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flossen in die ihrigen, Tränen der Liebe, des Danks, und mancher frohen und wehmütigen Erinnerung.

Wo ist mein Vater? rief die gräfin, als Tränen

und Liebkosungen ihr Zeit zu einer Frage liessen. Die Münsterinn, ohne zu zweifeln wer mit dieser zärtlichen Benennung gemeint sei, schickte eine treue Magd nach der Mattäuskirche, wo Münster die Aufsicht über den Bau des Hochaltars führte, um ihn abzurufen, ohne die ursache seiner Abforderung zu melden, aber sie eilte zu Ida zurück, von der sie sich ungern einen Augenblick trennte. Sie sassen neben einander. Mariens Hand ruhte in dem Schosse ihrer Pflegetochter und ward von der Ihrigen festgehalten. Idas Arm umschlang den Nacken ihrer Mutter, ihre Augen waren mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Zärtlichkeit auf sie gerichtet, nur wenig Worte wurden gewechselt, aber Tränen und Blicke vertraten die Stelle.

So fand sie der alte Münster. Ida stand auf ihn in

ihre arme zu schliessen. Die Scene der sprachlosen Zärtlichkeit erneuerte sich, und erst spät in die Nacht hub jene süsse vertrauliche Unterhaltung zwischen den glücklichen Dreien an, die jeder meiner Leser sich malen kann, welcher Jahre lang von seinen Lieben getrennt war, entfernt von ihnen tausenderlei Glück und Unglück erfuhr, das er ihnen nun beim Wiedersehen gern auf einmal vor Augen legen, auch ihre Schicksale hören, und alles alles nachholen möchte, was er bisher versäumen musste. Das Verlangen, den redlichen Münster und seine gattin zu sehen, war vielleicht die Hauptursache der Reise nach Prag, aber nicht die einzige gewesen. Auch Sophie war ein Gegenstand von Idas sehnsucht. Aber wie sollte sie vor ihr erscheinen? – Sie war in einer Verfassung, welche es ihr verbot, sich öffentlich bei hof zu zeigen. – Münster, der seiner königin bekannt war und von ihr geschätzt wurde, übernahm das Geschäft, ihr die Anwesenheit der gräfin von Würtemberg und ihre Wünsche zu melden. Sophie kam denselben entgegen; sie erklärte sich, sie wolle zu besserer Geheimhaltung der Gegenwart ihrer Freundinn sie nie anders als in dem haus ihrer Eltern sehen, und diesen Abend sie in Begleitung einer einigen Dame besuchen.

Sophiens sanfter milder Charakter war durch langes Leiden noch mehr veredelt worden. Das Unglück hatte allen Stolz in ihr getilgt, sie hatte zu sehr erfahren, wie ein zufälliges vorübergehendes Gut die Krone sei, als dass sie jetzt, da sie sie von neuem trug, an den kleinen armseligen Ceremoniel hätte hängen sollen, das mit derselben verbunden war. Sie hielt sich nicht für zu erhaben, die wohnung eines geringen Bürgers zu besuchen. Freundschaft führte sie in Münsters Haus, so wie sie Mildtätigkeit und Menschenliebe oft in noch weit niedrigere Hütten führten. Ida lag in Sophiens Armen, Tränen der Freude strömten aus beider Augen, aller Unterschied des Standes war vergessen, die königin fühlte das Glück eine wahre Freundinn an ihren Busen zu drücken so lebhaft, dass ich glaube, sie hätte sich mit gleicher Herablassung betragen, wenn die, welche sie liebte, auch nicht die gräfin von Würtemberg, wenn sie bloss Ida Münsterinn gewesen wär.

Vertrauliche gespräche gingen von Mund zu Mund. Sophie erzählte die lange geschichte ihres Leidens, und beschloss sie mit der traurigen Bemerkung, wie wenig der Urheber derselben, ihr Gemahl, durch das, was er auch gelitten hatte, gebessert sei. Der einige Gewinst, den sie von den Trübsalen hatte, die ihr an seiner Seite zu teil wurden, war etwas mehr Liebe und achtung als sie im Anfange ihrer Ehe von ihm genoss. Wenzel hätte noch weniger Mensch sein müssen als er war, wenn nicht seine treue Leidensgefährtinn, seine Freundinn, seine Trösterinn, eine Art von Dankbarkeit in seinem Herzen hätte erregen sollen.

Das Gerücht sagte, wie wir bereits gehört haben, von Sophien, sie sei durch ihre Leiden andächtig geworden, und wir können ihm nicht ganz widersprechen. Sophie war andächtig, war vielmehr ernst, aber nicht das, was man bigott nennt. Wem sind die Geschichten des Märtyrers der Wahrheit, des redlichen Johann Huss nicht bekannt? Er fing in den damaligen zeiten an zuerst aufzutreten; seine Reden waren ganz anders als die der Pharisäer und Schriftgelehrten seiner Zeit. Die königin liebte ihn und hörte ihn gern. Die Aufmerksamkeit des Erzbischofs verhinderte, dass sie hierinn nicht allemahl so handeln konnte wie sie wollte, aber der geheime Umgang mit Ida machte, dass sie anfing unter der Decke der Verborgenheit sich auch hierinn mehr zu erlauben als zuvor.

Im schlechten bürgerlichen Gewande, oft ohne alle Begleitung, oft zu Fuss, besuchte die königin ihre Freundinn, und beide traten denn den Weg nach der Mattäuskirche an, wo der Prediger der Wahrheit sich hören liess. Sophie war in ihrer geringen Tracht nicht so von ihrer Hoheit entkleidet, dass man sie nicht hätte kennen sollen, sie und die schöne Fremde, welche man immer an ihrer Seite sah, erregten Aufmerksamkeit; die Prager Bürgerinnen freuten sich ihre königin bei ihren Andachtsübungen mitten unter sich zu haben. Hussens Beifall vermehrte sich, vornehmlich bei dem weiblichen Geschlecht. Mehrere Damen von stand machten sich es zur Ehre, ohne allen Schmuck, gleich den ersten Bekennerinnen des christentum, in seinen Predigten zu erscheinen, und die Geistlichkeit schrie mit tausend Zungen über den Unfug.

Münsters geschickte Hand hatte bei Ausschmükkung der Kirche, wo Huss predigte, ein Meisterstück geliefert, welches aber so beschaffen war, dass nur wenige es sehen durften, und dass es daher in einer abgelegenen Halle verschlossen ward. Verschiedene Gruppen der herrlichsten Bildsäulen