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Schwesterschaft als von den Toden Erstandene begrüsste. Die Nonnen zu Sankt Annen waren eben nicht die liebreichsten und verständigsten Wärterinnen, durch ihre Vernachlässigung welkte manches hin und starb, was der Fleis der guten Ida wieder zum Aufblühen brachte.

Ausser dem Danke der Geretteten ward der gräfin noch ein Lohn zu teil, sie lernte im Krankenzimmer Personen kennen, die sie zuvor nie gesehen hatte, und die in vieler Betrachtung die besten des Klosters waren. Die Gekränkten, die Unterdrückten, die Vernachlässigten, wurden nur gar zu bald, bei schlechter Luft, schlechten und abgekürzten Nahrungsmitteln, Bewohnerinnen der Krankenstube, indessen ihre Freundinnen in voller Gesundheit über sie triumphirten und ihrem tod entgegen sahen. Ida freute sich, auch an einem Orte wie Sankt Annen, gute Seelen zu finden, sie stärkte sie mit physischen und moralischen Heilmitteln und brachte sie ans Licht, fähiger als zuvor das Böse zu ertragen, das ihnen von neuem bevorstand.

Vier und zwanzigstes Kapitel.

Unter den Kranken, deren Anzahl sich jetzt durch die gute Wartung bis auf drei oder viere gemindert hatte, befand sich eine, welche von Anfang Idas besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Eine grosse schweigende Dulderinn, die für alles Worte hatte, nur nicht für ihren Schmerz, ihre Krankheit schien unheilbar zu sein, eine gänzliche Aufzehrung aller Lebenskräfte, jene Ermattung, die eigentlich nur das hohe Alter herbeiführt, zu welchen die gute Nonne noch nicht den halben Weg zurückgelegt hatte. – Ihr Körper war es nicht allein welcher litt; ihre Seele duldete namlose Qualen, nicht von sorge für die Zukunft, wie sie zuweilen in Stunden der Vertraulichkeit zu Ida sagte, die Zukunft lag heiter vor ihr in den Gefilden der Ewigkeit ausgebreitet, nein von Erinnerung des Vergangenen, welches, wie zuweilen eines ihrer Worte andeutete, schrecklich für sie gewesen sein musste. – Sie musste alles verloren haben, was ihr lieb war, musste es auf ungewohnt traurige Art verloren haben, kein Band schien sie mehr an die Erde zu fesseln, und zürnte mit dem tod, dass er so lang zögerte ihr den Trank des Schlummers und der Vergessenheit zu reichen.

Ida wagte der bescheidenen fragen viel an sie, aber nie bekam sie befriedigende Antwort. Sie fragte, wie lang sie litte? – Lang! war die Antwort. Wie lang sie unter die Kranken gezählt werde? Seit die hoffnung des nahen Todes mich fast gesund macht. Welchen Stand sie in der Welt behauptet habe? – Den elendesten! Was sie verloren habe? – Alles!

Die gräfin hatte den Glauben, dass kein Leiden der Erde ohne Linderung ist, wenn man sich nur nicht scheut seine Wunde der Freundschaft zu entüllen, sie sann Tag und Nacht darauf, ihrer geliebten Kranken ihr geheimnis zu entreissen, sie las in ihren Mienen, setzte ihre gebrochenen Worte zusammen, und belauschte ihren Schlummer, ob sie nicht endlich etwas würde ausspähen, ein im Traum entfallnes Wort auffinden können, das ihr entdeckte, auf welcher Seite ihrer kranken Freundinn der lindernde Balsam beizubringen sei, sie bekam sonderbare Mutmassungen, aber diess war auch alles. –

Endlich kam sie auf den glücklichen Einfall, Vertraulichkeit durch Vertraulichkeit zu erwecken, und die geliebte Nonne mit ihren eigenen Schicksalen bekannt zu machen. Die Kranke hatte der schlaflosen Nächte viel, oder vielmehr nur die kleinste Hälfte der Nachtzeit war bei ihr dem Schlafe gewidmet, die andere fiel einer Art von wachenden Träumen anheim, die zu schrecklich waren, als dass sie nicht die menschenfreundliche Ida auf alle Art hätten stören sollen.

Mitternacht ist vorüber, sagte sie einsmahl zu der Kranken, unsere Schwestern schlafen, womit soll ich auch euch den Schlaf herbei rufen? – Schlaf auch du, meine Ida, antwortete sie, und lass mich allein wachen. –

Ach ich habe so manche Nacht in meinem Leben durchwacht, dass ich wohl gelernt haben kann den Schlaf zu entbehren! –

Du? – glückliche pflegen sanft zu schlafen, wenn die Unglücklichen wachen! –

Haltet ihr mich für glücklich? – O solltet ihr die traurige geschichte meines Lebens wissen! wie oft ich dem tod nahe war, wie Schande und Verleumdung hinter mir herjagten, wie das Schwerd an einem dünnen Faden über mir hing, wie ich von denen getrennt wurde, die ich liebte! –

Getrennt? – durch Tod, Untreu, Verräterei getrennt? – O erzehle! solche Geschichten sind gut für den zu hören, der ähnliches Leiden erfuhr!

Und Ida erzehlte.

Was sie erzehlte und erzehlen konnte, mein Leser, das weisst du, aber die Würkung, welche die geschichte auf die Zuhörerinn tat, ist schwerer zu erraten, blieb selbst Ida in den ersten Tagen ein geheimnis. – Idas Erzehlung ward zu sehr mit kleinen uns unbekannten Umständen, mit fragen von der einen, und Betrachtungen von der andern Seite durchwebt, als dass sie in einer Nacht hätte können geendigt werden, auch nutzte die gräfin nur die Stunden dazu, von welchen sie wusste, dass sie ihre Freundinn allemahl schlaflos zubrachte; wenn der Morgen anbrach, der so manchen Kranken erst den Schlummer mitbringt, dann schwieg sie, die Augen ihrer Freundinn schlossen sich und auch sie legte sich zu einem kurzen Schlafe an ihre Seite.

Der Haupteindruck, den Idas geschichte auf die Zuhörerinn machte, bestand anfänglich bloss in vermehrter Neigung für die Erzählerinn, bei einigen Stellen merkte die gräfin wohl eine Art von Bewegung bei der Kranken, auch wohl einige hervorquellende Tränen, aber sie wusste nicht recht, was sie aus denselben machen