1788_Naubert_078_128.txt

, um mich selbst in diesen Kerker zu liefern. Dort hätte mich die Grausamkeit des Erzbischoffs nicht so treffen können wie hier, dort hätte ich wenigstens die fürstin Gara zur Zeuginn, zur Helferinn in meiner Not gehabt, und hätte man mich ja zum Klosterleben zwingen wollen; so wär es doch allemahl besser gewesen dort als hier. – O dass ich nicht wenigstens der fürstin einen Wink von der Scene zwischen mir und meinem Verfolger gab! diess hätte sie doch aufmerksam auf mein Schicksal gemacht, hätte ihr doch Mutmassungen eingeflösst, wenn sie nun erfährt, dass ich nicht zu Sankt Emri angekommen bin! – O der törichten Sucht nach Wanderungen und Abenteuren! o des unüberlegten Bestrebens andern zu helfen, wenn man selbst hülflos ist! – Marie ist tod wie die fürstin sagt und wie mir selbst jetzt sehr wahrscheinlich dünkt, ich jage ihrem Gespenst nach und stürze darüber in einen Abgrund, aus welchem nichts mich retten kann!

So klagte Ida, bis sie sich überzeugte, dass Klagen nichts hülfe, und nur Geduld, und Tätigkeit im stand sei, das Böse zu überwinden.

Schon der erste Anblick des Klosters zu Sankt Annen und seiner düstern Bewohnerinnen hatte, wie wir wissen, der gräfin Widerwillen und den Wunsch sich zu entfernen eingeflösst, jetzt da sie diesen traurigen Ort genauer kennen lernte, mehrten sich seine Schrecknisse in ihren Augen. Jenesmahl hatte man ihr mit achtung begegnet, ihr das beste Zimmer des Hauses gegeben, ihr alle Freiheit gelassen, ihr so viel man sich darauf verstand zu gefallen gestrebt, jetzt war all dieses so ganz anders, jetzt kam zu allen diesen noch der Gedanke: Hier musst du ewig bleiben! und es fehlte wenig, dass Ida unter ihrem Leiden erlag.

Ihr einiger Trost war noch das Probejahr, das sie erst zurücklegen musste, ehe sie das unwiderrufliche Gelübde auszusprechen genötiget ward. Wie viel konnte in dieser Zeit geschehen! Ihr Leben war so voll von wunderbaren und schnellen Aenderungen, dass ihr die Hoffnung zuflüsterte, auch hier würde das Schicksal Zufälle unvorhergesehener Ereignisse einschieben, welche der Sache ein heiteres Ansehen geben könnten!

O Hoffnung, Engel des himmels, trittst du an die Seite des Leidenden, so ist er schon halb gerettet! Die Schmerzen hören auf an seinem Leben zu nagen, die Ketten werden leicht an seinen Händen. Er fühlt das Gegenwärtige nur halb und lächelt der Zukunft entgegen!

Ida fand es sehr wahrscheinlich, dass ihr binnen Jahresfrist könne geholfen werden, und sie nahm sich vor, um bis zu der glücklichen Rettung, die sie träumte, nicht ganz unglücklich zu sein, nicht ehe sie erschien vom Gram getödtet zu werden, sich in ihr Schicksal zu fügen, mit heiterer Stirne zu dulden, zu tun, und zu unterlassen, was ihre Zuchtmeisterinnen ihr auflegen und ihr neuer Stand erfordern würde.

Die Kränkungen der unglücklichen gräfin in diesem Aufentalt des Schreckens waren unzählich, wir haben ihn und seine Bewohnerinnen im Vorhergehenden zur Gnüge beschrieben um unsere Leser raten zu lassen worin sie bestanden.

Die Mühseligkeiten des Noviziats wurden der künftigen Ordensschwester doppelt schwer gemacht, weil sie zu einer ganz andern Art von Geschöpfen zu gehören schien als ihre Gefährtinnen. Diese Schönheit, diese Herzensgüte, diesen frohen Mut zu zerstören, sie in Hässlichkeit, Mismut und Feindseligkeit umzuwandeln, dazu gehörten ungewöhnliche Anstrengungen, und man vergass nicht sie der Armen in reichlichem Maasse zuzuteilen.

Die erste Hälfte des Probejahrs war die peinlichste für Ida, sie verfloss, wie noch heute zu Tage im Noviziat gewöhnlich ist, unter einer Menge zweckloser vergeblicher arbeiten, die man mit den Geschäften der Wasserträgerinnen des Erebus vergleichen könnte; ermüdend und ganz ohne Nutzen. – Welch ein Gefühl für eine so edle, schöne, stets nützlich beschäftigte Seele, ihre Kräfte ohne Nutzen verwenden zu müssen, den entfliehenden Tagen kein anderes Zeichen mit geben zu können, dass sie dagewesen waren, als ein paar Tränen, kein Denkmahl von ihrem Besuch aufweisen zu können als allenfalls Wachstum in der Geduld.

Diese traurige, Ida in ihrem folgenden Leben ganz unvergessliche nie genug bedauerte Zeit ging endlich auch vorüber, und man fing an, der unglücklichen gräfin edlere, vielleicht eben so beschwerliche, eben so traurige aber doch nützlichere arbeiten aufzutragen als die vorigen.

Ida jauchzte, als man ihr bekannt machte, sie sei zur Wärterinn der Kranken erwählt worden. Bekümmerte zu trösten, Elend zu lindern, und wo sie es nicht konnte mit den Weinenden zu weinen, war ja immer eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen gewesen, wie hätte ihr vor dem Geschäfte bange sein sollen, zu welchem sie jetzt angewiesen wurde. –

Doch fand Ida, als sie sich näher mit demselben bekannt machte, dass es nicht so leicht sei, als sie meinte, dass es ein anderes ist Werke der Barmherzigkeit bloss nach Wohlgefallen zu üben, und sie als sein eigenes Geschäft ansehen zu müssen. – Sie hatte vordem auch wohl Kranke besucht, Verwundete verbunden, und Sterbende getröstet, wie es die fromme Sitte jener zeiten mit sich brachte, aber weder Tag noch Nacht andere Gegenstände als Leidende zu sehen, nichts als Seufzer zu hören, stets in der Stille des Todes zu wandeln, welch eine Lage für eines der zärtesten fühlendesten Herzen, die der Schöpfer jemahls bildete!

Die ungesunde Lage des Klosters zu Sankt Annen machte die Anzahl der Kranken für eine einige Wärterinn fast zu gross. Doch Idas weise Sorgfalt minderte sie. Es kamen unter den Gesunden wieder Gesichter zum Vorschein, die man seit Jahren nicht gesehen hatte, und die die