass sich die Dienerinn Sankt Annens einen Triumph daraus machten, der heiligen Nikola eine Nonne abspenstig gemacht zu haben, und dass sie sich des gar hoch rühmten, der weltlichen gräfin von Würtemberg ihren Beruf zum Klosterleben begreiflich gemacht zu haben.
Eine Ankündigung dieser Art musste einen widrigen Eindruck auf die Nikolaitinnen machen; sie misgönnten ihren Schwestern die Eroberung, sie waren guterzige Geschöpfe, aber doch nicht ganz frei von jenem Laster, dem Neide, der zwischen Klostermauern wie in seinem eigenen Geburtslande, besonders leicht erwachsen und gedeihen soll. Das hätte ich nicht gemeint, sagte eine der vornehmsten Nonnen der heiligen Nikola zu Ida, dass die gräfin von Würtemberg, wenn es ihr je einfallen sollte, den Schleier zu nehmen, ein anderes Kloster wählen würde, als das unsrige! – O, erwiderte Ida, solltet ihr meine geschichte wissen! – Die Blicke der Klosterfrauen, welche anfangs einen Anstrich von verachtendem Unwillen hatten, verwandelten sich in Mitleid! – Noch eine Frage schwebte auf ihren Lippen, und Ida, welche keine Zeit zu verlieren dachte, rüstete sich schon, ihr einige Winke von dem Geheimnisse zu geben, welches ihr auf dem Herzen lag, als eine der Nonnen zu Sankt Annen herzutrat, ihr Gespräch zu stören; man hielt es nicht für gut, die neue Schwester, welche sich so gut anliess, mit den angenehmen Verführerinnen von Sankt Nikola viel allein sprechen zu lassen, und bewachte beide so sorgfältig, dass Ida zweifelte, ob und wie sie ihr Geschäft würde ausrichten können. – Sie stahl sich auf einige Augenblicke zur königin, entdeckte ihr ihre Zweifel, ihre Vorschläge, erhielt Einwilligung, und kehrte wieder zurück.
Um Gotteswillen, flüsterte ihr die Nikolaitinn entgegen, welche in einem Winkel des Kreuzganges auf sie gewartet zu haben schien, um Gotteswillen, wie seid ihr in dieses Kloster gekommen? die fürstin Gara und wir andern alle forschten überall nach euch, und hätten euch an jedem andern Orte eher als hier gesucht! sagt, wie kommt ihr hieher?
Nicht viel besser als durch Gewalt, erwiderte Ida. Sie wollte noch etwas hinzusetzen, aber schnell ward sie zur Aebtissinn gefordert, und das Gespräch hatte wieder ein Ende.
Bei der sparsamen Mahlzeit, wo Ida ebenfalls von hundert Augen bewacht ward, tat die Aebtissinn der künftigen Schwester die Ehre, sie öffentlich zu rühmen, wie sie sich so freiwillig der heiligen Anna gewidmet, sich im Noviziat so wohl betragen, und jüngstin so gar einen Anschlag, sie aus dem Kloster zu entführen, entdeckt habe. Ich bitte euch, meine Schwestern, setzte sie mit andächtiger Miene hinzu, bittet Gott und unsere Heiligen, dass sie bis zum Tage ihrer Einkleidung, den wir heute über vier Wochen, – wird sein Sankt Scholastika Tag – ansetzen, ohne Anfechtung bleibe und dieser bösen Welt gänzlich entrückt werde.
Die Nikolaitinnen wagten die Bitte bei der Feierlichkeit erscheinen zu dürfen, aber man fand dieselbe wider die Regel, und sie ward abgeschlagen.
Erst gegen den Abend hatte Ida gelegenheit ihrer Freundinn der Nonne von Sankt Nikola im Fluge diese Worte zu sagen: Meldet der Furstinn Gara, Ida habe Marien gefunden, sie sei hier im Kloster und erwarte schleunige hülfe! – Die Nonne, welche mehr von diesen Dingen zu wissen schien, als die gräfin dachte, hub Augen und hände mit einem blick voll Dank und Verwunderung gegen Himmel. – Kann ich euch ganz ohne Gefahr trauen? fragte die erfreute Ida? – die Nonne antwortete mit einer jener redlichen truglosen Mienen, welche zu fragen scheinen, wie Mistrauen möglich sei? – Ida forderte keine andere Beglaubigung. So nehmet diese Schriften, fuhr sie fort, und gebt sie der fürstin Gara. Empfehlt ihr Eile; noch einmal: Marie lebt und ist hier im Kloster, aber sie ist sehr schwach.
Kaum hatte die Nonne so viel Zeit das Tagebuch der königin, welches ihr die gräfin auf Mariens erlaubnis überreichte, unter ihr Brusttuch zu verbergen, denn eben erschien eine Abgesandte von der Aebtissinn, welche die Novize mit einem verdrüsslichen Tone erinnerte, es würde Zeit sein, sich in ihre Zelle zu verfügen, man habe sich der heute vergönnten Freiheit mit zu weniger Mässigung gebraucht um derselben länger geniessen zu dürfen.
Ida verfügte sich zur königin ihr Nachricht von ihren Verrichtungen zu geben. Sie sprachen bis tief in die Nacht über diesen Punkt, sorgten, zweifelten, ob alles auch recht ausgerichtet, recht verstanden nichts entdeckt worden sein möchte, und mussten endlich ihre Zuflucht zu der Hoffnung nehmen, der Himmel werde das ausgestreute Saamenkorn, nicht zertreten oder vom Winde verweht werden lassen.
Meine Tochter, sagte die Aebtissinn des andern Tages zu Ida, als diese auf Befehl bei ihr erschien, wir