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Armen. – O welch ein Gebäude von Glückseeligkeit! sollte sich kein Unglückswind erheben es einzustürzen?

Ida bestärkte die königin in ihren süssen Träumereien, und strebte alle ihre Besorgnisse zu vernichten. Die Hoffnung wiegte sie gegen den Morgen in einen süssen Schlummer, aber ihre Trösterinn vermochte nicht zu schlafen. Neue Stürme schienen sich für sie zu erheben, die alle heitere Aussichten zu verdunkeln drohten, sie hatte in dieser Nacht Entdeckungen gemacht, die sie der königin aus Furcht sie zu beunruhigen verschwieg; sie waren es, die ihre Rückkunft vom Kirchhofe verzögerten, und ihr einen Anstreich von Bestürzung gaben, der nur für die mit andern Gedanken beschäftigte Marie unmerklich sein konnte.

Es ist nötig hier meine Leser einige Schritte zurück zu führen. Ida wandelte, als sie von der königin nach dem Kirchhofe geschickt wurde, ruhig mit Gedanken des Todes und der Auferstehung unter den Gräbern dahin, ihre Augen lasen im Mondesschimmer an den weissen Kreuzen den Namen mancher Nonne, die auch sie gekannt hatte, einige unter ihnen waren in dem letzten teil ihres Noviziats auch von ihren Händen gewartet und zur ewigen Ruhe eingesegnet worden, und ihre Tränen, so wie sie bei ihrer Rückkunft zur königin sagte, flossen im Verbeigehen ihrem Andenken. – Den Namen Veronika konnte sie lang nicht finden, die Eigentümerinn dieser Ruhestätte war zu lang im Krankenzimmer verschlossen gewesen, um sie in Ordnung zu halten, und keine freundschaftliche Hand vertrat ihre Stelle. Der aufgeworfene Hügel war eingesunken, das Kreuz lag auf dem Boden, und Ida hätte es nicht gefunden, wenn sie nicht klug genug gewesen wär, es eben an diesem Umstand zu erkennen. – Sie richtete das Kreuz empor, öfnete die Höle, fand die Schriften, und war eben im Zurückgehen, als ein Geräusch an der Seite der Kirchhofsmauer sie aufmerksam machte.

Es war in den damahligen zeiten ein doppeltes Verdienst für ein Mädchen, Mut genug zu haben in der Mitternachtsstunde unter Gräbern zu wandeln! die Sage, dass zu dieser Zeit die Geister der Verstorbenen zwischen den Todenhügeln schweben, und ihre modernden Gebeine besuchen, hatte damahls noch nichts von ihrem Ansehen verloren, stellte auf gewisse Art einen Glaubensartikel vor.

Die fromme Ida glaubte diesen Satz so wie jeden andern, der ihrer Tugendliebe nicht widersprach und ihrem Hang zur Schwärmerei etwas verwandt war, von ganzem Herzen; und man hat sich also nicht zu verwundern, dass sie bei dem Säuseln, das sie umwehte, Schauer und Ahndung der Gegenwart eines Unsichtbaren fühlte.

Sie hatte Mut genug nicht zu fliehen; wofür hätte die Unschuld fliehen sollen? diese Gräber konnten, wie sie meinte, nur von seligen Geistern umschwebt werden, und Ida fühlte, dass sie eine Verwandte der Engel sei. Sie stellte sich unter den bejahrten Flieder, der an der Kirchhofmauer stand, und mit ihr an Höhe zu wetteifern schien.

Das Rauschen ward stärker, über ihr wankten die Blätter, und unter ihr der Schatten, den der Mond auf den Boden mahlte. Es war nicht der Wind, der dieses Säuseln verursachte, gewisse Nebentöne mussten ihre Furcht bestärken. Jetzt litt der Stamm, an den sie sich lehnte, einen gewaltigen Stoss, und im nemlichen Augenblicke senkte sich wenige Schritte von ihr mit einem ziemlichem Getöse eine Gestalt herab, die nun lang und fürchterlich im Mondglanz da stand. – Ida wollte und konnte jetzt nicht fliehen. Das, was sie sah und bald darauf hörte, stimmte so wenig mit ihren Ideen von Geistererscheinungen überein, dass eine ganz andere Art von Furcht als die vor Gespenstern in ihr rege ward. Sie war der Erscheinung zu nahe; eine Bewegung konnte sie verraten, nur der Schatten, in dem sie stand, und die äusserste Stille schätzte sie vor der Entdeckung.

Hier herüber! flüsterte die lange Gestalt, indem sie aufwärts nach dem Gipfel des Baums sah. Haltet euch an diesen starken Ast, und dann ein herzhafter Sprung, so seid ihr wo ich bin. Das Geräusch über der zitternden Ida vermehrte sich, der vorige Schall liess sich zum zweitenmahl hören, und noch ein Mann sprang zu dem vorigen herab. – Ihr seht also doch wohl, sagte der Erste, dass unser Unternehmen keine Unmöglichkeit ist! Gott gebe es? sprach der andre mit leiser stimme. – Nun kommt auch und hört das weitere, fuhr der Erste fort. Sehet dort, die vergitterten Fenster, wo das schwache Lämpgen glimmt, es sind die Fenster des Krankenzimmers, wo sie sich jetzt meistens aufhalten soll, sie sind nicht zu hoch über der Erde, dass wirdie Männer entfernten sich im Gehen und Ida konnte nichts weiter vernehmen. Gern wär sie geflohen, aber einesteils Neugier, andernteils Furcht hielt sie zurück, sie hätte bei diesen Leuten, welche keine gute Absicht zu haben schienen, vorbei streichen müssen, wenn sie zum Eingang ins Kloster hätte kommen wollen. Der Ort, wo sie verborgen stand, war sicher, und sie blieb.

Die Männer kamen jetzt zurück, das Gesicht des einen schien ihr bekannt zu sein, der andere hatte sich fest in seinen Mantel gehüllt. Sie selbst mit in unsern Anschlag zu ziehen, wär freilich das beste, sagte der erste im Vorübergehen, aber wie soll man sie treffen? – Das fest der Heiligen Nikola ist, wie ihr sagt, vor der Tür, war die Antwort, die Nonnen sollen alsdann hier mehr Freiheit haben, man kann sie vielleicht einmal im Garten, einmal hier auf dem Kirchhof sprechen! –

Warum erst sprechen