1788_Naubert_078_119.txt

die Krone ohne Mariens hülfe erlangen zu können, so war auch das letzte Band aufgelösst, das ihn an sie fesseln konnte.

Barbara, welche jetzt als Hoffräulein bei der königin Elisabet lebte, und die mit allen schwelgerischen Reizen einer üppigen Schönheit blühte, hatte den Eindruck, den sie bereits als Kind auf ihn machte, mächtig erneuert. Seine Neigung für sie war kein geheimnis; die königin Elisabet, Mariens Mutter, fing an das zu sehen, was ich längst gesehen hatte, und sie berief ihre Tochter schnell nach hof, um durch ihre Gegenwart alle Fehler wieder gut zu machen, welche hier vorgegangen waren.

Sobald sich das Gerücht von Mariens Ankunft ausbreitete, sobald Siegmund zu merken begunnte, dass sein Umgang mit Barbara beobachtet, eingeschränkt, verhindert wurde, so bekam er plötzlich Geschäfte in Pohlen, und Marie fand bei ihrer Erscheinung in der Residenz tausend Herzen, die ihr entgegen wallten, nur das einzige nicht, welches vorzüglich für sie hätte schlagen sollen.

Die treuen Ungarn jauchzten ihrer prinzessin entgegen, sie nannten sie königin, und forderten den alten König, welcher schon damahls begunnte kränklich zu werden, auf, ihr diesen Namen bei seinen Lebzeiten feierlich beizulegen, damit er ihr nach seinem tod desto weniger könnte geraubt werden.

Siegmunds Erklärung zum Tronerben war nicht so unumstösslich, dass sie nicht hätte können zurückgenommen werden. Die stimme des volkes, die Vorstellungen der königin Elisabet, und, ich getraue mich zu sagen, auch die meinigen, drangen durch, und Marie ward öffentlich zur königin von Ungarn ausgerufen.

Siegmund war einer der ersten, welcher ihr Glück wünschte; kein Brief verrichtete dieses, sondern er selbst. Der Name Schwester war ganz vergessen, er war nicht mehr Mariens Bruder, nein ganz Liebhaber und Bräutigam. – Hätte Marie meinen Einraten folgen wollen, sie würde ihn so zurückgewiesen haben wie er verdiente; aber wer kennt nicht die Schwachheiten der Liebe! Marie schrieb seine Rückkehr nicht der Krone, sondern ihrer eigenen person zu, und fing an ihn stärker zu lieben, als je zuvor.

Ihr seht ja, sagte sie zu mir, wie er so innig an mir hängt. Ist wohl nur eine einige Dame, wie schön sie auch sei, die mir nur einen blick von ihm rauben könnte?

Marie hatte recht. Siegmund schien nur für sie Augen zu habendennBarbara war nicht gegenwärtig. Barbara hatte gehört, dass Siegmund bei den pohlnischen Damen, von welchen er jetzt zurückkam, ihrer ganz vergessen habe, und sie hielt für gut, das nehmliche zu tun. Sie wollte nicht gegenwärtig sein, als Siegmund bei hof erschien, sondern gab endlich den Bitten ihrer Verwandten nach, den üblen Ruf, in welchem sie sich befand, durch eine anständige Heirat zu tilgen.

Man hatte ihr den Stattalter von Kroatien, Johann Hervott, einen Verwandten von mir, zum Gemahl bestimmt, und sie lebte gegenwärtig als seine Verlobte auf einem seiner Güter.

Siegmunds Augen suchten die geliebte Barbara überall; sie war doch immer diejenige, zu welcher er, nach jeder kleinen und grossen Untreue, zurückkehrte, und er vermisste sie ungern. – Er hörte von ihrer bevorstehenden Vermählung, ward traurig, fand dass er Marien nichts mehr zu sagen hatte, und kehrte nach Pohlen zurück.

König Ludwig starb, Marie setzte die Krone auf und würde eine gute königin gewesen sein, wenn sie allein regiert hätte; aber man sagt immer, wo eine Frau herrscht, da führen Männer den Scepter; so auch hier: meine Verwandten die Garas, drängten sich um den Tron, ihr Ansehn war so gross als ihre Kenntniss der Reichsverfassung. Marie gab ihnen Gehör, regierte nur durch sie, zog sie allein hervor, vernachlässigte die andern, und legte dadurch den Grund zu Mismut und Unzufriedenheit in den Herzen der übrigen Grossen. Von dem volk wurde sie angebetet, so handelte sie gegen die Armen und Geringen im Volk, so gegen den Landmann und den arbeitsamen Bürger, dass noch jetzt die zeiten der königin Marie das goldne Alter der Ungarn geheissen werden.

Die Garas hinderten sie nicht in diesem wohltätigen Verfahren, es war ihnen genug, die andern Fürsten neben sich zu unterdrücken, der gemeine Mann mochte ihretalben immer glücklich sein. – Es ist unmöglich, die Absichten, welche einige von ihnen, vornehmlich der nachmahlige Stattalter des Reichs, Andreas Gara, haben mochten, genau zu bestimmen. Es kann sein, dass Marie und die Krone das Kleinod war, nach welchen sie insgeheim rangen, wenigstens ist so viel gewiss, dass die Rückkunft des Prinzen Siegmunds aus Pohlen auf alle Art verhindert wurde. Marie sehnte sich nach ihrem Bräutigam, Siegmund war zärtlicher und treuer als jemahls; aber eine Zeit verging nach der andern, ohne dass er da erschien wo er mit so viel Unruhe erwartet wurde.

Indessen die Garas über ihren grossen Anschlägen brüteten, kochte Wut und Rache gegen sie und die königin in den Herzen der übrigen Fürsten. Der Gedanke, vielleicht einen Andreas oder Nikolaus Gara zum Könige zu bekommen, war ihnen schrecklich, und lieber war es ihnen auch Marien, die Tochter ihres guten Königs zu stürzen, als ihr auf die Art den Tron zu gönnen.

Die Geschichten der damahligen Zeit können euch nicht so unbekannt sein, dass ihr nicht wissen solltet, was für eine Partie man ergriff. König Karl von Neapolis ward herein gerufen; Marie sollte die Krone von Ungarn mit ihm teilen, oder sie ihm ganz überlassen.

Die königin