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der Angst der nahen Trennung und der Furcht vor der düstern Zukunft so grausam zu mischen, als man zu Erreichung der schwärzesten Absichten für nötig hielt.

An einem dieser Tage, denen man so ängstlich entgegen sah, ob man gleich von jeden derselben keinen andern Gewinn hatte, als verneute Leiden, und die fast gewisse überzeugung, man werde sich heute zuletzt gesehen haben, an einem solchen Tage geschah es, dass ich glücklich genug war, die Unterhaltung meiner unglücklichen Gebieterinnen mit einer beträchtlichen Dosis Trost und Hoffnung zu versüssen. Gleich bei unserer ersten Gefangennehmung – (ich war die einige Gesellschafterinn, die man den Königinnen liess –) hatte ich den schnellen Einfall ein Körngen auf Hoffnung auszustreuen, dass es vielleicht zu unserer Rettung aufgehen könne. Das was ich tat war im eigentlichen verstand ein hingeworfener Versuch, der so wohl zu Vermehrung unsers Unglücks als zu unsern Besten ausschlagen konnte. Wir waren auf dem Wege nach unserm gefängnis, dessen Namen ich zum Glück erfahren hatte. Ich riss eine Demantnadel aus meinen Haaren, und grub auf eine kleine Tafel, die ich bei mir trug, folgende Worte; "Wer dieses findet und zum Prinzen Siegmund nach Pohlen bringt, der nehme dieses Kleinod zur Dankbarkeit und erwarte in der Zukunft eine noch grössere Belohnung von der fürstin Rosa Gara." In das Innere der Tafel schrieb ich folgendes in gallischer Sprache, welche, wie ich wusste, ausser mir und Siegmunden hier nur von wenigen verstanden wurde.

"Wenn Siegmund noch einiges Menschengefühl, noch Begierde nach der ungarischen Krone, noch Liebe oder Mitleid für eine unglückliche Dame hat, welche er vormals zu lieben schien, so komme er nach Moglay am Flusse Bezra sie aus den Händen ihrer Feinde zu retten."

Ich gab dieser Schrift, an der das Leben zweier Königinnen hing, meine vielfach zusammengefalteten Schleier zur Hülle, heftete ihn mit der Demantnadel zusammen, und warf es, als wir des Nachts durch einen Wald fuhren, auf gut Glück in den Weg.

Die Ungewissheit, ob dieser Versuch von Nutzen sein würde und der Widerwille in dem Herzen meiner Gebieterinnen eine hoffnung zu nähren, welche vielleicht vergeblich sein könnte, machte, dass ich von der ganzen Sache nicht eher sprach, als an dem Tage, da ich auf eine Art, welche hier zu weitläuftig sein würde, zu melden, Nachricht erhielt: Siegmund sei nicht fern, würde vielleicht Morgen, vielleicht diese Nacht schon hier sein, die Gefangenen zu retten.

Zum erstenmahle in meinem Leben hatte ich heute eine Art von Zuneigung für Siegmunden gefühlt, ich dankte ihm in meinem Herzen für die Bereitwilligkeit, mit welcher er erschien, die vielleicht bloss daher entsprang, weil ich in meinem Brief den Namen der zu rettenden Dame nicht genannt hatte. – Doch nein! ich tue Siegmunden Unrecht, was für ein Unmensch hätte er sein müssen, Marie in Gefahr zu wissen ohne zu ihrer Erlösung herbei zu eilen!

Ich unterhielt an diesem glücklichen Abende, der durch eine Zusammenkunft der Mutter und der Tochter verschönert wurde, meine Königinnen mit meinen frohen Neuigkeiten. Mit Freudentränen schlossen beide Damen sich in die arme. Auch ich bekam meinen teil von ihren Liebkosungen, sie nannten mich ihre Retterinn, und umarmten sich und mich von neuem.

Wir werden also der Gewalt unserer Feinde entkommen, rief Marie, und mein Siegmund wird unser Befreier sein. O Uebermaas des Glücks! kaum vermag ich dir zu glauben! Rosa, ihr täuscht mich! sollte es möglich sein, das ich diese teure Hand wieder in ruhigen Tagen küssen, dieses ehrwürdige Haupt wieder mit der Krone geziert sehen würde? Marie drückte bei diesen Worten die Hand ihrer Mutter an ihr Herz, indessen diese ihre Rechte liebreich nach mir ausstreckte, und mich mit einem Tone, der mir ewig unvergesslich sein wird, zum zweitenmahl ihre Retterinn nannte.

Wir sassen bis tief in die Nacht in gespräche verwickelt, die man sich nach so langer Trostlosigkeit nicht süss und hofnungsvoll genug denken kann. Endlich kamen unsere Hüter uns zu trennen. Marie bat, man möchte sie doch diese Nacht bei ihrer Mutter lassen. Ich flehte, man möchte wenigstens mir, wie zuweilen geschah, erlauben, die alte königin zu bewachen, umsonst, wir mussten scheiden.

Marie kehrte zehnmahl zurück, ihre Mutter von neuem zu umarmen, Elisabet umfaste die junge königin so fest, dass man sie mit Gewalt von ihr reissen musste, ich umarmte ihre Knie. Vergebens! unsere Henker waren unerbittlich, wir mussten scheiden. Wir sind wohl recht töricht, sagte Marie bei unserer Rückkunft auf unser Zimmer, indem sie sich lächelnd die Tränen trocknete, wir sind wohl recht töricht, so viel Flehens bei den Unerbittlichen um eine einige Nacht zu machen! Werden wir nicht bald, ach morgen morgen schon, ungestört beisammen bleiben können? doch dünkt mich, ich hätte um diese, nur um diese Nacht mein Königreich geben wollen; es müsste so süss gewesen sein, meinen Siegmund in den Armen meiner Mutter zu erwarten!

Wir gingen diese Nacht nicht zu Bette; Angst und süsse Erwartung hielten uns wachend; welche Erwartung ist ganz ohne Besorgnisse? tausend Ausrufungen, mit dem Anfang: Wenn nur nicht! gingen aus Mariens mund. Zwanzigmahl ging sie nach dem Fenster, um die Fenster der alten königin zu sehen, welche mit den unsrigen in einen gemeinschaftlich grossen Hof gingen. Ich hoffe, sie schläft, die Teure, rief sie, ich sehe kein Licht in ihrem Zimmer. Oder sagte ich, sie