1788_Naubert_078_106.txt

glaubt wohl nicht, dass ihr und euer Freund euch jetzt auf einer gefährlichen probe befunden habt? Das Leben des einen und meine gute Meinung für den andern stand auf dem Spiel, aber eure Aussage hat beide gerettet. Ulrich von Senden, der bei der Sache des Konrad von Langen schon einmal im Verdacht kam, der Pflicht eines Dieners der heimlichen Rache nicht völlig genug getan zu haben, ward angeklagt, er habe in Ansehung eurer zum zweitenmal gesündigt, habe euch gewarnt, euch Waffen in die hände gegeben, euch in jener schrecklichen Stunde zu verteidigen, habe euch nur zum Schein ein wenig verwundet, und von euch eine ähnliche Verletzung bekommen. Leider steht auf solche Vergehungen, welchen die Menschheit eigentlich einen mildern Namen geben sollte, bei uns der Tod. – Ulrich von Senden trug durch seine Erscheinung viel dazu bei, seine Anklage wahrscheinlich zu machen. Er trat auf, und widersprach dem Urteil, das wider euch gefällt worden ist, ward ein Verteidiger eurer Unschuld, und verlangte Entlassung von seinem Posten, Entkleidung von der traurigen Würde eines Dieners der göttlichen Gerechtigkeit, um mit dem unschuldigen Herrmann von Unna als Bruder leben zu können. – eigentlich wär hiedurch sein Urteil gesprochen gewesen, aber mir schauerte vor den Ungerechtigkeiten, die unter dem heiligen Namen unsers Gerichts ausgeübt werden; ich drang auf Untersuchung. Herrmanns Ankunft gab uns die beste gelegenheit die Wahrheit zu erfahren: einige Worte von mir gaben ihm Anlass sich von Ulrichen bei mir verleumdet zu halten, aller Verdacht der Parteilichkeit gegen seinen Freund, ward durch den Unwillen, den dieses in seinem Herzen erregte, aufgehoben. Er antwortete auf meine künstlich verschlungenen fragen, ohne Vorliebe für Ulrichen, blieb auf der geraden Bahn der Wahrheit, seine Aussage stimmt wörtlich mit dem überein, was wir von Senden erfuhren. Ulrich ist gerechtfertigt, und Herrmann bekömmt zum Lohn für die Redlichkeit seines Herzens die Freiheit, ins künftige Ulrichen ohne Furcht als Freund umarmen zu können. Ulrichs Entlassung wird nun keine Schwierigkeit mehr haben.

Und auch Herrmann wird gerechtfertigt sein? fragte Ulrich, der Herrmanns Hand fest in die seinige geschlossen hielt.

Wollte Gott! rief der Graf, aber leider ist alles was ich durch euch zu des armen Jünglings Besten erfuhr, nur für mich überzeugend. Herrmann muss fliehen, fliehen unter meinen Schutz. Die Zeit macht Dinge möglich, an die wir jetzt nicht denken dürfen. Allemal ist es ein wichtiger Umstand, den ich durch euch, Ritter Ulrich, erfuhr, dass ausser Kunzmann, welcher im tod Herrmann den Mitgenossen seiner Untat nannte, noch zwei oder drei andere Mörder Herzog Friedrichs sind gesehen, und – (vielleicht mit Vorbedacht) zu nachlässig verfolgt worden. Gott weis, wie es möglich gewesen ist diesen Punkt bei dem gesprochenen Urteil zu übergehen! – Aber die Rache wird diese Ruchlosen ereilen, und ihre Aussage wird Kunzmanns Bekenntniss bestätigen oder widerlegen, wie es die Wahrheit erfordert.

Widerlegen! schrie Herrmann, oder ich verdiene nicht der Verwandte des edlen Grafen von Unna zu sein.

Du verdienst es, wie ich hoffe! rief der Greis, du sollst mein Verwandter, selbst mein Sohn sein, wenn die Zeit dich vor den Augen der Welt so rechtfertiget wie vor den meinigen! –

Siebzehntes Kapitel.

Herrmann zieht gegen Italien.

Die Freunde verliessen den Grafen, um in der Einsamkeit die Erstlinge ihres Glücks zu geniessen. Also warst du mein Verteidiger bei dem Grafen, nicht mein Ankläger wie ich meinte? rief Herrmann, als er sich von seinem ersten Erstaunen erholte.

Konnte der gutmütige Herrmann sich doch endlich zu bösen Verdacht gegen seinen Ulrich hinreissen lassen? erwiderte von Senden.

Und also kann ich, darf ich dich künftig Freund und Bruder nennen, und du wirst nicht mehr den Unschuldigen verfolgen, und dein Ohr vor der stimme der Wahrheit verschliessen?

Verschloss ich es je? Wahrheit und Unschuld strahlten mir in die Augen, Todesangst überfiel mich, wenn ich dich mit all deiner Liebenswürdigkeit vor mir sah, wie du um meine Freundschaft warbst, mir aus vollem Herzen trautest, und der Gedanke in meiner Seele aufstieg, die Richter haben gerichtet, ich muss ihn ermorden! Unaufhörlich, auch wenn du nicht um mich warest, schwebte dein Bild vor mir, bald bleich und blutig, bald lächelnd und bittend, im Auge den vollen Ausdruck der Schuldlosigkeit. – Mein Herz blutete, mein Verstand schwankte, tausendmal wär ich lieber gestorben, aber ich musste tun, was ich tat! – Doch lass uns die Augen auf ewig von dem Vergangenen abwenden! die Fesseln sind gebrochen, du vergiebst mir, und wir sind Freunde auf ewig!

Herrmanns Freude über das Herz, das er gewonnen hatte, wuchs mit der Dauer der Unterredung, aber Ulrich ward am Ende still und nachdenkend. Lass mich! sagte er zu seinem Freunde, ich vergesse, dass mir die Loszählung von meinem Eide erst auf künftige Nacht bevorsteht, und dass bis dahin unsere bisherige Lage noch nicht verändert ist.

Herrmann lächelte ein wenig über die strenge Gewissenhaftigkeit seines Bruders und verliess ihn, um Anstalten zu jener Abreise zu machen, deren Eil ihm der Graf so dringend empfohlen hatte, und die ihm nur darum anstössig war, weil sie den verhassten Namen Flucht führte.

Was in dieser Nacht mit Ulrichen von Senden vorging, auf welche Art er aus der grossen über die halbe Welt ausgebreiteten Gemeinschaft der12 Geheimnisvollen entlassen, auf welche Weise ihm Wille und Möglichkeit benommen wurde, in Zukunft an ihren Angelegenheiten teil zu nehmen