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musste! ich hielt eure fragen für jugendlichen Vorwitz. Das Unglück meiner königin war mir zu heilig, das Andenken desselben zu schmerzhaft, als dass ich es unnötiger Weise hätte erwehnen sollen. Was eure Anspielungen auf das Leben der erhabenen Dame, damit Albrecht sich schmeichelt, anbelangt, so hielt ich sie immer für Träume und halte sie auch noch dafür, ihr sollt hören, sollt urteilen und mir eure Meinung sagen.

Ida freute sich, dass die fürstin endlich geneigt zu sein schien ihr Verlangen zu befriedigen, und diese begann folgender Gestalt.

Mit Freude und Kummer gedenke ich der Jahre meiner Jugend, welche ich in eben diesen Mauren, der Zuflucht meines Alters zubrachte. Die königin Elisabet von Ungarn, welche ihren Gemahl selten verliess, und es für unschicklich hielt, die junge Marie ihre Tochter zu frühzeitig an das Geräusch des Hofs zu gewöhnen, bestimmte ihr dieses Kloster zum Aufentalt, und machte mich zur Aufseherinn ihrer Kindheit, zur ersten Bilderinn ihres Herzens. Meine Jahre waren damahls gerade so wie sie sich für die Gefährtinn eines Kindes schickten, welches nur spielend gelehrt, nicht durch den rauhen Ernst des Alters zurückgeschreckt werden muss, ich hatte den Fräuleinstand erst vor einem halben Jahre verlassen, und war die gemahlin des Fürsten Stephans Gara geworden, eines Mannes, der mir, wie ich glaube, nur darum gegeben wurde, damit ich die Stelle der Oberhofmeisterinn einer jungen prinzessin mit Anstand bekleiden könne. Der bejahrte Stephanus ward von Reichsgeschäften bei hof fest gehalten, und seine junge gemahlin vermisste in der süssen Einsamkeit dieses Klosters nicht das Glück an seiner Seite zu glänzen.

Mariens Hofstatt war klein, sie hatte ausser mir niemand um sich als meine mir an Jahren fast gleiche Freundinn Ida von Dortmund, nachmahlige gräfin von Würtemberg, eure Mutter, und die kleine Barbara von Tirnan, ein geschöpf, welches schon damahls sehen liess, was es werden wollte, und Ahndungen in mir erregte, welche nur gar zu richtig eingetroffen sind.

Marte zeigte gleich in den ersten Jahren ihrer Kindheit, dass sie nicht schön werden würde; alles was ihr in der Folge einiges Ansehen gab, war ein vorteilhafter Wuchs, und eine majestätische Miene! Barbara aber war desto schöner. Ich gestehe meine Schwachheit, ich hasste sie wegen dieses Vorzugs, den sie vor meiner prinzessin hatte, hasste sie wegen der Ueberlegenheit, welche sie sich überall vor ihr zu geben wusste, wegen ihres mehreren Witzes, ihrer Lebhaftigkeit, und tausend anderer kleinen Gaben, in welchen sie Marien übertraf. Gern hätte ich sie von ihr entfernt, und wie gut wär es gewesen, wenn mir dieses gelungen wär! Beide hatten noch nicht das achte Jahr erreicht, als Barbara Marien schon einen Tück bewies, welches mit dem Namen eines Kinderstreichs entschuldigt ward, aber im grund die ernstliche Bestrafung ganz verdiente, die ich für gut hielt darauf zu legen.

Marie war König Ludwigs einige Tochter, war die Erbinn der Ungarischen Krone; man musste darauf sinnen, ihre Rechte durch die Vermählung mit einem mächtigen Prinzen zu befestigen, und die Wahl fiel auf den jungen Siegmund, Kaiser Karl des vierten zweiten Sohn. Schon in der Wiege war er mir Marien, vor welcher er nur wenige Jahre voraus hatte, versprochen worden, und man hielt es jetzt für schicklich, ihm seine kleine Braut einmal zu zeigen.

Siegmund ward zu jung, sein Stand zu erhaben, als dass ihm der Zutritt in unserm Kloster hätte versagt werden sollen, man erwartete ihn bei uns mit Ungeduld. Marie war entzückt denjenigen zu sehen, den man ihren künftigen Gemahl nannte, und den sie sich vermutlich ohngefehr so wie eine neue schöne Puppe vorstellen mochte. –

Der Prinz war noch sowohl ein Kind als sie, und ich, welche viel auf die Macht der ersten Eindrücke halte, sann Tag und Nacht darauf wie ich ihm die junge prinzessin, die ihm ein ganzes Leben hindurch gefallen sollte, zum ersten mahl in einem Lichte zeigen wollte, das seine kindischen Augen blenden, und alles, was er zuvor gesehen hatte, verdunkeln könne.

Meine Einfälle waren gut; Marie war diesen Tag reizender als sonst, Freude und süsse Erwartung verschönerte sie, um sie auf keine Art in Schatten zu stellen, hatte ich die kleine Barbara nach Sankt Annen geschickt, und die Klosterfrauen bitten lassen, ihrer wohl wahr zu nehmen.

Aber Barbara war diesen alten langsamen schläfrigen Kreaturen zu listig, sie glaubten sie in ihrer Klausur sicher, indessen sie durch den Garten entschlüpfte, und sich auf den Weg nach Sankt Nikola machte. Sie hatte diesen Ort ungern mit dem Annenkloster vertauscht, sie hatte zu viel von der Erscheinung des jungen Siegmunds reden hören, hatte zu viel von den schönen Kleidern gesehen, welche Marie an diesem Tage tragen sollte, als dass sie es hätte gleichgültig erdulden können, von dem Anblick dieser neuen ausserordentlichen Dinge entfernt zu sein.

Siegmund war seinen Hofmeistern zu feurig, so wie sie ihren Hüterinnen. Man hatte in einem dorf zwischen Nikola und Sankt Annen Ablager genommen; der Prinz brauchte die Zeit, da man Anstalten zur weitern Reise machte, zu einem Spaziergang auf die benachbarten Gebürge, und was war natürlicher, als dass er daselbst der kleinen Pilgerinn Barbara begegnete. Man sah sich, man nahte einander ohne grosse Zurückhaltung, man fragte sich mit kindischer Vertraulichkeit wer und wohin. Siegmund antwortete nach der Wahrheit, aber Barbara hatte den Einfall, sich Marie zu nennen und den Prinzen als ihren Bräutigam zu bewillkommen. Siegmund war zu jung um