es unwahrscheinlich zu finden, dass ihm die prinzessin von Ungarn, einsam ohne Gefolge, ohne allen Schmuck auf diesen Bergen begegnen würde; die Munterkeit, die Schönheit der vorgeblichen Marie gefiel ihm; man hatte ihm eine Menge Dinge gelehrt, die er seiner jungen Braut vorsagen sollte, er wollte damit hervortreten, aber Barbara versicherte ihm, dass diese Umstände nicht nötig wären und Siegmunden war dieses desto lieber. Man schwatzte, lachte, hüpfte, und kam den Mauern von Sankt Nikola ganz nahe, indessen die Nonnen zu Sankt Annen die ihnen Anbefohlne mit grosser Angst vermissten, und die Leute des Prinzen ganz voll Verzweiflung waren, dass ihr junger Gebieter nirgend zu finden war.
Barbara hatte nicht so viel Nachdenken, dass das
was sie getan hatte ihr Verdruss zuziehen würde. Hand in Hand ging sie mit Siegmunden zu den geöfneten Toren von Nikola ein, und eröfnete ihm erst auf dem Wege nach dem Zimmer der prinzessin, ganz beiläufig, dass sie eigentlich gelogen habe, und dass er seine Braut jetzt erst zu sehen bekommen würde, eine Entdeckung, die Siegmunden sehr gleichgültig war; seine kleine Gefärtinn gefiel ihm, sie mochte sein wer sie wollte, und die gesagte Unwahrheit war ihm ein Scherz, den er leicht verzeihen konnte.
Diese Begebenheit machte grosse Unordnung in un
sern Planen. Die prinzessin war noch nicht völlig gekleidet, war nicht auf die Erscheinung ihres Bräutigams gefasst, als Barbara mit ihm herein hüpfte. Ich und die Leute des Prinzen, welche jetzt eben mit verhängtem Zügel ankamen, waren verdrüsslich, keines wusste recht, was es zu dem andern sagen sollte, Marie und Siegmund gefielen sich nicht sonderlich, Barbara ward ausgescholten, der Prinz suchte sie überall auf, ohne sich an die prinzessin zu kehren, und diese weinte.
Barbara ward gleich des andern Tages nach Sankt Annen gebracht. Ich wusste ihr keine härtere Strafe für ihren Vorwitz aufzulegen, als den Aufentalt an diesem traurigen Orte. Die guterzige Marie vermisste ihre fröhliche Gesellschafterinn, hatte ihr den Streich, den sie ihr spielte, längst vergeben, wünschte sie zurück, aber ich war unerbittlich, und Barbara blieb wo sie war, bis sie nach einigen Jahren von ihren Verwandten aus dem Kloster genommen und nach hof gebracht ward.
Mittlerweile wuchs Marie heran, ihre Gestalt entwickelte sich, sie ward nicht reizend, aber sie konnte gefallen, wenn sie ohne Vorurteil angesehen ward. Tausend gute Eigenschaften, und vornehmlich ihr edles, sanftes, trugloses Herz, ersetzten reichlich die Schönheit, welche ihr die natur versagt hatte.
Siegmund besuchte uns oft, er war kein Kind mehr, er wusste, wie er derjenigen begegnen sollte, welche bestimmt war, ihm dereinst die ungarische Krone aufzusetzen, und die Prinzessin, welche ihn herzlich zu lieben begunnte, war geneigt, alles zu glauben, was er ihr vorsagte.
Ich sah weiter, ich versicherte sie oft, dass nicht Marie, nur die Erbinn von Ungarn vor ihm geliebt würde. – Lasst uns ihn prüfen, erwiderte sie und wir wollen sehen.
Der König besuchte seine Tochter oft in ihrer Einsamkeit, sie hatte sein Herz in Händen, keine Bitte ward ihr abgeschlagen, und bald tat sie eine an ihn, welche mehr Spuren ihrer Vorliebe für Siegmund als der Klugheit trug, eine Bitte, die der König nicht so bereitwillig hätte erfüllen sollen. Marie bat: ihr Vater möchte Siegmunden zu seinem Sohn und Reichsnachfolger erklären lassen. – Ich will nicht, dass er mich um der Krone willen liebe, sagte sie, ich will sie lieber von seinen Händen erhalten, als ihm sie aufsetzen. Siegmund liebt mich, er wird nicht ermangeln, das Geschenk meines Vaters mit mir zu teilen. Und man wird nicht mehr sagen können, nicht Marie, nur die Erbin von Ungarn werde von ihm gesucht.
Der König lächelte, und versprach Mariens Bitte zu erfüllen. Bald darauf bekamen wir Nachricht: Prinz Siegmund sei vom König Ludwig an Kindesstatt aufgenommen worden. Die Prinzessin triumphirte über das Glück, dass sie ihrem Lieblinge verschaft habe, sie sah einem Besuche von ihm und der zärtlichsten Danksagung entgegen. Aber Siegmund erschien nicht, doch vertrat ein Brief seine Stelle, ein Brief, der ein Meisterstück der feinsten Politik war.
Marie fand ihn entzückend, aber ich machte sie auf den Namen Schwester aufmerksam, den ihr Siegmund fast in allen Zeilen gab. Wie kann Siegmunds Schwester seine gemahlin werden? fragte ich; die prinzessin erschrack, las den Brief noch einmal, fand, dass ich unrecht hatte, dass Siegmund das nicht so könne gemeint haben, ich schwieg dann und meine Warnungen wurden vergessen.
Man sprach von einer Reise des Prinzen nach Pohlen. Marie erwartete seinen Abschiedsbesuch, aber es erschien an seiner Stelle wieder ein brüderlicher Brief, der sie in Verzweiflung stürzte. Man fing an zu glauben, dass ich den nunmehrigen Erben von Ungarn besser zu beurteilen wisse, als die parteiische Liebe.
Meine Gedanken von Siegmunden konnten nicht trügen, sie gründeten sich auf Nachrichten, die mir seinen ganzen Charakter schilderten, die aber freilich so beschaffen waren, dass ich sie Marien nicht mitteilen konnte. Der Prinz war jetzt zu dem Alter herangewachsen, wo die Leidenschaften die herrschaft zu führen pflegen; und er hatte nicht gelernt sie einzuschränken. Er war schön, und nichts konnte ihn rühren als blendende Schönheit. Er war voll Feuer und Lebhaftigkeit, und stille bescheidene Tugend hatte keine Reize für ihn. Sein Geist strebte nach Ehre, und da er jetzt gewiss war,