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sollte. Diese Bewegung, diese Tränen kamen oft an Stellen zum Vorschein, wohin sie gar nicht gehörten, mussten vielleicht durch Nennung eines bekannten Namens, durch Erregung einer verwandten idee hervorgebracht werden; man kennt die Eigenheiten schwacher Gemüter, auch Ida kannte sie, und war klug genug, sie unbemerkt vorübergehen zu lassen.

Ida war ganz offenherzig gegen ihre Freundinn; was hätte sie für ursache haben können, ihr einen einigen Umstand ihrer geschichte zu verschweigen? und wie konnte sie wissen, welcher teil derselben die wirkung hervorbringen würde, welche sie wünschte?

Die gräfin war in ihrer geschichte ohngefehr bis dahingekommen, wo Herrmann ihr seine begebenheiten auf dem schloss Cyly erzählte, und ihre genaue Aufmerksamkeit auf die Zuhörerinn hatte gemacht, dass sie sah, sie dürfe nur einen oder zwei Namen nennen um der Kranken einen Seufzer oder wohl gar eine Träne abzulocken; eine Entdeckung, welche ihr Mutmassungen einflösste, die sie schon oft aus andern Gründen gehabt, aber immer als unwahrscheinlich wieder verworfen hatte. – Sie machte die probe einigemahl und ward ihrer Sache gewiss.

Sie wusste noch zwei Personen in ihrer geschichte, deren Nennung den heftigsten Eindruck auf die Hörerinn machen mussten, wenn sie wirklich diejenige war, für welche Ida sie nach und nach zu halten geneigt wurde. Sie sparte diese teuren Namen, besonders den einen derselben, sorgfältig auf einen Augenblick, vermied, sie zu frühzeitig zu erwähnen, und fuhr, als sie an die Stelle kam, welche sie zu Entüllung des grossen Geheimnisses bestimmt hatte, in ihrer Erzählung, welche sie jetzt bis auf ihre Ankunft im Kloster Nikola gebracht hatte, folgendermassen fort:

"Ich habe euch gesagt, dass es Herzog Albrecht von Oesterreich war, welcher mich zu Nürnberg in Schutz nahm, und mir in einem ungarischen Kloster Sicherheit zu schaffen versprach. Ich war, wie ihr wisst, durch ganz andere Mittel nach Ungarn gekommen als durch seine hülfe, aber ich vergass nicht die Aufträge, die er mir in diesem land gegeben hatte. O Schwester! – Aufträge von der grössten Wichtigkeit, Aufträge, an welchen das Glück vieler Personen haftete. Soll ich sie euch entdecken? – doch ich kann es ohne Gefahr!

Herzog AlbrechtMich wundert, dass ihr diess nicht zu wissen scheint, – war der versprochene Gemahl einer liebenswürdigen prinzessin, diese prinzessin hatte eine Mutter, die man sechszehen Jahr lang für tod gehalten, von deren Leben man jetzt zu sprechen begunnte; die letzte, diese grosse unglückliche Dame in diesen Gegenden aufzusuchen, war das mir aufgetragene Geschäft. Herzog Albrechts Braut hiess Elisabet, ihre Mutter Marie."

Elisabet? Marie? wiederholte die Nonne mit einem Tone, der sich besser denken als beschreiben lässt.

Elisabet König Siegmunds Tochter! fuhr Ida fort, und Marie, der unglückliche königin von Ungarn.

Ja wohl unglücklich! rief die Kranke mit zusammengeschlagenen Händen. – Aber ihr sprecht von lauter Toden. Marie ist tod, muss tod bleiben! – und Elisabet? – sonderbar, sie starb ja in ihren ersten Kinderjahren!

Elisabet? – ihr irrt. Sie lebt, ist die Erbinn von Ungarn, und die Verlobte des edelsten Fürsten der Welt

Unmöglich! unmöglich! – O dass ihr wahr reden möchtet, dass ich diess liebe Kind noch einmal an meinen Busen drücken könnte!

Ida sah jetzt deutlich, was auch meine Leser sehen, vielleicht schon längst gemutmasset haben werden. Ihr Herz hub sich vor Freude und Kummer hoch empor, aber sie unterdrückte ihre Gefühle und fuhr fort.

Wollte Gott, dass ich euch die prinzessin, die euch so lieb zu sein scheint, augenblicklich darstellen könnte, aber sie lebt weit von hier, lebt im Kloster Klausenburg; doch eine Freundinn von ihr, eine Zeuginn ihres Lebens ist in der Nähe, ist zu Sankt Nikola. Die fürstin Rosa Gara. –

Die fürstin Gara? – Träumerinn! auch diese ist tod, ihr wisst, sie starb bald darauf als ichals Marie die junge Elisabet zur Welt brachte

Die fürstin Rosa Gara lebt, lebt zu Nikola, ich kam aus ihren Armen in dieses Kloster. –

Rosa lebt? meine Rosa Gara lebt? Elisabet lebt? – O Uebermass von Freude! – Nein! unmöglich! –

Marie war bei diesen Worten ohne Empfindung zurückgesunken. Die entzückte Ida knietw an ihrem Lager, strebte sie zu erquicken, und netzte ihre hände mit ihren Tränen. Meine königin rief sie, teure unglückliche Marie! erwacht, erwacht zu besseren Tagen! –

Marie erwachte, richtete sich hoch auf, sah wundernd um sich her, tat neue fragen, erhielt ihre Beantwortung, konnte der entzückten Ida nicht mehr verheelen, wer sie war, warf sich in ihre arme, weinte an ihrem Busen, rief noch tausendmahl, ob es möglich sei, ward überzeugt, und erlag unter dem Uebermaas ihrer Gefühle.

Nicht leicht konnte eine der wichtigsten Entdeckungen besser vorbereitet und mit mehr Schonung behandelt worden sein als diese, und doch tat sie die gefährlichste wirkung auf das Gemüt der königin.

Sie ward todtkrank, Ida weinte an ihrem Lager und hielt es für unmöglich sie zu retten. Ach seufzte sie, hätte ich sie nur erst in die arme ihrer Geliebten liefern, ihr nur noch diesseit des Grabes die Freuden des Wiedersehens gewähren können!

Die gräfin ging zu der Aebtissinn, und bat mit der Demut, die sie jetzt hatte lernen müssen, man möchte der todtkranken Schwester Veronika – (dies war Mariens Klosternahme) – vergönnen sich