. Auch hielt sie es für grausam, einer unglücklichen Tochter mit dem Leben ihrer Mutter zu schmeicheln, ehe man wüsste, ob man ihr das, was man versprach, würde wahr machen können, eine mit kindlicher Liebe erfüllte Seele in Ungewissheit wegen des Schicksals der Urheberinn ihres Daseins zu setzen, ohne im stand zu sein, ihre Unruhen heben zu können. Ida kannte die Qualen kindlicher Besorgnisse und aus diesen und ähnlichen Gründen war es ihr in manchen Augenblicken fast lieber, dass sie nicht auf die Art nach Ungarn kam, wie anfangs beschlossen war.
Sie hatte sich bei dem Erzbischoffe, als er ihr ihr Urteil sprach, die Freiheit ausbedungen, den Ort, den man ihr zum Aufentalt bestimmte, wenn er ihr misfiel, mit einem andern Kloster verwechseln zu können, und er hatte kein Bedenken getragen ein Versprechen zu geben, das er ja jeden Augenblick zurück nehmen konnte. Dieses waren die festen Stützen, auf welchen die Hoffnung der armen Ida ruhte. Sie glaubte auf diese Art unterschiedliche Klöster durchlaufen zu können, ohne dass jemand etwas mutmassen, ohne dass man ihr irgend etwas vorwerfen könne, als allenfalls ein wenig Unbeständigkeit. Hätte sie dann diejenige gefunden, die sie suchte, so sollte eine Botschaft der prinzessin Elisabet das Leben und den Aufentalt ihrer Mutter kund tun, Herzog Albrecht und seine Verlobte würden dann, wie sie meinte, herbeieilen, die Gefundene und die Finderinn frei zu machen, und – und man würde glücklich sein.
Zwanzigstes Kapitel.
mancherlei.
Ida hatte gute Zeit auf einer langen Reise Plane zu entwerfen, und sich mit Hoffnungen zu schmeicheln, welche gleich in den ersten Tagen ihres Aufentalts im Kloster zu Sankt Annen, wohin sie gebracht ward, zu schwanken begunnten.
Das Kloster der heiligen Anna lag in einer von der natur ganz vernachlässigten Gegend. Die hohen Gebürge, die dichten Tannenwälder, in welchen es sich versteckte, konnten keine andern Empfindungen als Gram und Schwermut nähren. Das tiefe enge Tal, in welchem sich die Klostermauren erhuben, verwehrte jede freie die Seele erhebende Aussicht, das Herz schien sich zu verengen bei der traurigen Einförmigkeit der Gegenstände, die sich hier dem Auge darboten, Unmut und Menschenhass sass auf allen Gesichtern, die man hier erblickte, und auf allen Sälen, allen Gängen in der Kirche wie in den Gärten, in den Zellen wie in den Erholungszimmern schlich Aengstlichkeit und Langeweile.
Ida hatte, wie sie meinte, in wenig Tagen das ganze Kloster ausgelernt, und sich überzeugt, dass hier nicht die entfernteste Vermutung von dem sei, was sie suchte; eine Entdeckung, welche sie sehr schnell aus ihrem traurigen Aufentalte getrieben haben würde, wenn sie es nicht dem Wohlstande gemäss gehalten hätte, wenigstens einige Wochen an einem Orte zu verweilen, wo man ihr mit ziemlicher achtung begegnete, und ihr keine ursache zu einer Klage gab, als diejenigen, welche alle Klosterfrauen mit ihr gemein hatten.
Die Zeit, welche sich die bescheidene Ida bestimmt hatte, verging, ohne dass ihr Herz sich an eines der Altagsgesichter, welche ihr hier überall begegneten, hätte fesseln, ohne dass sie eine einige person hätte finden können, mit welcher es sich auf eine offene oder verdeckte Weise über die Dinge hätte sprechen lassen, welche ihr wichtig waren. Nicht einmal von den umliegenden Klöstern konnte sie eine befriedigende Nachricht erhalten, nach welcher sie ihre Wahl hätte einrichten können, wenn sie, wie sie gesonnen war, ihren Entschloss, ein anderes Kloster zu beziehen, bekannt machte. –
Alles was man ihr sagte, war, dass sich in der Nachbarschaft ein Kloster der heiligen Nikola befände, welches auf gewisse Art dem Annenkloster unterworfen wär, daher auch die Schutzheilige desselben verbunden sei jährlich einen Besuch bei Sankt Annen ihrer Patroninn zu machen; ein Tag, dem man nächstens entgegen sähe und bei welchem diesesmahl alle Jungfern jenes Klosters ihre Heilige begleiten würden, weil eine Art von Jubelfeier sie verbänd, der Aebtissinn von Sankt Annen ihre Devotion zu bezeigen.
Diese Erzählung wurde der gräfin mit einer Art von Triumph gemacht, und sie vermochte nicht zu urteilen, ob Freude über den Anschein einer Art von herrschaft über andere, oder bloss das Vergnügen endlich einmal einen Tag zu sehen, der sich durch irgend etwas von seinen langweiligen Brüdern auszeichnete, das Gesicht der Erzählerinn beseelte.
Gern hätte Ida diesen schwachen Sonnenschein, den ersten, den sie in den Augen einer dieser traurigen Jungfern erblickte, einer edlern ursache zugeschrieben, gern hätte sie geglaubt, man sähe den Ankommenden als lang nicht gesehenen Freundinnen entgegen, aber sie hatte der Damen der heiligen Nikola schon so oft auf eine misbilligende Weise erwähnen hören, dass sie diese Vermutung nicht fassen konnte.
Der Tag der feierlichen Prozession erschien, der, wie Ida beschlossen hatte, einer ihrer letzten in diesem Kloster sein sollte, und die ganze Schwesterschaft rüstete sich, die Kommenden zu empfangen. Die Zurüstungen, welche man machte, bestanden nicht in Hervorsuchung der besten Bewirtung, nicht in Aufheiterung dieser finstern nie lächelnden Besichter, nicht in Ausschmückung der traurigen Zellen, im Gegenteil bemerkte Ida, dass heute die Schleier noch fürchterlicher aufgetürmt, die Stirnen noch tiefer in Falten gelegt wurden, und dass, um das Ansehen der heiligen Anna gegen ihre Vasallinn noch besser zu behaupten, der Tag ihres Besuchs einer der strengsten Fasttage des Jahrs sei.
Die gräfin wunderte sich sehr über diese neumodische Art Freundinnen zu bewirten, und spannte ihre ganze Aufmerksamkeit, um nichts von dem, was weiter erfolgen würde, zu verlieren.
Die