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der Welt eine Verstorbene zu sein, wenn sie nur aufhören wollte, wider mein Kind zu wüten! Ich fühlte bereits den Tod im Herzen, wie hätte ich mich weigern sollen ein solches Gelübte zu tun?

Sie ward besänftigt, ging so weit auch mir das zu beschwören, was ich von ihr verlangte.

Man fing an mir gütiger zu begegnen. Die Aebtissinn teilte meine Wartung mit der gräfin von Cyly, sonst bekam ich niemand zu sehen. Nur einst, als ich bei Nacht allein war, klopfte es leise an die Tür und die hülfreiche Nonne aus Sankt Emri trat herein.

O meine Retterinn! rief ich, woher kommst du? und wo ist mein Kind! Bereits in den Händen seines Vaters, antwortete sie.

O noch nicht, noch nicht sicher genug! rief ich. Warum nicht in den Händen der fürstin Gara?

König Siegmund liebt seine kleine Tochter, lässt sie nicht aus den Augen, auch habe ich Befehl, sie Morgen nach Sankt Nikola zu bringen. – Durch List gelangte ich bis zu euch, um euch zu fragen, ob ihr nichts weiter an die fürstin zu bestellen habt.

Nein! –

Nicht ein Wort von eurem Leben? Mein Schwur drückt mich fürchterlich, und doch darf ich ihn nicht brechen. Ihr habt nicht geschworen, wie wenn ein Brief? –

Ach umsonst! umsonst! auch ich musste schwören. Das Grab ist bereits über mir geschlossen, ich darf nicht wieder erwachen! Doch! – Ein Brief! – Setze dich und schreibe in meinem Namen, ich bin zu schwach! – Ein Brief, der fürstin meine Tochter zu empfehlen, kann nicht überflüssig sein. – Setze dich und schreibe! – Richte die Worte ein, dass sie weder deinen noch meinen Eid verletzen, dass sie lauten wie in der Todesstunde gesprochen!

Die Nonne gehorchte, ich billigte, was sie geschrieben hatte, und sie entfernte sich.

Die nächste Nacht erschien sie wieder. Euer Kind ist in den Händen seiner zweiten Mutter, sagte sie.

Was macht sie? was macht meine Rosa? –

Sie ist noch sehr schwach! Gott verlängere ihre Tage zum Besten eurer Tochter! Die fürstin liebt und beweint euch sehr, sie fragte mich viel und ich durfte nicht nach der Wahrheit antworten! O mein fürchterlicher Eid! ich werde ihn in die Länge nicht halten können! werde euch mein zeitliches15 und ewiges Glück aufopfern; mein Mitleid für euch ist zu gross!

Wir weinten lange mit einander! – Endlich fing die Nonne von neuem an zu sprechen. Ich hoffe, sagte sie, ihr werdet mich ins künftige öfter sehen. König Siegmund erlaubte mir eine Gnade von ihm zu bitten, weil ich ihm seine Tochter brachte, ich bat nach Sankt Annen versetzt zu werden, es geschah darum, dass ich nahe um euch sein, euch trösten und helfen könne! Sehet, ich trage bereits die Kleidung der Schwesterschaft.

Aber ich sah die hülfreiche Nonne von Sankt Emri nicht wieder. Sie würde meinem Glück alles aufgeopfert haben; man kam vielleicht ihren guten Absichten auf die Spur, und räumte meine Retterinn aus dem Wege. – Mir erlaubte man zu genesen.

Barbara war abgereist. Die Aebtissinn war die einige im Kloster, die mich kannte. Sie ermangelte nicht mich täglich an meinen Eid zu erinnern, und mir Gewissenhaftigkeit zu empfehlen. Die Erinnerung war unnötig. Auch verschwand mir bald alle Lust meinen Stand zu entdecken, da mir das Schicksal alles raubte was mich in die Welt zurückrufen konnte. Dass Siegmund über meinen Tod getröstet war, und nur an meiner Feindinn hieng, das wusste ich, die gespräche der Nonnen brachten mir es oft genug zu Ohren, mein Herz blutete, aber liess sich wohl mein Schmerz mit demjenigen vergleichen, den ich fühlte, als sich das Gerücht von dem tod meiner Elisabet verbreitete? als ich bald darauf auch erfuhr, dass Rosa Gara dahin sei? – O Welt! was kannst du noch für Reitze für mich haben? alles ist verblüht, alles ist dahin was mir lieb war! Hinüber, hinüber! ins Land des Wiedersehens und der Unvergänglichkeit!

Am Tage Mariä Himmelfart

im Jahr unsers Herrn. 1400.

Dieses Blatt sollte ein Tagebuch sein, wie seine Ueberschrift weiset. Den Anfang dazu schrieb ich 1393 im ersten Jahr meines Aufentalts zu Sankt Annen, aber wo sollte ich Kräfte hernehmen meine lust alles dessen was ich liebe, meine Gesundheit zerstört und meinen Verstand schwankend gemacht? diese Jahre sind mir vergangen wie ein Traum! Gott lob, dass auch schreckliche Träume vergehen, dass unser ganzes Leben ein Traum, und dort das Erwachen ist! – Wir begleiteten heute unsere Aebtissinn zu grab, auch sie hat nun ausgeträumt, Gott gebe ihr ein fröhliches Erwachen! – Ihr Gewissen trieb sie nicht in ihren letzten Stunden das zu bekennen, was ich von mir wusste, und ich, Gott, ich muss schweigen! – Ich beklage meinen vorigen Stand nicht, aber mein Leben hier in diesem Kloster ist zu elend, fast zu elend für die, die einst eine königin war. – Niemand ist mehr hier der mich kennt, mein Zustand wird dadurch nicht gebessert werden!

Am heiligen Osterabend.

1402

Ach ja er wird schlimmer, täglich schlimmer! ich dachte nicht, dass ich noch einige Stufen tiefer in den Abgrund des Elends hinabsteigen könne. Ich bin krank, bin oft des Verstandes halb beraubt. Die Nachricht, dass König Siegmund sich so weit vergessen konnte,