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sein?

Ida hörte voll Aufmerksamkeit zu, ohne recht begreifen zu können, was sie gehört habe. Die Tochter eines guten Alten, seine Pflegerinn zu sein, unter dem Schutze des ungarischen Pabsts bessere zeiten zu erwarten, war im grund für ihr argloses Herz nichts anstössiges, doch sagte ihr ein inneres feines Gefühl, und Kenntniss der Sitten ihrer zeiten, dass dieses nicht ausführbar sei, auch war ihr seine zunehmende Freundlichkeit und der blick, mit dem er ihr, weil sie kniete, gerad in die Augen sehen konnte, widerlich. Sie zog ihre Hand aus der Seinigen und stand auf; er hatte sie schon zu lang in dieser demütigen Stellung gelassen, die ihm vermutlich darum gefiel, weil sie seine kleine person mit der ihrigen in eine Art von Gleichheit setzte und ihm das aufsehen zu ihr erleichterte.

Ihr müsst nicht zürnen, schöne gräfin, fuhr er fort, indem er sich gleichfalls erhub, und ihre Hand von neuem ergriff.

Ein Kloster, wenn es sein muss, sagte Ida wird bis zu glücklichern zeiten der beste Aufentalt für mich sein. Mein Stand

Redet doch nicht von eurem stand, unterbrach er sie, wir wissen es, dass ihr eine gräfin von Würtemberg seid; aber die geschichte zeigt euch Personen von weit höherem Range, welche die Freundschaft eines Bischoffs nicht verschmähten.

Denkt an Matilden, die Marggräfinn von Toskana, welche es sich zur Ehre schätzte, Pabst Gregor des siebenden geistliche Tochter zu sein, und derhalben noch jetzt, dreihundert Jahr nach ihrem tod hochgepriesen wird.

Hatte der Erzbischoff wohl etwas mehreres nötig, als dieses Gleichniss, um seine Absichten auf die schöne Ida völlig klar zu machen? – Ida stand starr vor Erstaunen mit niedergeschlagenen Augen, ohne ein Wort zu sprechen. Glühende Röte und Todenblässe überflogen wechselweise ihre Wangen, indess der heilige Mann grinzend zu ihr hinauf sah und ein günstiges Urteil aus ihrem schönen mund zu erwarten schien.

Matilde von Tuscien? sagte Ida zu sich selbst. Entsetzlich! ich und Matilde? –

Es ist wahr, die geschichte der Marggräfinn von Toskana und ihres geistlichen Liebhabers war in jenen zeiten noch nicht so verrufen wie jetzt, aber doch ward sie hinlänglich nach der Wahrheit beurteilt, um jeder guten Seele Widerwillen einzuflössen. – Ida schauerte in sich zurück, schleuderte die Hand des Erzbischoffs, welche unablässig nach der ihrigen tappte, mit Ungestüm von sich, brach in Tränen aus und kehrte ihm den rücken.

Der verliebte Alte liess nicht ab mit seinen Vorstellungen. Ida geriet beinahe in Wut über seine Zudringlichkeit, wenn sich dieser Ausdruck anders bei ihrer sanften Gemütsart rechtfertigen lässt. Die Reizung zum Zorn war auf beiden Seiten zu mächtig, man sagte sich Bitterkeiten, und schied aufgebracht und drohend von einander.

drei und zwanzigstes Kapitel.

Auch dem elendesten stand fehlt es nicht

an Freuden.

Was wird aus mir werden! rief Ida, Gott was wird aus mir werden! Die Rache des Unwürdigen wird mich verfolgen! Nie nie werde ich die wiedersehen, welche ich liebe.

Sie ging zu der fürstin Gara, sie teil an ihrem Unglück nehmen zu lassen, und ihren Rat zu hören, aber die Worte erstarben ihr auf der Zunge. Sie errötete, dass jemand ausser ihr den schimpflichen Auftrag wissen sollte, den man gewagt hatte ihr zu tun.

Der Erzbischoff ist bei euch gewesen, sagte die fürstin, habt ihr keine Veränderung in seinem Wesen gemerkt?

Ich kenne ihn zu wenig um urteilen zu können! –

Mich dünkt, er war mürrisch, niedergeschlagen, verlegen! – wisst ihr die ursache?

Ida errötete; sollte er die Kühnheit gehabt haben von dem, was unter uns vorging, gegen andere zu sprechen? sagte sie zu sich selbst

Doch ihr könnt sie nicht wissen, fuhr die fürstin fort, er wird sie niemand sagen und mir hat sie die Aebtissinn nur im höchsten Vertrauen entdekt. Ihr wisst seine Händel mit dem neuen böhmischen Prediger, die auch euch hieher brachten, er hat sie so weit getrieben, dass König Wenzel endlich unwillig geworden ist, und ihm, vermutlich auf Anraten seiner gemahlin, unter den Fuss geben lassen, er möchte sich entfernen. Er ist seiner Würde in Böhmen so gut als entsetzt. König Siegmund schützt ihn noch; in Ungarn bleibt er noch was er war, aber wie lang? –

ist es möglich? unterbrach Ida ihre Freundinn, die Macht des Nichtswürdigen ist gefallen? und ich habe also nichts zu besorgen?

Die fürstin rechnete Idas Schadenfreude bloss auf den Unwillen, den sie wegen vergangener Dinge gegen den Erzbischoff haben musste, und erklärte ihr das deutlicher, was ihr so viel Vergnügen zu machen schien, indessen Ida allen ihren Kummer verschwinden fühlte, und sich vornahm, ihrer Freiheit zu gebrauchen, und des nächsten Tages ihre Reise nach Sankt Emri anzutreten.

Ihr Entschluss, das Kloster zu verlassen, ward den Nonnen nochmals vorgetragen, und diese versicherten, der Erzbischoff habe befohlen, wenn sie denselben von neuem äusserte, sich ihm nicht zu widersetzen! –

So waren also Idas Besorgnisse wegen der ohnmächtigen Drohungen ihres Verfolgers gänzlich gehoben. Der Elende! sagte sie zu sich selbst, so sehr ist seine Macht gesunken, dass er mir nicht einmal meine kleinen Wanderungen einschränken darf! ich will sie fortsetzen, bis ich gefunden habe was ich suche, und dann ihm und allen Feinden der Unschuld zum Trotz glücklich sein! – Es ist wahr, ich könnte mich gleich auf den Weg nach Italien zu meinem Vater oder nach einem